Film „The Social Reckoning“: Wir bringen Menschen auseinander
Regisseur Aaron Sorkin kommt in seinem neuen Thriller „The Social Reckoning“ auf das Thema Facebook zurück. Wie erzählt er die Geschichte um Whistleblowerin Frances Haugen?
Foto: Sony Pictures
Freiheit ist eine Worthülse. Mit ihr lässt sich vieles rechtfertigen: der freie Markt ebenso wie der Krieg. Weil niemand gegen Freiheit sein kann, ist sie die perfekte rhetorische Waffe. Während Freiheit das Maschinengewehr ist, mit dem Staaten ihre Interessen legitimieren, ist Meinungsfreiheit die Pistole für die Person auf der Straße. Sie wird gezückt, sobald jemand etwas Beleidigendes sagt und sich auf sein Recht beruft, es sagen zu dürfen.
Bei diesem Widerspruch setzt „The Social Reckoning“ an. Aaron Sorkins Film über die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen erzählt von einem Unternehmen, das Meinungsfreiheit zum höchsten Prinzip erklärt – aber eine Infrastruktur geschaffen hat, in der Aussagen millionenfach verbreitet werden können. So wird aus einem rassistischen Post ein Trend, aus einem Gerücht eine Wahrheit, aus Wut eine politische Bewegung.
2021 veröffentlichte das Wall Street Journal interne Dokumente, die zeigten, wie viel Facebook über die problematischen Seiten seiner Produkte wusste. Die Datenwissenschaftlerin Haugen hatte diese Dokumente als Mitarbeiterin des Civic Integrity Teams zusammengetragen. Das Team untersucht die sozialen Folgen der Plattform.
Der Film
„The Social Reckoning“. Regie: Aaron Sorkin. Mit Mikey Madison, Jeremy Allen White u. a. USA 2026, 112 Min.
Irgendwann begegnen die Folgen Haugen (Mikey Madison) persönlich. Der Film macht daraus eine Schlüsselszene. Da steht eine betrunkene Frau auf einer Straße vor ihrem kaputten Auto. Die Polizei trifft ein, doch die Frau weigert sich, ihre Papiere zu zeigen und beginnt, die beiden Beamten rassistisch zu beleidigen. Sie filmt die Szene und lädt sie auf Facebook hoch. Haugen erkennt in ihr eine ehemalige Kommilitonin. Was ist mit dieser einst weltoffenen Frau passiert? Wie konnte sie sich so radikalisieren?
Wie eine menschgewordene Benutzeroberfläche
Gemeinsam mit dem Wall Street Journal-Reporter Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) sammelt sie Beweise dafür, dass der Konzern von den Folgen seiner Produkte weiß. Sie ist gespalten: Sie glaubt noch an den Ursprungsmythos der Plattform, Menschen zu verbinden, erkennt aber, dass sie sie gegeneinander aufbringt. Madison bringt den Widerspruch zwischen Emotion und Vernunft in ihrem Spiel sehr glaubhaft zusammen.
Wie wenig Raum solche Widersprüche im Konzern haben, zeigt eine absurde Szene: Das Civic Integrity Team steht in einem Meeting vor dem CEO Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) in dessen kugelsicherem Büro. Er wirkt wie eine menschgewordene Benutzeroberfläche. Kerzengerade sitzt er da, blickt stoisch auf die Tabellen. Haugen steht schweigend daneben – sie wurde instruiert, keinesfalls zu sprechen. Zuckerberg will keine Erklärungen. Er sagt immer nur: „Gib mir die Zahlen.“
Eine Zahl wird er ignorieren: 64 Prozent. 64 Prozent der Nutzer, die sich Alt-Right-Gruppen anschlossen, sind durch Empfehlungen des Facebook-Algorithmus dazu bewegt worden. Aus Haugens Kommilitonin wird eine Zahl, aus dem Einzelfall ein statistisches Problem.
Die politische Wirklichkeit verschwindet hinter diesen Zahlen. Als ließe sich eine politische Katastrophe nur ernst nehmen, wenn sie auf einer Powerpoint-Folie erscheint.
Inhalte, die Angst und Wut auslösen
2018 bekam diese Vermessung des Sozialen einen schönen Namen: „Meaningful Social Interactions“. Kommentare und geteilte Beiträge wurden wichtiger als Likes. Und so auch Inhalte, die Angst und Wut auslösen.
Daraus soll keine Verantwortung folgen. Facebook, sagt Zuckerberg, sei nur eine Pinnwand. Doch sie ist eine politische Infrastruktur. Metas Apps erreichen täglich 3,6 Milliarden Menschen.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „The Social Reckoning“
Eine Herausforderung, aus diesen Zahlen einen Film zu machen. Programmieren ist von außen betrachtet dröge. Menschen sitzen vor Bildschirmen, um daran zu arbeiten, dass möglichst viele andere vor Bildschirmen sitzen. Doch wie schon bei „The Trial of the Chicago 7“, den er inszenierte, und „The Social Network“, für den er das Drehbuch schrieb, gelingt es Sorkin, aus wenig Action einen Polit-Thriller zu machen. Wenn Ereignisse kaum Drama hergeben, muss der Schnitt die Spannung erzeugen.
Sorkin erlaubt sich, Abläufe in Sekunden zu verdichten, die sich über Monate ziehen. Dokumente im Facebook-Hauptquartier, Haugen und Horwitz in seinem nächtlichen Hotelzimmer, dann Schlagstöcke, die auf Körper eindreschen: der Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021. Drinnen wird gerechnet, draußen eskaliert die Wirklichkeit.
Gefangen in der Logik, die sie verwalten sollen
Dazwischen ist es manchmal ziemlich lustig. In einer wiederkehrenden Szene wird Zuckerberg für eine Testanhörung im Senat trainiert: Seine PR-Beraterin souffliert Worte, aber auch die korrekte Art zu nicken. Strong, der in der HBO-Serie „Succession“ einen neurotischen Medien-CEO spielte, ist beängstigend gut darin, Zuckerberg als emotionslosen Roboter zu geben.
Das Drama über die Gefahren von Social Media wird so auch zur Komödie über Menschen, die in der Logik gefangen sind, die sie verwalten sollen.
Das passt zu einer Welt, in der Meinungsfreiheit zum Dauerargument geworden ist. Der Humor bewahrt den Film davor, im Doomgefühl zu versinken.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert