CDU nach Merkels Rückzugserklärung

Die Männerattitüden

Merz, Spahn, Kramp-Karrenbauer: Wenn die CDU Merkels Nachfolge klärt, geht es auch darum, ob Politik wieder zum Gockelspielplatz wird.

Jens Spahn macht eine bestimmende Geste

Beine auseinander, breiter Stand, Ansagen machen: Das kann Jens Spahn jetzt schon ganz gut Foto: dpa

Welchen Herrn hätten Sie gerne? Den, der sich im internationalen Politik-Jetset an der Seite schnittiger Burschen wie Sebastian Kurz oder US-Botschafter Richard Grenell präsentiert und sich bevorzugt von den recht mädchenfreien Jungs in der Jungen Union bejubeln lässt? Oder den, der mit hundeharter Haltung und stets grimmigem Dreinblick für den Archetypus des unerschrockenen Durchsetzers steht?

Ob Jens Spahn oder Friedrich Merz, beide der Herren, die Ambitionen für eine mögliche Merkel-Nachfolge haben, bedienen ein Publikum, das sich derzeit vernachlässigt fühlt: Männer.

Wenn die CDU nun in den kommenden Wochen und Monaten um die Nachfolge von Angela Merkel ringt, wird es um deren Haltung zu Europa gehen, um ihre Positionierung in der Integrations- oder Abschreckungspolitik – aber auch um eine weitere fundamentale Frage. Das ist die Frage, ob mit dem Machtwechsel in der CDU etwas zurück in die politische Arena gelangt, das zuletzt, Gott sei Dank, verlacht wurde: die Blender- und Dicke-Eier-Politik der meist männlichen Besserwisser.

Das hat einen Grund, der politisch ist. Die Anschlussfähigkeit der CDU wird zwischen zwei entgegengesetzten Milieus ausgefochten, in die ehemalige CDU-Wählerinnen und -Wähler derzeit abwandern: die Grünen und die AfD. Die einen sind interessant für gut gebildete Frauen. Die anderen sind interessant für Männer alten Schlages. Angela Merkel ist in ihrem Typus und Politikstil interessant für gut gebildete Frauen.

Die Vorzeigealtherren

Das baldige Gezerre um die Neuausrichtung der CDU, das in erster Linie ebenfalls von Männern alten Schlages repräsentiert werden könnte, zielt auf diese Frage ab. Wird die Union künftig eher eine Partei, die die bürgerliche, aber liberale Mitte integriert? Mit diesem Kurs hat Angela Merkel zwar Wählerinnen nach rechts verloren, aber eine strategische Stelle besetzt, die der Union auf Jahre hinfort die Kanzlerschaft sichert – und weiterhin sichern könnte. In den kommenden Wochen wird geklärt, ob sich die Funktionäre der CDU wieder nach der herrischen Vergangenheit sehnen, die durch niemanden so gut repräsentiert wird wie durch den gerne geifernden Friedrich Merz.

Beine auseinander, breiter Stand, Ansagen machen: Überall auf der Welt ist das erfolgreich. Gerade erst in Brasilien: Bolsonaro. In Italien: Salvini. In den USA: Trump. In Österreich: Kurz. In Ungarn: Orbán. Türkei, Russland, Saudi-Arabien. Was all diese Herren verbindet, ist ihre überhebliche Männlichkeit, die im gänzlich unbeeindruckten Stil auf zivilisatorische Errungenschaften, Gleichstellungsperspektiven und Minderheitenschutz pfeift. In Deutschland zuletzt zu beobachten: an der Gockelhaftigkeit, mit der die CSU ihren Vorzeigealtherrn Horst Seehofer durch die Republik wanken lässt.

In der CDU, in der zuletzt moderate Politikertypen wie Daniel Günther, Armin Laschet und die Vorsitzendenkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer das Bild prägten, wird man sich diese Frage nun stellen. Ist die Partei erwachsen genug, die in ihrem Kern nicht zu unterschätzenden gesellschaftspolitischen Fortschritte zu verteidigen, die sie nach innen unter Merkel vollzogen hat? Oder wird sie mit der Abkehr davon auf eine politische Sprache setzen, die sich durch Eierhaftigkeit und Hahnenkämpfe auszeichnet?

Hier kommt Merz, der sich zwar seit Jahren nicht in der Partei engagierte, aber immer weiß, wo es langgeht – und Führungsanspruch formuliert. Da kommt Spahn, der gerne Fotos macht mit mächtigen Rechtsauslegern und hinter dem man schon Luftballons aufsteigen sieht, wenn er künftig vielleicht, wie einst Sebastian Kurz, als gut inszenierter Anpacker vom Dienst durch Deutschland reisen wird.

Angela Merkel war stets langweiliger. Es ist nicht nötig, vielleicht falsch, diesen Regierungsstil als weiblich zu markieren. Umgekehrt aber ist schwer vorstellbar, dass es ein Mann gewesen sein könnte, der 18 Jahre lang in dieser Attitüdenlosigkeit an der CDU-Spitze hätte bestehen können. Der Kampf um Führungskultur ist nun eröffnet. Die Männer in der CDU könnten jetzt gockeln. Die Frauen in der Bevölkerung aber werden am Ende darüber befinden.

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