Die Wahrheit: Carepakete für Berlin
Lebenslänglich Bayer: Große Sorgen macht man sich in München um die deutsche Hauptstadt, ihre Linken und Verbrecher.
O b ich nicht noch ein paar Tage bleiben wolle, bin ich gefragt worden. Am Wochenende würde die Sonne scheinen in München. Und wärmer solle es auch werden. Und überhaupt, Berlin, wie ich es da nur aushalten würde.
Ich kenne das schon. Viele Münchner sind derart besoffen von ihrer Stadt, dass sie sich nicht vorstellen können, jemals woanders zu leben – außer am Gardasee vielleicht. Viele meiner Freundinnen und Freunde aus alten Münchner Tagen, die nun auch schon mehr als 30 Jahre zurückliegen, konnten noch nie verstehen, dass ich meine Geburtsstadt verlassen habe. Aber diesmal war etwas anders. Sie haben andere Fragen gestellt als sonst.
Wie das denn sei mit den Clans in Neukölln, wollte einer wissen. Hmm, schlimm wahrscheinlich, habe ich geantwortet. Und dass ich es gar nicht so genau weiß. Eigentlich habe ich gar keine Ahnung. Ich wohne ja auch gar nicht in Neukölln. Ich wohne draußen, hinter Köpenick. Da gibt es mehr Nazis als anderswo in Berlin, sage ich, aber danach hat mich niemand gefragt.
Einer will es ganz genau wissen. Die Sonnenallee in Neukölln, das müsse ja richtig gefährlich sein da, sagt er. Recht hat er. Da kenne ich mich aus. Manchmal fahre ich mit dem Rad über die Sonnenallee nach Hause. Da gibt es keinen Radweg, das Parken in zweiter Reihe scheint eine Art Hobby bei den Anliegern zu sein und wer nicht in zweiter Reihe steht, fährt doch überdurchschnittlich sportlich über die engen Fahrspuren. Wenn ich gläubig wäre, ich müsste dem Herrgott auf Knien danken, dass ich noch am Leben bin, so oft wie ich über die Sonnenallee gefahren bin. Ja, da ist es wirklich gefährlich.
Neuköllner Straßenverkehr
Aber das meinte er nicht. Irgendwas mit Drogen und Waffen habe er gelesen. Nein, es mag zwar aggressiv zugehen im Neuköllner Straßenverkehr, aber geschossen hat noch niemand auf mich. Wenigstens etwas. Aber die Linken, sagt eine Freundin, jetzt mal ehrlich, nicht dass sie etwas gegen die Linke hätte, aber das in Berlin sei doch eine ganz andere Nummer, oder? Dieser ganze Antisemitismus.
Ich muss an Hubert Aiwanger denken, sage aber nichts. Wie auf aggressiven Pro-Palästina-Demos in Berlin Israelfeindlichkeit in Judenhass umschlägt, widert mich auch wirklich regelmäßig an. Aber wenn ich Videos sehe, in denen ausgerechnet der Mann mit dem Bruder als lebender Ausrede vor den „komischen Gestalten“ in Berlin warnt, wird mir schlecht.
Auf jeden Fall werde ich diesmal von meinen Münchner Freunden mit Blicken voller Sorge nach Berlin verabschiedet. Ich finde das rührend. Ehrlich. Ob sie wohl Carepakete für mich packen werden, wenn es am Ende doch klappen sollte mit einer Regierung unter linker Führung? Mir ein Bahnticket nach München schicken – ohne Rückfahrt natürlich? Sich schon mal Plüschtiere kaufen, um den Flüchtlingstrack aus der Hauptstadt am Hauptbahnhof würdig empfangen zu können? Wundern würde es mich nicht.
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