Debatte 30 Jahre deutsche Einheit: Daueropfer Ostdeutschland

Lief wirklich so viel schief bei der Wiedervereinigung? Oder sind viele Ossis nur beleidigt? Eine Diskussion versucht Missverständnisse zu ergründen.

Zwei Fahrer auf Schwalbe-Rollern.

Was von der DDR übrig blieb: zum Beispiel diese beiden „Schwalben“ Foto: Ferdinand Ostrop/dpa

Man kann sie langsam nicht mehr hören, all diese Geschichten vom „armen Ostdeutschland“, das vom Westen geschluckt worden sei, von den Traumata der Ostdeutschen, die mit dem Mauerfall ihr Leben verloren hätten. Von den Westdeutschen, die den Ostdeutschen die DDR erklären wollten, die Ratschläge, die Wessis Ossis geben. Aber man wird sie wohl noch eine Weile ertragen müssen, diese Kurzabrisse über die jüngste deutsche Geschichte, insbesondere im 30. Jahr der Wiedervereinigung. In diesem Ostalgie- und „Fremdbestimmungs“-Narrativ, in dem Ostdeutschland zum Daueropfer gemacht wird, nahm sich die Ankündigung einer Debatte zu „Wir sind ein Volk? Ungleich­zei­tig­kei­ten und Miss­ver­ständ­nisse der deut­schen Einheit“, veranstaltelt vom Zentrum Liberale Moderne, dankbar frisch aus.

Dazu sollte man wissen, dass das LibMod, wie sich die Denkfabrik abkürzt, 2017 von Ralf Fück und seiner Frau Marie-Luise Beck gegründet wurde. Fücks, Grünen-Politiker, Ex-Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und Moderator der Veranstaltung, ist ein Verfechter von Schwarz-Grün. Durch die Ergebnisse der Kommunalwahl am vergangenen Wochenende in Nordrhein-Westfalen, mit der eine Koalition aus CDU und Grünen auch auf Bundesebene eine reale Chance erfahren hat, dürfte sich Fücks derzeit mehr denn je der Zukunft zugewandt fühlen. Doch das ist eine andere Geschichte von Zukunftsszenarien.

Am Montagabend im Berliner Ensemble, das in Laufnähe zum Regierungsviertel liegt, ging es dann doch mehr um eine Rück- als eine Vorausschau. Das lag weniger an der Inszenierung der Verstanstaltung und den Fragen des Moderators. Auch nicht an Sätzen wie jenen, mit denen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den Ossis ein Denkmal setzte: „Alle Menschen, die in der DDR gelebt haben, mussten nach dem Mauerfall eine grundlegende Verunsicherung erleiden. Während es für die Westdeutschen schon eine Zumutung war, dass der Bundestag von Bonn nach Berlin verlegt wurde.“

Nein, dass die Diskussion so rückbezogen war, lag vor allem an jemandem, der sich offensichtlich stärker in der Vergangenheit verankert fühlt, als den Schritt nach vorn zu wagen: Werner Schulz. Der Grüne und frühere DDR-Bürgerrechtler, der 1989 aus dem „Demagogischen Diktatur-Regime“ ein neues, zukunftsfähiges Land machen wollte, gab das ostdeutsche Enfant terrible – in ganz negativem Sinne.

„Gebrauchswerte“ wie Kitas und Polikliniken, die der Osten dem Westen gebracht hat, seien doch marginal, klagte Schulz. Vielmehr fehle den Ostdeutschen die Mitbestimmung. „Die Lebenserfahrung der Ostdeutschen ist zu wenig zum Tragen gekommen“, so Schulz. Um dann das ewige Klagelied anzustimmen: Bei der Wiedervereinigung sei „emotional einiges schiefgelaufen“, es wurden viele Chancen verpasst, der Vereinigungsprozess sei zu schnell gegangen.

Jobverlust bedeutet häufig Identitätsverlust

Anfangs mochte man Schulz noch zustimmen: Ostdeutsche sind in der Tat selten in der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, wissenschaftlichen Führungselite zu finden. Sie verfügen weitgehend nicht über das Vermögen von Westdeutschen. Der massenhafte Verlust von Jobs war nicht nur eine existenzielle Frage, sondern vielmehr die einer verloren gegangenen Identität. Und ja, auch heute noch werden Ostdeutsche ausgegrenzt, weil sie „Ossis“ sind. Die Frage, die dahinter mitschwingt, lautet allerdings: Grenzen sich manche Ostdeutsche nicht selber aus? Indem sie heute noch, 30 Jahre nach dem Mauerfall, ihre Herkunft zum alles überfrachtenden Kriterium für Erfolg, Misserfolg und Glück erklären?

Wenn Angela Marquardt, 1971 in Mecklenburg-Vorpommern geboren und derzeit Refe­ren­tin beim Frak­ti­ons­vor­stand der SPD-Bun­des­tags­frak­tion, 2020 Sätze hören muss wie: „Waaas, du trinkst Lübzer? Man trinkt hier Rostocker, klar!“ Lübzer Pilz, ein No-Go im ostdeutschen Norden. Die mecklenburgische Brauerei produzierte nach dem Zweiten Weltkrieg für den Westen und wurde nach dem Mauerfall zu einem großen Teil von einem westdeutschen Unternehmen übernommen.

Marquardt, im Übrigen die einzige Frau auf dem Podium, die aus einer Familie kommt, die mit ihrer Stasi-Vergangenheit so ostig ist, wie eine Familie in der DDR nur sein konnte, schaut bei der Frage nach der Zukunft des Ostens eher nach Europa: „Was haben wir aus der Wiedervereinigung gelernt?“ Ihr gehe es verstärkt um aktuelle Fragen wie Abtreibung, Frauenrechte, Demokratie, Freiheit im weitesen Sinne.

Auch Richard Schröder, Theologe, Abgeordneter der ersten freigewählten DDR-Volkskammer und anschließend SPD-Bundestagsabgeordneter, rückte die Entwicklung im Osten in den vergangenen Jahrzehnten zurecht. Nach dem Mauerfall, sagte Schröder, sei die Lebenserwartung der Ostdeutschen um drei Jahre gestiegen und die Suizidrate um 70 Prozent gesunken. Der Lebensstandard im Osten sei erheblich gestiegen. Die Lebenszufriedenheit von Ost- und Westdeutschen, das zeigen Studien, seien mittlerweile gleich. Um es mit Schröder Worten zu sagen: „Es ist eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der persönlichen guten Lage der Menschen in Ostdeutschland und der Zuschreibung des Ostens insgesamt als defizitär.“

Aber wenn der abendliche Griesgram Werner Schulz die Verfassung der Bundesrepublik als defizitär empfindet, weil darin nicht „Deutsch als Sprache“ festgeschrieben ist, ahnt man, dass der nächste Ex-Bürgerrechtler in eine Frustration abgleitet, in der sich viele der einstigen „Revolutionäre“ mittlerweile fest eingerichtet haben. Da ist dann wohl auch nichts mehr zu machen. In einem solchen Fall ist es wie in einer verkorksten Beziehung: Ist eine Seite dauerhaft beleidigt, müht sich die andere Seite umsonst ab. Jeder Vorschlag zur Güte, jede Idee zur Stimmungsaufhellung, jeder Anstoß für einen positivem Blick verhallen im Nichts.

Da kann man es nur mit dem Theologen Schröder halten, der am Ende des Abends konstatierte: „Das wird nichts mehr mit den Alten in Ostdeutschland.“ Bei der Gestaltung einer gesamtdeutschen Zukunft blicke man besser auf die Jüngeren.

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