Die USA 75 Jahre nach Hiroshima: Die Liebe zur Atombombe

Noch immer hält sich der Mythos, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seien nötig gewesen, um den Krieg rasch zu beenden. Und Trump rüstet auf.

Die Ruine eines Kinos nach dem Atombombenabwurf in Hirsohima

Ein Journalist besichtigt im September 1945 Hiroshima, im Hintergrund die Ruine eines Kinos Foto: Stanley Troutman/ap

NEW YORK taz | „Es ist frustrierend“, sagt Kai Bird von der New Yorker Cuny-Universität, „wir haben große nationale Debatten über die Sklaverei, über den Rassismus, und über Frauenrechte. Aber vor der Atombombe machen wir halt. Die lieben wir immer noch.“

75 Jahre nach den Bombardements von Hiroshima und Nagasaki, befinden sich die USA mitten in der aufwendigsten Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals. Ihr Präsident will die nukleare Abschreckung ausbauen. Kokettiert mit der Möglichkeit neuer Atomtests. Und hat bereits drei atomare Abrüstungsabkommen aufgekündigt. Ein viertes – das letzte bislang verbliebene – will er im nächsten Jahr auslaufen lassen.

Das Gedenken: Mit einer Schweigeminute hat Japan der Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima vor 75 Jahren gedacht. Überlebende, Verwandte und andere Teilnehmer begingen den Moment um 8.15 Uhr mit einem Glockenschlag, um an den Abwurf auf die Stadt am 6. August 1945 zu erinnern.

Die Atombombe: Die USA hatten vor 75 Jahren die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen, die Stadt zerstört und 140.000 Menschen getötet, die meisten Zivilisten und viele Kinder. Drei Tage später warfen die USA eine weitere Atombombe auf Nagasaki und töteten weitere 70.000 Menschen. Japan kapitulierte am 15. August, womit der Zweite Weltkrieg und die japanische, fast ein halbes Jahrhundert andauernde Gewaltherrschaft in Asien endeten.

Die taz-Berichte: Weitere Texte zum Jahrestag des Atombombenabwurfs finden sie hier.

Donald Trump wiederholt auch, was Generationen von Präsidenten vor ihm gesagt haben, dass nämlich die Atombomben den Krieg beendet und für globale Stabilität gesorgt hätten.

„Mythen“, kontern Bird und drei andere auf Atomfragen spezialisierte Historiker von verschiedenen US-Universitäten. Sie haben ihr Leben lang über die Bomben geforscht. Zum Jahrestag veranstalten sie jetzt Webinare, um ihre Landsleute mit den historischen Fakten zu konfrontieren.

Es ging nicht um Japans Kapitulation

Ihre Forschung widerspricht der Darstellung, dass die Atombomben notwendig und gerechtfertigt waren. Sie wissen, dass Japan im Frühsommer 1945 militärisch am Boden war. Dass es bereits mehrfach seine Bereitschaft signalisiert hatte zu kapitulieren – immer vorausgesetzt, es könnte Kaiser Hirohito behalten. Und dass außerdem Stalin für Anfang August 1945 angekündigt hatte, Tokio den Krieg zu erklären, was die japanische Niederlage noch weiter beschleunigt hätte. „Präsident Harry Truman wusste all das“, sagt Historiker Peter Kuznick: „er hat es in seinem Tagebuch und an seine Frau geschrieben. Aber er wollte die Bomben“.

Generationen von Schulkindern in den USA haben gelernt, dass die Bomben am 6. und 9. August 1945 den Krieg beendet haben. Und dass sie eine Invasion abgewendet hätten, die blutig geworden wäre. Auch PolitikerInnen aller Parteien sehen weiterhin den Nutzen der Atombombenabwürfe, die Hunderttausende ZivilistInnen verstrahlten und töteten. Die Demokratin Susan Rice schrieb in ihrer kürzlich erschienenen Autobiographie, dass Präsident Truman damit ihrem Vater einen Kampfeinsatz in Japan erspart habe.

„Es ist die alte Geschichte des amerikanischen Exzeptionalismus“, sagt Kuznick, „darin können wir nur Kriege führen, die ‚gut‘ sind“. Der Chef des Nuclear Studies Institute an der American University in Washington, DC, reist jedes Jahr mit StudentInnen nach Hiroshima und Nagasaki (dieses Jahr musste er die Reise wegen er Pandemie zum ersten Mal streichen). Nach seiner Ansicht steigen die Chancen auf die überfällig atomkritische Debatte in den USA mit dem Faktor Zeit. Weil jüngere AmerikanerInnen kritischer seien und weil die Veteranen des Zweiten Weltkriegs allmählich abtreten.

Im Jahr 1995 bestimmten die Veteranen noch die Auseinandersetzung mit den Atombomben. Als das Smithonian Institutiion in Washington zum 50 Jahrestag eine Ausstellung organisierte, die sich nicht nur mit dem Heldentum der US-amerikanischen Kriegspiloten, sondern auch mit dem Leiden der Opfer in Japan befasste, liefen US-amerikanische Veteranenverbände Sturm. Die Ausstellung wurde abgesagt.

Neue Atomwaffen als Top-Priorität

Dieses Mal sorgt Trump für die komplizierte Gemengelage. Er hat die von seinem Amtsvorgänger eingeleitete atomare Modernisierung massiv aufgestockt. Barack Obama war in Atomfragen hin und her gerissen. Zu Beginn seiner Amtszeit sprach er von einer „atomwaffenfreien Welt“. Später besuchte er, als erster US-Präsident im Amt, Hiroshima. Aber dann stimmte er der Modernisierung des us-amerikanischen Atomwaffenarsenals zu, lehnte allerdings den Bau neuer Atomwaffen ab.

Heute nennt Trumps Verteidigungsminister Marc Esper die Modernisierung und die Entwicklung neuer Waffen eine „Top-Priorität um das amerikanische Volk zu schützen.“ Unter anderem wollen die USA in den nächsten Jahren neue atomare Sprengköpfe für U-Boote und für bodengestützte Raketen entwickeln. Nach gegenwärtigem Stand wird die auf 30 Jahre angelegte Modernisierung mehr als 1.6 Billionen Dollar verschlingen.

Dass diese atomare Aufrüstung andere Länder unter Druck setzen wird, ist dabei einkalkuliert. „Wir wissen, wie man Rüstungswettläufe gewinnt“, sagte Trumps neuer internationaler Experte für Atomwaffen, Marshall Billingslea im Frühjahr in Wien.

Nachdem sämtliche US-Präsidenten, Republikaner wie Demokraten, seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gesagt haben, dass ein neuerlicher Einsatz von Atombomben verhindert werden müsse und nachdem alle versucht haben, neue internationale Mechanismen zu diesem Zweck zu schaffen, geht Trump in die entgegengesetzte Richtung. Er ist aus zahlreichen internationalen Abkommen ausgetreten – darunter auch aus den für Atomwaffenkontrolle relevanten Verträgen.

Trump und der Rückzug aus internationalen Abkommen

Trump hat das Atomabkommen mit dem Iran verlassen, hat den von Ronald Reagan unterzeichneten INF-Vertrag über Mittelstreckenraketen ausgesetzt und hat den Open Skies Vertrag verlassen, mit dem die Unterzeichnerstaaten gegenseitig ihre Rüstungsvorräte überwachen.

Als nächstes schickt er sich an, den neuen START-Vertrag, über die Reduzierung der atomaren Waffenarsenale von Russland und USA, im Februar auslaufen zu lassen. Obama hatte das bilaterale Abrüstungsabkommen 2010 mit Moskau unterzeichnet. Trump sagt, er sei nur zu einer Verlängerung bereit, wenn auch China betreten würde. Es ist eine Pose. Denn auch er weiß, dass China daran kein Interesse hat.

„Ohne die internationalen Verträge, die für Inspektionen und andere Kontrollen sorgen, fallen wir in die 60er Jahre zurück“, warnt Martin Sherwin, Geschichtsprofessor an der George Mason Universität in Washington. Sherwin glaubt, dass die Initiative zu einem Ende des atomaren Wettrüstens aus den USA kommen muss.

„Wir halten an unserer Erstschlagdoktrin fest und wir verstehen uns weiterhin als Weltpolizist“, sagt er, „damit sind wir zugleich das Problem und die einzige Nation, die potenziell für eine Marginalisierung oder Abschaffung von Atomwaffen sorgen kann“.

Der lang gehegte Mythos der gerechtfertigten Atombomben

Der Mythos von den gerechtfertigten Atombomben reicht in die 40er Jahre zurück. Kurz vor den Bombardements von Hiroshima und Nagasaki sprachen sich sieben der acht Fünf-Sterne Generäle von US-Navy und Armee dagegen aus. Sie nannten die Atombomben militärisch unnötig und moralisch verwerflich. „Die Japaner sind bereit, zu kapitulieren“, sagte der spätere Präsident, General Dwight Eisenhower bei der Potsdamer Konferenz im Juli 1945: „es ist nicht nötig, sie mit diesem schrecklichen Ding zu schlagen“.

Admiral William Leahy, der Truman als Stabschef diente, schrieb in seinen Memoiren: „Der Einsatz dieser barbarischen Waffe in Hiroshima und Nagasaki hatte keinen materiellen Nutzen in unserem Krieg gegen Japan. Die Japaner waren schon besiegt und bereit, zu kapitulieren.“

Aber Trumans Außenminister James Byrnes drängte zu dem Einsatz. Er wollte die US-Position bei den Verhandlungen über die Nachkriegsordnung in Europa verbessern und gegenüber der Sowjetunion Stärke zeigen. Und er wollte nicht zulassen, dass Stalin, der nach seiner Kriegserklärung gegen Japan in rasanter Geschwindigkeit die japanisch besetzten Gebiete in China und Korea eroberte, wie der Sieger des Kriegs im Pazifik aussähe.

Die große US-Öffentlichkeit bejubelte zunächst die Atombomben auf Japan. Doch die Stimmung schlug in ihr Gegenteil um, als der New Yorker im Jahr 1946 eine erschütternde Reportage von John Hersey über die Opfer in Hiroshima veröffentlichte.

„Veränderung kann nur von unten kommen“

Wenig später begann die publizistische Gegenoffensive. Kriegsminister Henry Stimson veröffentlichte einen Text im Harper's Magazine. Darin legte er das Fundament für den Mythos, der sich bis heute gehalten hat. Wider besseres Wissen schrieb Stimson damals, dass Japan erst wegen der Atombomben kapituliert habe und dass es ohne die Bomben zu einer Bodeninvasion mit Hunderttausenden toten US-Soldaten gekommen wäre. Der Kalte Krieg hatte begonnen. In den USA sollten Schulkinder bald lernen, dass sie bei einem sowjetischen Atomangriff unter ihr Pult flüchten sollten – „duck and cover“.

Es war das vorläufige Ende der Diskussion über Atomwaffen in den USA. Erst in den 1960er und dann erneut in den 1980er Jahren flackerte sie erneut auf. Am 12. Juni 1982 demonstrierte eine Million Menschen in New York gegen den atomaren Rüstungswettlauf im Kalten Krieg.

Der politische Ökonom Gar Alperovitz, der vierte im Bund der Historiker, ist überzeugt, dass die Welt in den letzten 75 Jahren ganz einfach Glück gehabt hat, dass es zu keiner atomaren Konfrontation gekommen ist. „Das wird nicht noch einmal so lange gut gehen“, prophezeit der Autor von „Atomic Diplomacy: Hiroshima and Potsdam“ und „The Decision to Use the Atomic Bomb“.

Von den Spitzen von Politik und Militär erwartet Alperovitz keine Kehrtwende. Die Atombombenproduktion und Lagerung in den USA ist so „gerecht“ über fast alle Bundesstaaten des Landes verteilt, dass die Mehrheit der gewählten PolitikerInnen – DemokratInnen und RepublikanerInnen – dadurch Arbeitsplätze und Steuergelder in ihren Wahlkreisen haben. Die Veränderung, sagt Alperovitz, kann nur von unten kommen.

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