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Danger Dan und Igor Levit Das hier kannst du tun

Gaby Coldewey

Kommentar von

Gaby Coldewey

„Keine Angst“ von Danger Dan klingt wie eine niedrigschwellige Gebrauchsanleitung gegen den erstarkenden Faschismus. Geht das zu weit? Muss nicht sein.

W as keiner sagen will“, titelte die Wochenzeitung Die Zeit Anfang Juli. Darunter ein Foto von Alice Weidel und Tino Chrupalla, mit Deutschlandfähnchen beim AfD-Parteitag in Erfurt. Während „die etablierten Parteien“ ihr keine Aufmerksamkeit verschaffen wollten, bereite die AfD schon ihre Machtübernahme vor, hieß es darunter. Das kann Angst machen. Hilflos. Lähmen.

Jetzt hat jemand etwas gesagt. Gesungen vielmehr. Und das sehr klar, sehr deutlich. „Keine Angst“ heißt das Lied, mit dem der Sänger Danger Dan alias Daniel Pongratz gerade von einem ZDF-Auftritt ausgeschlossen wurde, gemeinsam mit dem bekannten Pianisten Igor Levit.

Das Lied klingt wie eine niedrigschwellige Gebrauchsanleitung für genau das: Was kann ich als Einzelne/r gegen den erstarkenden Faschismus tun? Keine leeren Phrasen von der Demokratie, für die wir uns alle „starkmachen“ müssen oder die es abstrakt „zu verteidigen“ gilt, kommen darin vor. Stattdessen eine ganz klare Botschaft: Das hier kannst du tun.

Keine Angst – Danger Dan

Es gibt jetzt zwei Optionen, beide machen Stress

Eine ab morgen schon, die andere ab jetzt

Wir können darauf warten, dass sie in den Parlamenten

Und auf der Strasse erstarken, bevor wir sie bekämpfen

Und wir warten, warten, warten, das ist erstmal bequemer

Es geht uns trotzdem an den Kragen, nur halt etwas später

Die andere Möglichkeit bedeutete schon heute

Stress mit der Polizei und den ganz besonders deutschen

Dafür ‚ne kleine Chance, das Blatt nochmal zu wenden

Oder vielleicht das Schlimmste noch verhindern zu können

Du weisst nicht was du tun kannst, du weisst nicht wie das geht

Hör mir zu, ich hab´ vielleicht eine passende Idee

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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

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Ruf‘ erst mal ein, zwei Leute an, denen du vertraust

Auf die man sich verlassen kann und macht ein Treffen aus

Ihr gründet eine Gruppe, die keinen Namen hat

Kein Gründungsdatum und auch kein Verein oder so'n Quatsch

Redet mit Bars und Kneipen, fragt ob die für einen Abend

Räumlichkeiten für 'ne Party gegen Nazis haben

Ladet eure Freunde ein, ein kleines Festival

DIY, Eintritt frei, sammelt auf Spendenbasis Geld

Mit dem Geld das ihr verdient, kauft ihr Dosen um zu sprüh'n

Kauft ihr Aufkleber und Marker, sorgt dafür dass jeder sieht

Ihr habt keinen Bock auf Faschos und das hier ist eure Stadt

Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras

Nie ohne Handschuh, nie ‚nen Fingerabdruck hinterlassen

Und erst recht nie filmen und niemals ein Foto davon machen

Von Aktionen nur denen, die selbst dabei waren, erzähl'n

Es geht um linke Straßenpolitik und nicht um Fame

Ihr braucht Regeln für die Kommunikation

Nicht nur Nazis und Konsorten, die in eurer Gegend woh'n

Auch die Sicherheitsbehörden werden sich schnell interessier'n

Ihr dürft von Anfang an alles nur geheim kommunizier'n

Das bedeutet: keine DMs, keine Messenger und Mails

Alles was verboten sein könnte immer Face to Face

Lasst das Handy zuhaus wegen Bewegungsprofil'n

Und wenn sie euch erwischen: Redet nicht mit ihn‘

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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

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Man wird sich wundern, wenn man weiss dass in den Kern'

Dieser Gruppen meistens nur ein paar wenige gehör'n

Eine handvoll Leute reichen meistens aus

Eigene lokale Antifastrukturen aufzubau'n

Als nächstes müsst ihr die rechten Strukturen recherchier'n

Heimlich ihre Treffen und Demonstrationen fotografier'n

Findet raus, wer Sie sind, was Sie tun, wo Sie leben, wo Sie arbeiten

Und findet raus, mit wem Sie sich umgeben

Baut Fake-Accounts bei TikTok und bei Telegram

Dokumentiert alles, was Sie schreiben, alles was Sie sagen

Holt den Papiermüll ab, lauft Ihnen nach

Zu Ihren Häusern, ihren Wohnungen, den Treffpunkten und Bars

Meldet euch bei jeder Singlebörse an

Irgendwie und irgendwann kommt man an jeden Nazi ran

Werdet dreist, delinquent, akkribisch und kreativ

Stück für Stück füttert ihr so euer Antifaarchiv

Faschos leben abgeschottet, sie leben im Wahn

Mit Argumenten kommt man meistens nicht mehr an sie ran

Die Erfahrung zeigt, dass aber trotzdem doch etwas passiert

Wenn man ihr gesamtes Umfeld kontaktiert

Früher nannte man soetwas „Outingaktion“

Es hing'n Flyer und Plakate in den Vierteln wo sie woh'n

Mit Fotos und Funktionen, mit Namen und Adressen

Niemand wird ein Nazischwein als seinen Nachbarn möchten

Das frankierte man mit ein paar Telefonaten

Um ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten

Man wünschte einen guten Tag und fragte dann wie

Passt soetwas in eure Firmenphilosophie

Helft euren Lokalzeitungen mit Information‘

Wenn sie nicht schon von selbst dahinter komm'

Dass es Probleme gibt mit Nazis in der Stadt

Vielleicht wird dann sogar die Staatsanwaltschaft wach

Mit etwas Glück kriegen sie Post oder gehen in den Knast

Doch hier wärt blöd wenn ihr euch auf den deutschen Staat verlasst

Die Erfahrung zeigt genau das Gegenteil:

Es gibt so viele Faschos bei der Polizei

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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

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Man möchte mein‘ dass die Sicherheitsbehörden

Rechte Strukturn' nicht bekämpfen, sondern fördern

So mancher Polizist steht für die AfD zur Wahl

Uniter hat die Munition vom KSK

Das bedeutet: Parallel zum recherchiern‘

Müsst ihr eure Sicherheit selbst organisier´n

Nazis machen ihre Politik immer mit Angst

Mit Hass, mit Terror und roher Militanz

Man kann ihnen vieles vorwerfen

Aber jedoch nicht, dass man das was sie mit uns vorhaben, nicht wüsst'

Und die Geschichte hat uns schonmal gezeigt

Es wird noch schlimmer, wenn man gar nichts tut und schweigt

Keine Angst, nehmt es selber in die Hand

Die seh'n gefährlich aus aber wir legen sie lang

Koordiniert euch, fangt an zu trainier'n

Wenn ihr zusammen kämpft, dann kann es funktionier'n

Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht

Besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht

Also plant immer mit der Konfrontation

Habt Überraschungen dabei, wenn sie komm‘

Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrappt

Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant

Ist eh klar was zu tun ist, ich sag’ nichts mehr dazu

Liebe Grüsse an Lina, Gucci, Maja und Nanuk

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Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

Keine Angst, keine Angst, keine Angst, keine Angst

In den 70er Jahren hätte man so etwas „Mut-Mach-Lied“ genannt. Du musst nicht warten, bis andere etwas tun. Es braucht auch gar keine Parteien oder Strukturen. Werde selbst aktiv. Fang einfach ganz klein an.

„Wie weit würde ich selber gehen?“, fragt man sich vielleicht beim Zuhören. Sich mit zwei Freunden zusammentun, reden, eine kleine Party gegen rechts organisieren, in der Kiezkneipe etwa? Ein bisschen Geld dabei sammeln, Aufkleber und Flyer drucken lassen? „Eine Handvoll Leute reichen meistens aus, eigene lokale Antifastrukturen aufzubau’n“ heißt es in dem Stück.

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Danger Dan – Keine Angst

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Ab wann geht es zu weit?

Dafür wird man natürlich noch nicht vom ZDF ausgeladen. Doch dann geht es weiter: Rechte bei ihren Treffen fotografieren, die Nachbarschaft darüber informieren, wer Nazi ist. Sticker kleben, Parolen an Häuserwände sprühen. Auch ein Gruß an „Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ ist drin. Hier verlässt man irgendwann den Boden der Legalität. Aber man muss ja gar nicht. Vielleicht tut man ganz andere Dinge.

Bei den „Omas gegen Rechts“ mitmachen, etwa. Oder einfach nur Onkel Helmuts rassistischen Parolen auf der Familienfeier Paroli bieten. Wichtig ist nur, überhaupt etwas zu tun. Und sich nicht davor zu fürchten.

Mit der Absage hat das ZDF dem Lied jetzt unfreiwillig zu großer Popularität verholfen. Und etwas Besseres hätte man ihm gar nicht wünschen können. Denn „Keine Angst“ trägt dazu bei, sich ein klein bisschen weniger ohnmächtig zu fühlen. Es ist das richtige Lied zur richtigen Zeit.

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Gaby Coldewey

Gaby Coldewey Redakteurin

Redakteurin in der Auslandsredaktion. Bei der taz in unterschiedlichen Positionen seit 2009. Studium der Slawistik, Politologie und Ost- und Südosteuropäischen Geschichte in Berlin, Prag und Odessa. Übersetzt aus dem Ukrainischen und Russischen. Schreibt immer mal wieder "Berliner Szenen".
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