Ein Jahr Heimwegtelefon in Hamburg: Sicher durch die Nacht
Das Heimwegtelefon begleitet Menschen, die sich auf dem nächtlichen Weg nach Hause unsicher fühlen. Zur Not alarmiert der Telefondienst die Polizei.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Der Weg nach Hause ist für viele mit Unbehagen verbunden. Fast jede*r kennt Situationen, in denen man ein mulmiges Gefühl hat – sei es auf dem Heimweg nach einer Partynacht oder auf dem Weg zur Nachtschicht. Was dann helfen kann, ist das Heimwegtelefon. Im vergangenen Jahr hat der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) mit dem Verein Heimwegtelefon kooperiert. Das Motto: „Wir begleiten dich nachts am Telefon.“ Nun hat das Projekt Bilanz gezogen.
„Nach einer Party wollte ich nach Hause, habe mich auf dem Heimweg aber sehr unsicher gefühlt“, erzählt Melina über ihren ersten Kontakt mit dem Heimwegtelefon. „Es waren viele alkoholisierte Menschen vor Ort und es war dunkel. Außerdem wusste ich, dass ich gerade keinen erreichen kann. Meine Eltern und Freundinnen haben alle schon geschlafen.“
Den Anruf beim Heimwegtelefon beschreibt die 25-Jährige als eine positive Erfahrung. Kurz darauf bewirbt sich die Mediengestalterin, die auch ein Fernstudium macht, bei dem Verein. Nun ist sie ehrenamtliche Telefonistin und begleitet Menschen auf ihrem Heimweg – für mindestens acht Stunden im Monat. „Obwohl eigentlich, ich bin schon mehr als acht Stunden da“, sagt sie.
Deutschlandweit sind Telefonist*innen für Anrufer*innen erreichbar – immer sonntags bis donnerstags von 21 bis 24 Uhr und am Freitag sowie Sonnabend von 21 bis 3 Uhr. Wer anruft, muss zunächst die Datenverarbeitung erlauben. Dann wird nach dem Namen, Alter, aktuellem Stand- und Zielort gefragt.
Lauf in der Mitte des Gehwegs
Virtuell wird die anrufende Person auf einer Karte begleitet. „Wir gehen online mit. So können wir im Notfall sofort Sicherheitskräfte an den exakten Standort der betroffenen Person schicken“, erklärt Melina. „Wir versuchen, den Menschen einfach ein sicheres Gefühl zu geben. In erster Linie sind wir für sie da.“
Aber die Telefonist*innen vermitteln auch allgemeine Tipps. „Wir weisen immer wieder darauf hin: Lauf in der Mitte des Gehwegs, geh den gut beleuchteten Weg, achte auf dein Umfeld und wechsle die Straßenseite, wenn du dich verfolgt fühlst. Oder wenn du irgendwo warten musst, mache das an einem belebten Ort.“
Eine zentrale Kompetenz für alle ehrenamtlichen Telefonist*innen sei es, erkennen zu können, wie lang ein Telefonat helfen und ab wann es die Sicherheit der Anrufenden nicht mehr gewährleisten kann.
Melina nennt ein Beispiel: „Ich habe es am Telefon auch schon erlebt, dass jemand nicht nur das Gefühl hatte, verfolgt zu werden, sondern tatsächlich verfolgt wird. Selbst als die Anruferin mehrmals abgebogen war, konnte sie den Verfolger nicht abwimmeln.“ Dann rufe sie die Polizei. „Das übersteigt die Kompetenz des Heimwegtelefons.“
Polizei und Krankenwagen werden auch bei medizinischen Notfällen, in unübersichtlichen Situationen – etwa mit Geschrei oder Gruppenbildungen – oder in psychischen Ausnahmesituationen gerufen. „Fälle wie diese nehmen einen natürlich mit“, sagt Melina. „Aber zum Glück kommen die nur selten vor.“
Während ihres Dienstes beobachtet die junge Telefonistin, dass weiblich gelesene Personen deutlich häufiger anrufen. Durch ihr Ehrenamt verändere sich auch ihr eigener Umgang als junge Frau mit nächtlichen Wegstrecken, sagt sie. „Ich bin nicht vorsichtiger geworden, sondern bewusster.“
Das Telefon sei ja auch nicht nur ein Angebot zum Anrufen, sondern schaffe auch Aufklärung darüber, wie man sich allgemein in unsicheren Situationen verhalten kann. „Und es animiert vielleicht auch andere zur Zivilcourage“, sagt Melina. „Wir nennen uns Zivilcourage im Homeoffice.“ Sie schmunzelt.
Deutschlandweit knapp 5.000 Anrufe im Jahr 2025
Knapp 5.000 Anrufe nahmen Telefonist*innen des Heimwegtelefons deutschlandweit im vergangenen Jahr entgegen, sagt Melina. 271 waren es in Hamburg. Im Jahr zuvor waren es dort mit 117 Anrufen noch deutlich weniger Anrufe.
Bei der Auswertung der Zahlen seien verschiedene Faktoren zu beachten. „Viele Menschen, die vom Heimwegtelefon erfahren, haben monatelang die Nummer abgespeichert, bevor sie diese dann tatsächlich auch nutzen“, sagt Melina. Und auch die Jahreszeiten würden das Anruferaufkommen beeinflussen.
Dennoch liege es nahe, dass die steigenden Zahlen im vergangenen Jahr in Hamburg auf die Kooperation zwischen dem HVV und dem Heimwegtelefon zurückzuführen seien. „Das Anrufaufkommen im Februar und März 2025 hebt sich deutlich von den saisonal bedingten Schwankungen ab und kann daher auf die Kooperation zurückgeführt werden“, sagt Melina. Durch die HVV-Kampagne mit Social-Media-Auftritten, Plakaten und Presse steige die Bekanntheit des Heimwegtelefons.
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