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Hohe Benzin- und DieselpreiseWie der Staat die hohen Spritkosten abfedern kann

Bundeskanzler Merz hat Entlastungen versprochen und will dazu bald einen Vorschlag machen. Welche Ideen es schon gibt – und was sie bringen.

Ein billigeres Deutschlandticket? Eine Neuauflage des Tankrabatts? Das Versprechen von Bundeskanzler Friedrich Merz, für Entlastungen bei den Spritpreisen zu sorgen, hat die Debatte um mögliche Maßnahmen neu entfacht.

Merz hatte am Dienstag beim Unternehmertag des Außenhandelsverbands BGA angekündigt, die Preistreiberei an der Zapfsäule abzufedern. In Deutschland kostete der Kraftstoff Super E10 am Dienstag laut ADAC den vierten Tag infolge mehr als je zuvor – obwohl der Rohölpreis auf dem Weltmarkt deutlich unter den Höchstwerten der Vergangenheit lag. Der Kanzler sagte nun, es werde „sehr bald“ ein Vorschlag für Entlastungen vorgelegt.

Dabei haben verschiedene Ak­teu­r:in­nen schon zahlreiche Ideen unterbreitet. Vorschlag eins, befördert am Mittwoch von Unionsfraktionschef Thorsten Frei: eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Sprit. Aktuell gilt für Kraftstoffe der klassische Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Frei will ihn auf 7 Prozent senken. Die Folge: Au­to­fah­re­r:in­nen müssten weniger fürs Tanken zahlen – es sei denn, die Ölkonzerne erhöhen den Produktpreis vor Steuern künstlich. Dem Klimaschutz wäre die Maßnahme nicht dienlich, weil sie den Verbrauch fossiler Kraftstoffe wieder attraktiver macht. Sie käme auch denjenigen zugute, die sich teureren Sprit mühelos leisten können. Und: Der Staat würde auf Einnahmen verzichten, während die Gewinne der Tankstellenbetreiber unangetastet blieben.

Hohe Preise an der Zapfsäule

Hintergrund der erhöhten Preise ist vor allem der Krieg in der Golfregion, zwischen den Regierungen der USA, Israels und Irans. Seit Februar ist die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Erdöls und Flüssiggases geschifft wird, kaum mehr passierbar.

Eine Blockade der Meerenge Bab al-Mandab am Roten Meer, auf dem kürzesten Seeweg zwischen Asien und Europa, durch die Huthi-Miliz aus Jemen setzt den Ölmarkt seit wenigen Tagen noch stärker unter Druck. Vor allem Öltransporte aus dem Exportland Saudi-Arabien sind praktisch blockiert – das Öl fehlt dem Weltmarkt und treibt die Preise.

Deutschland bezieht Mineralöl und Flüssiggas zu großen Teilen aus anderen Weltregionen, die Konzerne schraubten die Preise jedoch eben auch hier deutlich nach oben und schlugen so Profit aus der Krise.

Gießkanne oder gezielt

Vorschlag zwei: eine Senkung der Energiesteuer auf das europäische Mindestmaß, 35,90 Cent pro Liter bei Benzin und 33 Cent pro Liter bei Diesel – nichts anderes als eine Neuauflage des Tankrabatts, mit dem die Bundesregierung im Mai und Juni die Preise zu dämpfen versuchte. Dafür machte sich Sebastian Steineke, der Verbraucherschutzbeauftragte der Unionsfraktion im Bundestag, im Handelsblatt stark.

Nachteile haben sich jedoch schon gezeigt: Auch der Tankrabatt motiviert nicht zum Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel. Mineralölkonzerne können die Nettopreise erhöhen und so einen Teil des Rabatts einheimsen. Und auch hier lässt sich der Staat Steuereinnahmen entgehen: 1,6 Milliarden Euro waren es im Mai und Juni. Der Vorteil? Tanken wird billiger – wenn die Konzerne den Rabatt denn auch an die Fah­re­r:in­nen weitergeben.

Vorschlag drei und vier: ein Spritpreisdeckel nach luxemburgischen Vorbild oder eine Steuer auf die zusätzlichen Gewinne der Ölunternehmen. Beide Maßnahmen funktionierten fast gleich, sagt Christoph Trautvetter, Koordinator im Netzwerk Steuergerechtigkeit: „Die Bundesregierung weiß aus der Arbeit des Kartellamts sehr genau, wie die Margen der Raffineriebetreiber, Rohölhändler und der Preis an den Rohölmärkten in normalen Situationen aussehen und sich in der aktuellen Krise entwickeln.“ So könne sie den Krisengewinn deckeln oder abschöpfen.

Prominente SPD-Vertreter:innen befürworten beides – CDU und CSU hingegen stellen sich bislang quer. Beides würde den Verkehr nicht klimafreundlicher machen. Immerhin aber würde verhindert, dass fossile Konzerne zusätzlich von der Krise profitieren. Trautvetter warnt: „Eine schlechte Idee ist dagegen ein Preisdeckel, der den Preis durch Subventionen niedrig hält.“ Die polnische Regierung teilte derweil am Dienstag mit, eine Übergewinnsteuer einführen zu wollen.

Reiche will direkte Zahlungen

Vorschlag fünf setzt an der Klimapolitik an – und zwar mit dem Hackbeil. CDU-Politiker Tilman Kuban hat am Mittwoch gegenüber Focus Online vorgeschlagen, den deutschen CO2-Preis auszusetzen. Den zahlen Unternehmen, die klimaschädliche Produkte wie Benzin, Diesel, Heizöl oder -gas auf den Markt bringen, pro resultierender Tonne CO2 – und geben die Kosten in der Regel an die Ver­brau­che­r:in­nen weiter. Pro Liter Sprit mache das 15 bis 18 Cent aus, sagte Kuban. Also einfach weg damit? Die Maßnahme würde fossile Kraftstoffe gegenüber klimafreundlicheren Alternativen wie E-Autos oder dem ÖPNV finanziell weniger unattraktiv machen, also klimapolitische Lenkung abwürgen. Und: Das Geld, auf das der Staat dadurch verzichten würde, würde konkret dem Klimaschutz fehlen. Das haben Ex­per­t:in­nen schon bemängelt, als die Bundesregierung im August beschloss, auf die zuvor geplante Steigerung des CO2-Preises zu verzichten. Die öffentlichen Einnahmen fließen in den Klima- und Transformationsfonds, aus dem der Bund zahlreiche Klimaprojekte wie die Förderung für Wärmepumpen zahlt – und bei dem zwischen Einnahmen und Ausgaben im kommenden Jahr eh schon ein Milliardenloch klafft.

Vorschlag sechs: direkte Zahlungen an besonders betroffene Bürger:innen. Dafür spricht sich zum Beispiel Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) aus, bisher hat sie jedoch nicht viele ihrer Frak­ti­ons­kol­le­g:in­nen auf ihrer Seite. Auch Sebastian Bock, Geschäftsleiter Politik beim Naturschutzbund Nabu, fordert kurzfristig ein „faires Mobilitätsgeld, das gezielt entlastet“. Der Vorteil: Die Unterstützung würde besonders den Menschen helfen, für die die hohen Spritpreise eine echte finanzielle Belastung sind. Gleichzeitig können sie das Geld auch für klimafreundliche Verkehrsmittel wie den ÖPNV nutzen.

Vorschlag sieben geht in eine ähnliche Richtung: den Spritpreis in Ruhe lassen und woanders entlasten. So ließe sich ein Nutzen daraus ziehen, dass die hohen Preise klimaschädliche Verbrenner unattraktiv machen – und dass sie zeigen, wie knapp fossile Rohstoffe sind. Rabatte auf Zug- und ÖPNV-Tickets sind eine Möglichkeit, eine Mietpreisbremse oder eine Senkung der Stromsteuer eine andere. Der Sozialverband Deutschland fordert, sich bei Entlastungen nicht allein auf die Preise an den Zapfsäulen zu konzentrieren.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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11 Kommentare

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  • Desdur Nahe

    "...CO2-Preis auszusetzen...Geld, auf das der Staat dadurch verzichten würde"



    Verzichten? Vielleicht als Erinnerung: Es wurde versprochen, dass die Einnahmen als "Klimageld" an die BürgerInnen ausgezahlt werden sollten. Konnte sich danach dann aber keine Regierung mehr dran erinnern. Aber dann über Politikverdrossenheit und Protestwählende wundern. Sind alles so Mosaiksteine, die die Straße pflastern, auf der die AfD an die Macht fährt.

  • T-Rom

    Das Einzige, was eine übermäßige Preissteigerung seitens der Mineralölkonzerne begrenzen würde, wäre ein staatliches Preisbildungsmodell wie zB in Luxemburg. Aber auch da sind die Preise dieses Jahr gestiegen.



    Ansonsten - da es im Moment eine Verknappung von Rohöl / Treibstoff gibt, kann man das nicht einfach so "wegsubventionieren", egal mit welchem Mechanismus.

  • Undine Decker

    Meines Erachtens, sollten die Steuern auf Kraftstoffen (vor allem auch auf Heizöl und Gas) schnell reduziert werden. In unserem Dorf wohnen überwiegend Senioren in kleinen bescheidenen Häusern. Nach dem letzten Dorftreffen teilte uns besonders diese Personengruppe mit, dass ihre Heizungstanks fast leer seien und sie für den Winter nicht tanken können. Warum interessiert sich die Regierung nur im Sommer für unsere Senioren? Und zu den Verbrennern, was ist, wenn man sich kein E+Auto leisten kann? Unsere Politiker haben es verlernt sich in die Situation der Bürger hineinzuversetzen.

  • Pfennig

    Das alte Prinzip: Das Geld, das der Staat dem Bürger durch Subventionen in die eine Tasche steckt, holt er sich durch Steuern und Abgaben aus der anderen Tasche. Aber die Politik hat sich handlungsfähig gezeigt und da es nicht den direkten Bezug gibt Subvention von heute = Steuer von morgen, glaubt der Bürger er bekommt tatsächlich etwas geschenkt, und die Verwaltung bekommt zu tun, sie ist mit der Abwicklung beschäftigt. Somit eine Win / Win - Situation, für die Politik und für die Bürokratie.

  • gyakusou

    Wieso hat die Regierung nicht schon längst detailliert ausgearbeitete Pläne in der Schublade, wie man die Bürger bei erneut stark ansteigenden Benzin-/Energiekosten entlasten kann? Man hatte jetzt viele Monate Zeit, sich sinnvolle Maßnahmen und deren Umsetzung zu überlegen.

  • rosef

    Enlastung über MwSt. ist maximal dämlich, da hier z.B alle gerwerblichen Verbraucher wie z.B Speditionen übberhaupt nichts davon haben. Der Druck auf die Inflation bleibt erhalten.

    Typische Möhre vor der Wahl. Nach der Wahl ist die Möhre dann plötzlich verschwunden.

    • dtx

      @rosef:

      Das Modell krankt nicht nur daran, daß die vorsteuerabzugsberechtigte Wirtschaft unberücksichtigt bleibt, was Reiche ja eingeräumt und womöglich auch verstanden hat.

      Sondern auch daran, daß es wieder einmal der ach so verständnisvollen Mineralölwirtschaft überläßt, ob und wenn ja, in welchem Umfang der Tankstellenkunde am Einnahmeverzicht des Fiskus beteiligt werde. Es ist wie so oft: Eine Sache, die schon einmal gut schiefgegangen ist, kann gerne wiederholt werden. Ein anderer Ansatz, der den Steuerzahler nicht im Nachgang doch wieder belastet, wäre mit Nachdenken verbunden ...

  • Woodbine

    Es ist noch immer nicht zu teuer, das edle Nass aus der Zapfpistole, - wenn ich sehe, dass Motoren minutenlang im Stand laufen, dass ohne Not Vollbremsungen und Blitzstarts zelebriert werden. Oder der fossile Rasenmäher zweimal die Woche über gelbe Halme staubt. Vielleicht ist es auch eine neue Methode, seinen Reichtum vorzuführen:



    Seht her: ich kann mir jede Woche DREI Tankfüllungen leisten!



    "Thorsten Frei: eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Sprit."



    Und wer 50 Liter tankt, bekommt noch vier Kanister umsonst dazu.

    • Desdur Nahe

      @Woodbine:

      "dass Motoren minutenlang im Stand laufen"



      Ein Diesel verbraucht ca. 0,5 Liter im Stand pro Stunde, also knapp 0,02 Euro pro Minute. Ob das zu "Seht her" taugt?

      • dtx

        @Desdur Nahe:

        Natürlich. Klagen ohne zu leiden, ist die Maxime. Zumal man so nicht nur mit Verschwendungssucht, sondern auch mit dem Begehen von Ordnungswidrigkeiten angeben kann.

    • Zippism

      @Woodbine:

      Interessant, wie selektiv „zu teuer“ und „zu billig“ offenbar definiert werden. Beim Sprit wird der private Verbrauch plötzlich zur moralischen Verfehlung, während andere Dinge gar nicht billig genug sein können: subventionierte Kulturbetriebe, das Deutschlandticket oder die nächste staatliche Förderung für irgendein gesellschaftspolitisches Lieblingsprojekt. Die Wohnung ist Ihnen zu teuer? Dann nehmen Sie eben eine kleinere am Stadtrand. Die Miete können Sie schließlich selbst beeinflussen. Wer sich 100 Quadratmeter mitten in der Stadt leisten kann, soll sich nicht über hohe Wohnkosten beschwere