Bericht des Biodiversitätsrates: Weiterschnarchen führt zum Tod
Die Klimakrise ist leichter zu verstehen als das Artensterben. Überschwemmungen sind sichtbar, aber Pflanzen und Tiere verschwinden meist unsichtbar.
D as Sterben der Arten ist das bedrohlichste Problem unserer Zeit, weil es unsere Lebensgrundlagen angreift. Dies beschreibt der Satz, der Umgang mit der Klimakrise entscheide darüber, wie wir leben, der Umgang mit der Krise der Artenvielfalt darüber, ob wir überleben. Die Aufmerksamkeit, die Gesellschaft und Regierungen dem Verlust der Biodiversität widmen, steht dazu in keinem Verhältnis.
Das ist nachvollziehbar. Die Klimakrise zu verstehen, ist einfach. Sie bestimmt die Nachrichten, als Hochwasser, Schneesturm, Dürre, Waldbrand. Außerdem bietet sie Geschäftsmodelle wie den Ausbau erneuerbarer Energien oder neue Formen von Mobilität. Die Artenkrise zu verstehen, ist schwieriger: Tiere und Pflanzen verschwinden unmerklich – es sei denn, Sie sind Ornithologe oder Schmetterlingsforscher. Kleine, wichtige Organismen wie Algen, Pilze, Bakterien sind mit bloßem Auge sowieso nicht sichtbar. Wenn der Verlust von Biodiversität Bilder bekommt, dann in Form von Feldhamstern oder Lurchen, nach dem Motto: Nice to have, können aber weg, wenn sie effektive Landwirtschaft oder Infrastrukturmaßnahmen verhindern.
Doch das ist ein Irrweg. Und dem am Montag veröffentlichten Bericht des Weltbiodiversitätsrats ist deshalb größte Aufmerksamkeit zu wünschen. Obwohl, nun ja, das Werk schwer verständlich ist und große Wahrheiten sehr gelassen ausspricht. Eine von 100 Empfehlungen an Unternehmen und Regierungen lautet: „Setzen Sie sich ehrgeizige Verpflichtungen und Ziele und integrieren Sie die biologische Vielfalt in Ihre Unternehmensstrategie.“ Ja, wie denn, fragt sich der Mittelständler mit wegbrechenden Absatzmärkten. Doch die Wissenschaftler arbeiten faktenbasiert und akribisch heraus, dass der Status quo der Weltwirtschaft Böden, Wasser und Luft unbrauchbar macht. Staatskanzleien und Chefetagen müssten sofort Sonderkommissionen einrichten und alarmiert konkrete Strategien vorlegen, wie wir künftig Geld verdienen wollen, ohne Leben auszulöschen, Wasser zu vergiften und fruchtbare Böden zu zerstören.
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Dass die politisch kurzsichtige schwarz-rote Bundesregierung den Schuss nicht hört und die maßgeblichen Ministerien – Wirtschaft, Umwelt, Landwirtschaft, Forschung – vor sich hin schnarchen, war nicht anders zu erwarten. Das haben sie in ihren zig Regierungsjahren vor der Ampelregierung auch getan. Ebenso wenig überrascht, dass sie die in Berlin und Brüssel erreichten Fortschritte wie das Lieferkettengesetz oder die europäischen Gesetze zum Schutz der Gewässer aufgeben wollen. Dass inzwischen aber selbst Grüne das Thema Natur schreddern, um sich an den Post-Fridays-for-Future-Zeitgeist ranzuwanzen, ist übel. Gesellschaftliche Mehrheiten für den Schutz der Natur lassen sich erstreiten, indem man erklärt, warum er wichtig ist. Weswegen wir uns mit dem Textgetüm des IPBES alle befassen sollten.
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