Friedensaktivist über Ostermarsch: „Durch Russland und den Iran fühlen sich nur wenige bedroht“
Ralf Cüppers ruft zu einer Friedensdemo am Karfreitag zum Nato-Flugplatz Schleswig-Jagel auf. Er hat schon vor 40 Jahren Ostermärsche organisiert.
taz: Herr Cüppers, dadurch, dass in den letzten Jahren eine Kriegsgefahr in Europa viel größer geworden ist, hat die Ostermaschbewegung stärkeren Gegenwind. Viele Ihrer alten Weggefährten sind inzwischen abgesprungen …
Ralf Cüppers: Ja, und zu denen gehört für mich auch die taz, die in den 1970er Jahren ganz klar die Position der Friedensbewegung vertreten hat, in der es aber seit dem Jugoslawienkrieg auch kriegsbefürwortende Töne gibt.
taz: Ist die Ostermarschbewegung also in einer Krise?
Cüppers: Nein, denn obwohl sich sowohl die Sozialdemokraten wie auch das grüne Spektrum von uns verabschiedet haben, sind die Teilnehmerzahlen bei den Ostermärschen gestiegen – weil jetzt Leute, die von den politischen Parteien nichts halten, vermehrt zu uns kommen. Die Tatsache, dass die offiziellen Führer der Kirchen, Gewerkschaften, der Grünen und Sozialdemokraten nicht mehr dabei sind, hat uns nicht geschadet.
taz: Das heißt also, dass heute andere Menschen an den Ostermärschen teilnehmen als früher?
Cüppers: Es hat immer ein Querschnitt der Bevölkerung an den Ostermärschen teilgenommen, und zwar altersmäßig, Männer und Frauen, Arm und Reich. Jetzt sind aber wegen der Schulstreiks gegen die geplante Wehrpflicht wesentlich mehr junge Leute dabei, weil sie auch persönlich betroffen sind. Sie sind ja diejenigen, die von unseren Regierungen verheizt werden sollen.
taz: Am Karfreitag marschieren Sie zum Nato-Flugplatz Schleswig-Jagel, um gegen dessen Ausbau als Drohnenflugplatz zu protestieren.
Cüppers: Das ist ein Standort für Tornado-Kampfflugzeuge, die zum Teil auch Atomwaffen tragen können. Wir haben lange versucht herauszubekommen, wie hoch die Umweltbelastung dieses Natostandorts ist. Und weil die Unterlagen für den Ausbau öffentlich gemacht werden mussten, stellte sich heraus, dass dort so viel Treibstoff verbraucht wird, dass man damit jeden Haushalt in Schleswig mit Erdöl beheizen könnte. Außerdem sind die Belastungen der Umwelt etwa durch die Ewigkeitenchemikalie Perfluoroctansulfonsäure in den Abgasen des Flugbenzins und den Lärm erheblich.
taz: Aber ist Ihre Argumentation hier nicht eher strategisch? Denn Sie möchten ja, dass der Militärflughafen Jagel ganz geschlossen wird.
Cüppers: Das ist richtig! Wir brauchen ihn nicht und er gefährdet uns nur. Man sagt ja „Raketen sind Magneten“, und wenn wir hier in der Region kriegswichtige Standorte haben, ist davon auszugehen, dass eventuelle Gegner zuerst auf uns zielen werden.
taz: Wie antworten Sie denn jenen, die sagen, Deutschland müsse wegen der Bedrohung durch Russland aufrüsten?
Cüppers: Ich lehne diese Feindbildübertragungen ab. Es gibt ja von Greenpeace die Studie mit dem Titel „Wann ist genug genug?“ durch die belegt wird, dass es der Westen ist, der aufrüstet. Und wenn man weltweit fragt, wer denn die Schurkenstaaten sind, werden vor allem die USA, Israel und die Nato genannt. Durch Russland und den Iran fühlen sich nur wenige in Afrika, Asien und Lateinamerika bedroht.
taz: Seit wann sind Sie selbst denn schon ein Ostermarschierer?
Cüppers: Das erste Mal, dass ich an einem Ostermarsch teilgenommen habe, ist schon über 50 Jahre her. Damals ging es darum, den Truppenübungsplatz in der Garlstedter Heide zu verhindern. Damals war wunderschönes Wetter.
Karfreitag, 12 Uhr, Bahnhof Schleswig, anschließend Demo zum Fliegerhorst Jagel, dort Abschluss am Haupttor
taz: Und seit wann sind Sie einer der Organisatoren?
Cüppers: Das ist mehr als 40 Jahre her. Da ging es auch schon nach Jagel.
taz: Dann protestieren Sie also schon mehr als Ihr halbes Leben gegen diesen militärischen Standort?
Cüppers: Genau! Damals war ich noch Student in Kiel und bin mit dem Fahrrad von Flensburg nach Jagel gefahren. Und wir hatten in dem Jahr einen Schneesturm.
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