Bekenntnis eines WM-Boykotteurs: WM? Ohne mich!
Unser Autor ist Fußballfan und brennt für seinen Verein. Mit dieser Fifa-WM will er nichts zu tun haben. Aber das ist gar nicht so einfach.
Fünfzehn Minuten vor Anpfiff stehe ich auf und gehe. Beim Public Viewing einer Bar im Leipziger Westen ist die Vorfreude auf das letzte Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft auf ihrem Höhepunkt. Weiße Trikots, blaue Trikots, kühle Getränke, Diskussionen über die Aufstellung. Zwei junge Männer laufen vorbei und lassen ihre Blicke über die Tische schweifen. „Da ist auch nichts frei“, sagt einer verzweifelt.
Freund:innen von mir sitzen in der ersten Reihe vor dem Bildschirm. „Willst du nicht doch mit uns gucken?“ Kopfschüttelnd gehe ich schnell, bevor ich es mir anders überlege. Ich liebe Fußball und schaue deshalb kein einziges Spiel dieser WM. Bei den absurden Ticketpreisen, extra Werbepausen und diesem kriecherischen Fifa-Friedenspreis habe ich mich zum Boykott entschieden. Auf dem Heimweg höre ich Jubel aus offenen Fenstern. Das erste Tor? Ich will mein Handy aus der Tasche holen, kann mich aber beherrschen.
Normalerweise würde ich zurzeit jeden Morgen damit beginnen, die Ergebnisse der Spiele durchzugehen, die ich nicht eh schon gesehen habe. Hat eins der Debüt-Teams einen Favoriten geärgert? Was lässt sich aus den Gruppenspielen über die K.-o.-Runde ablesen? Statistik hier, Zusammenfassung da. Aber beim Gedanken daran, wie das Profitstreben den Fußball verändert, vergeht mir die Lust.
So ist das im Kapitalismus, könnte man sagen. Auch bei dem Verein in der Regionalliga Nordost, den ich ansonsten unterstütze, geht es nicht nur darum, die eigenen Kosten zu decken. Um in der Liga zu bestehen, will und muss die BSG Chemie Leipzig investieren, zuletzt etwa in ein neues Funktionsgebäude.
In der vergangenen Saison war jedes Heimspiel ausverkauft, trotz des zähem Abstiegskampfs. Die ersten sechs Spiele: alle verloren. Am Ende hat es knapp für den Klassenerhalt gereicht. Letzte Woche habe ich meine Dauerkarte für die nächste Saison gekauft. Auch da ist der Preis gestiegen: etwa 200 Euro. Dafür kann man bei der WM in Nordamerika gerade so parken.
Peinlicher als manche Schwalbe
Bei der WM sind es nicht nur die astronomischen Ticketpreise. Mit den eingeführten Werbepausen verändert die Fifa ganz konkret den Fußball, um mehr Geld zu verdienen. Dass der Fußballverband versucht, die als Trinkpausen zum Wohl der Spieler zu verkaufen, ist peinlicher als so manche Schwalbe. Zumal die Spielergesundheit etwa bei steigender Zahl der Begegnungen offenbar nicht so wichtig ist.
Fifa-Chef Gianni Infantino behauptet zwar, das ganze Geld für die Tickets fließe zurück in den Fußball. Nur: Ist das dann noch der Sport mit dieser verbindenden Kraft? Vom Glanz der WM profitierten zuletzt vor allem jene, die ausschließen und unterdrücken. Ob Russland, Katar oder nun der rechtsextreme US-Präsidenten Donald Trump, sie können mit den positiven Bildern von den Schrecken ablenken, die sie ansonsten so kreieren. Inwiefern das demokratische Länder sind, ist dabei völlig egal.
Trotz der belastenden Umstände fiel mir der Boykott in den ersten Tagen der WM besonders schwer. Wie weit treibt man es da eigentlich? Muss ich um den Optiker an der Ecke einen Bogen machen, weil er Deutschlandfahnen und den aktuellen WM-Ball im Schaufenster hat? Und was macht Mensch an einem verregneten Sonntagabend um 19 Uhr, außer Fußball zu gucken? Bloß nicht den Fernseher anschalten, nicht in die Sport-App gucken, die Versuchung kleinhalten. Zwiebeln schneiden, Essen kochen, Buch lesen.
Wie es so läuft, bekomme ich trotzdem mit. Auf Social Media, im Radio oder den Nachrichten: Fußball. Nicht immer swipe ich vorbei oder schalte aus. Nach jedem Deutschlandspiel taucht auf meinem Handy eine Eilmeldung auf. Manchmal schicken Freund:innen mir kurze Nachrichten bei besonderen Ergebnissen: Guck mal, Spanien hat gegen Kap Verde unentschieden gespielt.
So ganz ohne Macht, schrieb vor ein paar Wochen der taz Kollege Peter Unfried, bringe ein Boykott nur moralische Selbsterhöhung. Er hat schon recht. Ob ich WM-Spiele schaue oder nicht, die mit Werbung gefüllten „Trinkpausen“ gibt's weiterhin. Die Fifa wird weiterhin Fans mit dynamischen Ticketpreisen ausnehmen. Aber da einfach zuzuschauen, fühlt sich an, als toleriere ich das oder sei damit einverstanden. Bin ich nicht. Darum bleibe ich beim Boykott.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert