Rassismus im Berliner Umland: Wenn die Angst zur Normalität wird
In Brandenburg steigt die Zahl rechtsextremer Angriffe. Und mit ihr das Gefühl der Bedrohung unter Menschen mit Migrationshintergrund.
Ein Freund von Felicia*, er kommt aus Indien, wurde in Rüdersdorf südöstlich von Berlin auf der Straße attackiert. Die Angreifer warfen mit Feuerwerkskörpern nach ihm. Seine Jacke fing Feuer. Der Freund von Felicia zeigte die Angreifer nicht an. Er wollte ihnen keine Probleme machen. Sie waren noch sehr jung.
Als Felicia, die aus dem östlichen Afrika stammt, ins nahegelegene Erkner zieht, ist der Vorfall vom letzten Herbst wieder präsent. „Es kommt mir vor wie eine Vorahnung, die immer näher rückt“, sagt sie. „Früher habe ich nie darüber nachgedacht, dass mir sowas auch passieren kann. Jetzt aber ist da diese Angst.“
Bei Attacken wie der in Rüdersdorf gehe es meist nicht um konkrete Personen, sagt Hannes Püschel vom Verein Opferperspektive. „Viele wichtiger ist es, allen Migranten die Botschaft auf den Weg zu geben: Ihr seid bedroht, ihr habt kein Recht, hier zu sein.“ Die andere Botschaft richtet sich an die Gruppe, zu der der Täter gehört. Sie laute: Wir erreichen unsere Ziele. „Im Ende ängstigen sich nicht nur die Angegriffenen, sondern auch diejenigen, die ihnen nahestehen“, sagt Püschel, dessen Verein die Statistiken zu rechtsextremer Gewalt in Brandenburg auswertet.
Laut dem letzten Bericht der Opferperspektive wurde im vergangenen Jahr ein neuer Höchststand erreicht. 290 Angriffe wurden gezählt. Das häufigste Motiv war Rassismus. 2025 wurden auch fünf Jugendliche wegen Gründung der rechtsextremistischen „Letzte Verteidigungswelle“ festgenommen. Sie hatten Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, Migranten und politische Gegner geplant. „Es ist sehr beunruhigend, dass die Täter immer jünger werden“, sagt Maica Vierkant vom Brandenburger Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Rassismus.
Auch Michaela Glaser beschäftigt sich mit dem Thema. Sie forscht an der Berghof Foundation zu aktuellen Radikalisierungstendenzen. „Rechtsextreme Symbole und Parolen tauchen in immer jüngeren Altersgruppen auf, manchmal sogar schon in den Grundschulen“, weiß Glaser. „Das ist teilweise Provokation oder kommt aus dem Elternhaus“, so die Soziologin. „In höheren Klassen fallen aber auch vermehrt stark ideologisierte Jugendliche auf.“
Brandenburgs radikale Vergangenheit
Es ist nicht das erste Mal, dass rassistische Gewalt im Osten Deutschlands zum Problem wird. Nach der Wende kam es immer wieder zu Angriffen auf Menschen, die als „fremd“ galten. In Eberswalde ermordeten Rechtsextremisten den aus Angola stammenden Amadeu Antonio – er wurde zu einem der ersten Opfer rassistischer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland. 1999 starb in Guben der algerische Asylbewerber Farid Guendoul. Er wurde von Neonazis gejagt und verblutete, nachdem er durch die Glastür eines Gebäudes gerannt war.
Es gab nicht viele Migranten in dieser Zeit in Brandenburg. Die meisten waren Asylbewerber, die zugewiesen wurden. Vom Rest der Gesellschaft lebten sie getrennt, durften nicht arbeiten. „Ihre Wahrnehmung als Fremde hat Nachwirkungen bis heute“, sagt Püschel.
Doch Brandenburg hat sich verändert. Inzwischen kommen nicht nur Leute ins Land, um im Niedriglohnsektor zu arbeiten. Menschen aus dem Ausland studieren an Universitäten wie der Viadrina in Frankfurt (Oder). Manche suchen eine Bleibe in der Nähe von Berlin, andere finden dort Arbeit. „Viele staatliche Institutionen tun sich mit diesen Veränderungen schwer“, sagt der Vertreter der Opferperspektive. „Und auch die Gesellschaft hat Probleme damit, die Tatsache zu akzeptieren, dass Migranten auf Dauer hier leben und dieselben Rechte haben wie alle.“
Die größten Veränderungen in Erkner brachte die Eröffnung der Gigafabrik des E-Auto-Unternehmens Tesla in Grünheide 2022. Inzwischen arbeiten dort rund 11.000 Menschen aus – nach Firmenangaben im Jahr 2024 – 150 Nationen. Auch Felicia kam wegen der Arbeit bei Tesla, Mann und Tochter blieben in der Herkunftsregion. „Als ich Mutter wurde, habe ich zunächst aufgehört zu arbeiten“, sagt sie. „Als ich dann wieder angefangen habe, habe ich gespürt, dass das Muttersein etwas in mir verändert hat. Ich wollte einen Schritt weitergehen. Deshalb habe ich mich bei Tesla beworben. Ich wusste, dass Deutschland ein gutes Land ist für meine berufliche Entwicklung.“
Die Gründung der Gigafabrik war ein Versprechen auf einen anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Brandenburg. Aber Tesla führte auch zu einer Zunahme von Spannungen. Der Wohnraum wurde knapp. Der Widerstand gegen die Rodungen von Bäumen wuchs, auch die Angst vor einer Verschmutzung des Trinkwassers. In den umliegenden Dörfern gibt es sowohl Gegner als auch Unterstützer von Tesla.
In Erkner wird es ungemütlicher
Unter den 11.600 Einwohnerinnen und Einwohnern leben etwa 800 Menschen aus dem Ausland. Felicia ist eine von ihnen. An einem Montag sitzen wir an der Haupstraße in einem Café. Draußen marschiert eine Demonstration vorbei. Es ist die Demonstration, die sich jeden Montag im Stadtzentrum versammelt. Auf ihren Plakaten feiern die Teilnehmer Russland und Donald Trump. Durch die Scheibe hören wir ihre Rufe, die rhythmischen Schritte. Wir warten, bis der Aufmarsch vorbei ist.
Nicht alle fühlen sich in Erkner sicher. Rodrigo*, der seit drei Jahren in Erkner lebt und aus Lateinamerika stammt, bekam vor ein paar Monaten den Hass auf den Straßen zu spüren. Ein Mann spuckte ihm vor die Füße. Ein andermal reckte eine Gruppe Jugendlicher die Hand zum Hitlergruß. Seit einigen Jahren präsentiert sich Erkner als offene Stadt. 2015 gründete sich ein sogenannter Unterstützerkreis, ein Netzwerk, das sich für Flüchtlinge und ihre Integration einsetzte. 130 Menschen waren aktiv, heute ist die Zahl der Aktiven kleiner, einen Teil der Arbeiten haben staatliche Institutionen übernommen.
Ein Jahr nach der Gründung hat die Stadt eine Erklärung veröffentlicht. Auch darin ist von der Offenheit gegenüber neuen Bewohnern die Rede. 2024 wurde hinzugefügt, dass die Stadt Toleranz, Mitgefühl und Weltoffenheit unterstützt und sich gegen Extremismus, Gewalt und jede Form der Diskriminierung wendet. Gleichzeitig formulierte sie einen Appell für Zivilcourage und gegen Hass.
Die, die heute noch im Unterstützerkreis aktiv sind, haben beobachtet, wie sich die Stimmung verändert hat. 2015 habe es in Erkner noch eine ausgesprochene Willkommenskultur gegeben. „Heute ist dagegen eine gesellschaftliche Spaltung zu spüren“, berichtet eine Aktivistin, die ihren Namen lieber nicht öffentlich machen will. „Dass die Unterstützung für die AfD wächst, beunruhigt uns.“
In Erkner ist auch ein Integrationsnetz mit dem Namen GeFas aktiv. Es ist eine Organisation, die Menschen in schwierigen Lebenslagen unterstützt. Einer der Aktiven ist David Gehlhaar, ein ehemaliger Kandidat der Linkspartei bei den vergangenen Bürgermeisterwahlen. „Die Zusammenarbeit mit den neuen Bewohnern war und ist gut“, sagt er. „Viele Kontakte haben sich aber in den privaten Raum verlagert.“ Gehlhaar hat beobachtet, dass die wachsende Vielfalt in der Stadt bei einem Teil ihrer Bewohner auf Unzufriedenheit stößt.
Laut Polizeistatistik hat sich die Zahl der ausländerfeindlichen Delikte in Erkner nicht verändert, sie liegt bei drei bis vier Fällen pro Jahr. Die Zahl rechtsextremer Gewalttaten aber steigt. Von 9 Fällen 2022 auf 23 im Jahr 2024. Die Veränderungen in den vergangenen zwei Jahren kommen nicht aus dem luftleeren Raum. „Wir beobachten einen deutlichen Rechtsruck“, sagt Maica Vierkant vom Aktionsbündnis. „Autoritären, rassistischen, antisemitischen und sexistischen Äußerungen wird oft nicht mehr widersprochen. Stattdessen zeigen sie sich immer unverhohlener.“
Inzwischen sei die Normalisierung der AfD und deren Positionen sehr weit fortgeschritten. „Eine fatale Entwicklung“ und „eine der größten Herausforderungen im Kampf gegen den Rechtsextremismus“ nennt das Vierkant. In einer Lokalzeitung mit dem Titel Kümmels Anzeiger hat im November der Unterstützerkreis sein zehnjähriges Bestehen bekanntgegeben – und einen Appell formuliert: „Wir haben einen Wunsch an Sie/an uns alle. Verlassen wir öfter die virtuellen Filterblasen des Internets und suchen die reale Begegnung.“
In derselben Ausgabe erschienen allerdings auch Beiträge, die ganz anders klangen. „Eingewanderte Kriminalität hat die Innenstädte negativ verändert – das ist die Realität!“, schreibt Jan Knaupp, ein lokaler Publizist und Feuilletonist.
Angst engt den Radius ein
Auf dem Weg zur Arbeit liest Felicia immer wieder angesprühte Sprüche wie „Stoppt Migration“. Trotzdem versucht sie, nicht ihre Lebenslust zu verlieren. „Ich will nicht, dass sich die negativen Gefühle in mein Herz schleichen“, sagt sie. Doch nicht immer ist das einfach. „Eigentlich wollte ich mich in die Integrationsarbeit in Erkner einbringen“, erzählt Felicia. „Voraussetzung war, dass es für mich nicht gefährlich ist.“
Am Ende ließ sie es sein. „Ich wollte nicht zu einer Veranstaltung gehen, auf der ich die einzige Person of Colour bin. Ich wollte nicht, dass andere wissen, dass ich hier allein lebe. Deshalb gehe ich abends nicht allein aus dem Haus.“
Draußen verschwindet die Montagsdemonstration langsam hinter der Ecke. Gleich wird das Café schließen. Wir trinken den Kaffee aus und greifen nach unseren Mänteln.
* Namen geändert
Aus dem Polnischen von Uwe Rada
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