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Hohe Spritpreise Finger weg von der Mehrwertsteuer

Bernward Janzing

Kommentar von

Bernward Janzing

Es gibt einfache Arten, Menschen zu entlasten. So könnte die Einkommensteuer für Geringverdiener gesenkt und Armen ein Fixbetrag gezahlt werden.

D as „Konzept“ aus dem Jahr 2020 sollte allen Entscheidern eine Warnung sein. Damals senkte die Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz für sechs Monate die Umsatzsteuer – gemeinhin Mehrwertsteuer genannt. Wohlgemerkt: die Umsatzsteuer, die jedes Unternehmen bei jeder einzelnen Buchung mit sich führt. Der Schritt erfolgte auch noch mit extrem kurzem Vorlauf, sodass viele Abrechnungen neu erstellt werden mussten. Vielsagend hatte es zuvor im Gesetzentwurf geheißen: Der „Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft“ könne „in der Kürze der Zeit nicht beziffert werden“.

Auf die Idee, ein solches Gesetz zu machen, kann nur kommen, wer im Alltag nicht mit der Umsatzsteuer vertraut ist. Firmen fluchten, weil ihre IT die neuen Steuersätze so kurzfristig gar nicht abbilden konnte. Am Ende war die Steuersenkung ein Projekt, das vor allem durch hohe Transaktionskosten in Erinnerung blieb. Und natürlich durch ein Loch im Haushalt.

Dass jetzt angesichts der gestiegenen Spritpreise Pläne kursieren, abermals an der Umsatzsteuer zu drehen – etwa von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und dem Unions-Fraktionsvorsitzenden Thorsten Frei –, zeugt von geringer Lernfähigkeit. Denn die Bundesregierung hätte elegantere Möglichkeiten, um die Bürger steuerlich zu entlasten. Und zwar solche, die nicht die Buchhaltungen von Unternehmen aufmischen.

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Will die Bundesregierung zum Beispiel Geringverdiener entlasten, kann sie einfach die Einkommensteuer im gewünschten Lohnbereich anpassen. Die Wirtschaft hat keine Umstellungskosten, die Bürger haben keinen zusätzlichen Aufwand. Und doch führt es dazu, dass Geringverdiener mehr Geld zur Verfügung haben. Oder der Staat überweist jedem Bürger oder zumindest Teilen der Bevölkerung nach definierten Sozialkriterien einen Fixbetrag. So würden auch jene profitieren, die trotz Arbeit so wenig verdienen, dass sie erst gar keine Steuern zahlen. All das ist klüger, als wieder an der Umsatzsteuer herumzudoktern.

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Bernward Janzing

Bernward Janzing

Fachjournalist mit Schwerpunkt Energie und Umwelt seit 30 Jahren. Naturwissenschaftler - daher ein Freund sachlicher Analysen.
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16 Kommentare

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  • Der Dude

    Geringverdienende zahlen keine Einkommenssteuer. Und Speditionen usw. auch nicht, die werden aber teurer durch die hohen Spritpreise, was wiederum Lebensmittel u.ä. teurer macht, also wieder Geringverdienende trifft.

  • Goldi

    Sehr guter Kommentar. Danke! :-)

    Die bäuerliche Landwirtschaft sollte, meiner Meinung nach, auch steuerlich/im größeren Rahmen vom Fiskus entlastet werden.

    • Perkele

      @Goldi:

      Klar. Insbesondere die Investmentunternehmen, die riesige Länderein verschlingen und die Kleinbauern verdrängt duch Finanzkraft.

  • Carsten S.

    Das wird den Facharbeiter, der von 60 000 im Jahr 3000 im Monat behalten darf, trotzdem nicht überzeugen, wenn gleichzeitig das Hallenbad schliesst weil die Kommune pleite ist und die Strasse vor der Haustür voller Schlaglöcher ist.

  • Helge Biscalchin

    Die niedrigen Einkommen mittels der Einkommenssteuer zu entlasten ist gar nicht so einfach möglich. Weil einerseits niedrige kaum Einkommensteuer bezahlen und andererseits aufgrund der Ausgestaltung der Einkommensteuer hohe Einkommen immer stärker mit entlastet werden.

    Da es keinen direkten Auszahlungsmechanismus durch den deutschen Staat gibt, müssten die "Armen" hier dann die Hilfe beantragen, was erfahrungsgemäß zu einem Bürokratiemonster mit Einkommensnachweisen und ähnlichem führt, was die Betroffenen abschreckt und dazu führt das viele Betroffene die Hilfen gar nicht beantragen.

    Während das Hauptaufkommen der Mehrwertsteuer von mittleren und niedrigen Einkommen aufgebracht wird, also wäre hier die Senkung der Mehrwertsteuer die deutlich ziel genauere und unkompliziertere Lösung.

    • warum_denkt_keiner_nach?

      @Helge Biscalchin:

      "Da es keinen direkten Auszahlungsmechanismus durch den deutschen Staat gibt..."

      Gibt es seit einer Weile.

      Und die Mehrwertsteuer ist definitiv kein Hebel, weil es keine Garantie gibt, dass eine Senkung weiter gegeben wird. Ein Preisdeckel lässt viel weniger Raum für Tricks...

      • Der Dude

        @warum_denkt_keiner_nach?:

        Die Senkung der MwSt würde auf jeden Fall weitergegeben, da der Preiskampf im Einzelhandel brutal ist.

  • Leon Kaz

    Thorsten Frei behauptete im Interview, eine Übergewinnsteuer sei kaum umzusetzen. Rechtlich, aber auch praktisch. Man wisse ja nicht einmal, wie man Übergewinn bestimmt. 2022 - die Älteren erinnern sich - ging das. Da legte man den Übergewinn per Definition fest und schöpfte ihn ab. Als hätten die Kartellämter keine Zahlen zu dem, was Ölunternehmen sonst so einnehmen....

    • Perkele

      @Leon Kaz:

      Er WILL das nicht - genau wie seine csdU. Dazu sind die Konzerne zu stark, die Bevölkerung, namentlich die geringer verdienende, ist dagen sehr viel leichter zu ignorieren. Zudem spendet dieser Teil auch nicht an Parteien, vergibt keine "Beraterverträge", sowie nach dem Ende der politischen Karriere bestens bezahlte Pöstchen.

  • Perkele

    Dass Leute wie Reiche oder Frei nicht lernfähig sind, das ist Allgemeinwissen. Dennoch: lernfähig sind sie dann, wenn es darum geht ihren Lobby-Auftraggebern zu mehr Profit zu verhelfen. Die Durchschnittsbürger*innen gehören nicht zu diesem exklusiven Kreis. Die MWSt-Initiative ist blanker Populismus, der den Leuten Sand in die Augen streut, sonst nix.

    • Oskar Muster

      @Perkele:

      Wie richtig bemerkt. In diesem Zusammenhang fordere ich die Regierung auf, ALLE Lobbyisten aus einer Bannmeile um den Bundestag zu entfernen und keinem mehr den Zutritt zu erlauben. Die Demokratie würde aufatmen.

  • Mondschaf26

    Und was Thorsten Frei vermutlich auch nicht weiß:



    Die Reduzierung der Mehrwertsteuer ist nur für privat genutzte Fahrzeuge interessant. Im gewerblichen Bereich wird die Mehrwertsteuer sowieso als Vorsteuer abgezogen, ist somit ein durchlaufender Posten. Da ist die Höhe uninteressant. Die Entlastung für Unternehmen (z.B. Speditionen) wäre gar keine.



    Und auch bei der pauschalversteuerten Privatnutzung von Firmen-PKW (aka Dienstwagen-Privileg) werden die Unternehmen nur marginal mit Mehrwertsteuer belastet.

  • realnessuno

    Von Politikern erwarte ich keine "Lernfähigkeit". Vermutlich sonst auch niemand.



    Berufspolitiker sind Karrieremenschen, die "die Industrie" unterstützen, so meine Erfahrung in den letzten 30 Jahren.

    Um da eine Lernfähigkeit, Vernunft oder Humanität zu erwarten, müßte am System selbst gedreht werden.

  • warum_denkt_keiner_nach?

    "Die Wirtschaft hat keine Umstellungskosten..."

    Das ist bei Einkommensteuersenkungen keine Kosten für Unternehmen entstehen, ist nicht richtig. Die Unternehmen müssen diese für ihre beschäftigten abführen und Änderungen bei der Berechnung verursachen natürlich auch Kosten.



    Und eine Senkung der Umsatzsteuer für eine eng begrenzte Palette von Produkten, die auch nur von wenigen Konzernen vertrieben werden, führt natürlich auch nur zu überschaubaren Kosten.

    Schlimmer ist, dass es keine Garantie gibt, dass die Konzerne die Senkung weiter geben. Sie können sie sich auch einfach einstecken. So wie die Gastronomie die Steuersenkung auch nicht weiter gegeben hat.

    Wenn man wirklich mit vertretbarem Aufwand etwas erreichen will, muss man Zwang anwenden. Also letztlich einen Preisdeckel einführen. Funktioniert bei unseren Nachbarn und bietet wenig Raum für Tricksereien.

  • elektrozwerg

    Es kommt darauf an wen die Regierung primaer entlasten will. Ich tippe mal auf die Wirtschaft, deshalb gehen die o.g Vorschlaege am Ziel vorbei.

    • Thomas Sauer

      @elektrozwerg:

      Die Menschen also, die täglich malochen und Steuern zahlen. Freut mich wenn die am Ball bleiben und meine Rente finanzieren. Dem Unternehmen soll es weiter ermöglicht werden, die Arbeitsplätze möglichst alle zu erhalten.