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Bekenntnis eines WM-BoykotteursWM? Ohne mich!

Unser Autor ist Fußballfan und brennt für seinen Verein. Mit dieser Fifa-WM will er nichts zu tun haben. Aber das ist gar nicht so einfach.

David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Fünfzehn Minuten vor Anpfiff stehe ich auf und gehe. Beim Public Viewing einer Bar im Leipziger Westen ist die Vorfreude auf das letzte Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft auf ihrem Höhepunkt. Weiße Trikots, blaue Trikots, kühle Getränke, Diskussionen über die Aufstellung. Zwei junge Männer laufen vorbei und lassen ihre Blicke über die Tische schweifen. „Da ist auch nichts frei“, sagt einer verzweifelt.

Freun­d:in­nen von mir sitzen in der ersten Reihe vor dem Bildschirm. „Willst du nicht doch mit uns gucken?“ Kopfschüttelnd gehe ich schnell, bevor ich es mir anders überlege. Ich liebe Fußball und schaue deshalb kein einziges Spiel dieser WM. Bei den absurden Ticketpreisen, extra Werbepausen und diesem kriecherischen Fifa-Friedenspreis habe ich mich zum Boykott entschieden. Auf dem Heimweg höre ich Jubel aus offenen Fenstern. Das erste Tor? Ich will mein Handy aus der Tasche holen, kann mich aber beherrschen.

Normalerweise würde ich zurzeit jeden Morgen damit beginnen, die Ergebnisse der Spiele durchzugehen, die ich nicht eh schon gesehen habe. Hat eins der Debüt-Teams einen Favoriten geärgert? Was lässt sich aus den Gruppenspielen über die K.-o.-Runde ablesen? Statistik hier, Zusammenfassung da. Aber beim Gedanken daran, wie das Profitstreben den Fußball verändert, vergeht mir die Lust.

So ist das im Kapitalismus, könnte man sagen. Auch bei dem Verein in der Regionalliga Nordost, den ich ansonsten unterstütze, geht es nicht nur darum, die eigenen Kosten zu decken. Um in der Liga zu bestehen, will und muss die BSG Chemie Leipzig investieren, zuletzt etwa in ein neues Funktionsgebäude.

In der vergangenen Saison war jedes Heimspiel ausverkauft, trotz des zähem Abstiegskampfs. Die ersten sechs Spiele: alle verloren. Am Ende hat es knapp für den Klassenerhalt gereicht. Letzte Woche habe ich meine Dauerkarte für die nächste Saison gekauft. Auch da ist der Preis gestiegen: etwa 200 Euro. Dafür kann man bei der WM in Nordamerika gerade so parken.

Peinlicher als manche Schwalbe

Was soll Mensch schon machen an einem verregneten Sonntagabend um 19 Uhr?

Bei der WM sind es nicht nur die astronomischen Ticketpreise. Mit den eingeführten Werbepausen verändert die Fifa ganz konkret den Fußball, um mehr Geld zu verdienen. Dass der Fußballverband versucht, die als Trinkpausen zum Wohl der Spieler zu verkaufen, ist peinlicher als so manche Schwalbe. Zumal die Spielergesundheit etwa bei steigender Zahl der Begegnungen offenbar nicht so wichtig ist.

Fifa-Chef Gianni Infantino behauptet zwar, das ganze Geld für die Tickets fließe zurück in den Fußball. Nur: Ist das dann noch der Sport mit dieser verbindenden Kraft? Vom Glanz der WM profitierten zuletzt vor allem jene, die ausschließen und unterdrücken. Ob Russland, Katar oder nun der rechtsextreme US-Präsidenten Donald Trump, sie können mit den positiven Bildern von den Schrecken ablenken, die sie ansonsten so kreieren. Inwiefern das demokratische Länder sind, ist dabei völlig egal.

Trotz der belastenden Umstände fiel mir der Boykott in den ersten Tagen der WM besonders schwer. Wie weit treibt man es da eigentlich? Muss ich um den Optiker an der Ecke einen Bogen machen, weil er Deutschlandfahnen und den aktuellen WM-Ball im Schaufenster hat? Und was macht Mensch an einem verregneten Sonntagabend um 19 Uhr, außer Fußball zu gucken? Bloß nicht den Fernseher anschalten, nicht in die Sport-App gucken, die Versuchung kleinhalten. Zwiebeln schneiden, Essen kochen, Buch lesen.

Wie es so läuft, bekomme ich trotzdem mit. Auf Social Media, im Radio oder den Nachrichten: Fußball. Nicht immer swipe ich vorbei oder schalte aus. Nach jedem Deutschlandspiel taucht auf meinem Handy eine Eilmeldung auf. Manchmal schicken Freun­d:in­nen mir kurze Nachrichten bei besonderen Ergebnissen: Guck mal, Spanien hat gegen Kap Verde unentschieden gespielt.

So ganz ohne Macht, schrieb vor ein paar Wochen der taz Kollege Peter Unfried, bringe ein Boykott nur moralische Selbsterhöhung. Er hat schon recht. Ob ich WM-Spiele schaue oder nicht, die mit Werbung gefüllten „Trinkpausen“ gibt's weiterhin. Die Fifa wird weiterhin Fans mit dynamischen Ticketpreisen ausnehmen. Aber da einfach zuzuschauen, fühlt sich an, als toleriere ich das oder sei damit einverstanden. Bin ich nicht. Darum bleibe ich beim Boykott.

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18 Kommentare

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  • Na ja, ich "boykottiere" hauptsächlich wegen der späten Anpfiffe, muss schließlich morgens früh aufstehen ...

  • Der Autor versucht also die WM zu boykottieren und stellt fest das es gar nicht so leicht ist?

    Sei ihm unbenommen.

    Wenn er wirklich keinen Fußball sehen will dann soll er es einfach nicht schauen, das Thema wechseln wenn die Gespräche auf WM kommen usw. usf.

    Zieh das bis nach dem Finale durch und du warst mit deinen Boycott erfolgreich. Bin sicher du kriegst das hin. Bleib stark, mein Freund !

    Hätte aber folgende Frage: ohne die Sorgen und Nöte eines WM Boycotteurs verharmlosen zu wollen; wie kommts das hier die Kommentare geöffnet sind während sie bei anderen, durchaus wichtigen Themen und Nachrichten oft, eigentlich immer, gesperrt sind?

    Ist mir ja klar wie man sagt: beim Fussball gehts nicht um Leben oder Tod sondern um mehr...............

    Aber herrje, auch andere aktuelle Themen haben diskusionsbedarf.

    Warum beraubt die taz ihre Leserschaft viel zu oft um diese Möglichkeit ?

  • Für mich ist es einfach, mich interessiert außer meinem Nord-Regionalligisten einfach kein Fußball.

  • Ich boykottiere auch, aber bereits seit 2018. Mittlerweile habe ich ein Desinteresse entwickelt.

    Ich bin strenger als Sie. Die Fifa hat auch deshalb so viel Macht, wegen den Fans, dem Sportjournalismus und der Politik. Jede Kritik prallt von der Fifa ab, weil am Ende jeder genau das macht, was die Fifa will. Die Fans, der Journalismus, die Politik sind ein Teil dieser Propaganda, also ein Teil des Problems. Dieser Nationalismus, diese Ballermann-Fankultur, der Plastikmüll, der Profit.



    Zu Ihrem Kollegen: ich habe Putin bereits in den 00 Jahren als Scheindemokraten kritisiert. Ab 2014 habe ich Putin boykottiert (z.B. WM 2018). Wäre ich an der EU-Macht gewesen, gäbe es keinen Angriff auf die Ukraine. Ich habe ein gutes Gewissen. Ein Boykott bedeutet für mich Verzweiflung, weil am Ende jeder nur ein grosse Klappe hat, aber nichts tut, was auch wehtut. Die Kritik "moralische Selbsterhöhung" ist vielmehr eine intellektuelle Schwäche.

  • Das geht mir ähnlich. Dieser korrupte FIFA-Clan schöpft das Geld gnadenlos ab und geht Allianzen mit Verachtern der Demokratie und Menschenrechten ein. Die FIFA propagiert, Menschen mit dem Fußball zu verein, grenzt aber aus, nicht zuletzt auch durch die absurden Preise.



    Insofern hat jede und jeder die Wahl, dieses ausbeuterische System zu unterstützen oder nicht.



    Ein Boykott bedeutet für mich, den Kommerz dieser WM zu konsequent zu meiden, das betrifft auch die Einschaltqouten. Den Informationen über die Ergebnisse kann man kaum ausweichen, was für mich auch nicht entscheidend ist.



    Ärgerlich ist für mich nur, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zig Millionen in die WM-Berichterstattung reinpumpen, die gesamte Sportberichterstattung nur noch die Fußball-WM zu kennen scheint, wo die sonstige Sport-Berichterstattung ohnehin schon zu 80-90% von Fußball von der ersten bis zur vierten Liga dominiert wird.

    • @Manzdi:

      In den öffentlich- rechtlichen laufen viele Sportarten. Fußball hat von allen Sportarten mit 30% den größten Anteil.



      Also nicht ganz 90%. Im Winter jammern andere, weil zu viel Wintersport gezeigt wird. Ist Handball WM, das gleiche Bild. Man kann nie alle zufrieden stellen

  • Fußball besteht auch zwei Spielhälften a 45 Minuten und nicht aus 4 Infantino-Werbe-Milliarden Teilen. Das ist kein Fußball, das ist widerlicher Mega-Kommerz. Ich habe alle Spiele boykottiert,

  • Mir geht's da ganz wie dem Autor. Gestern gar nicht auf dem Schirm gehabt, dass Brasilien vs Jpaan spielte - sowas hätte ich sonst immer geguckt.



    Aber mit den Preisen kann man sich auch nicht mehr mit den Leuten im Stadion freuen, es ist fast nur Event-Publikum mit viel Geld geworden.



    Dass D jetzt raus ist, ist immerhin schön, weil dann weniger Geld mit dem FIFA-lizenzierten Quatsch verdient wird.

  • Ich habe kein Spiel gesehen, aber mir wurde es an anderen Stellen aufgedrängt. Ich wollte abends nochmal kurz Nachrichten auf NDR Info hören, aber selbst zur vollen Stunde gab es keine Nachrichten, sondern es lief Fußball.

  • Am Anfang habe ich gesagt, ich schaue mir kein Spiel an, am Ende sind es jetzt in Summe zwei bis drei geworden. Mal ein frühes mit den Jungs, mal eine spätere Halbzeit, weil die schön nebenher läuft. Insgesamt kommt einem aber auch die Zeitverschiebung zu Gute, nachts steh ich definitiv nicht auf. Was aber komplett fehlt sind die Emotionen. Da läuft dann halt etwas Fußball, man bekommt natürlich die Ergebnisse mit, aber es ist mir egal. Da lief einfach auf zu vielen Ebenen etwas falsch, dass der Reiz für mich weg ist.

  • "Unser Autor ist Fußballfan und brennt für seinen Verein. Mit dieser Fifa-WM will er nichts zu tun haben. Aber das ist gar nicht so einfach."



    Jetzt schon...

  • Ich kann diese Haltung nur unterstützen. Dieser Rummel der mehr auf das Geld denn auf den Sport schielt ist wirklich unerträglich!

    Und es ist nicht wahr, dass dies nichts bewirkt: Immerhin kann man erhobenen Hauptes sagen, dass man das Ganze KONSEQUENT ablehnt (und nicht vorne ablehnt und hinten die Spiele guckt...)

  • "Ist das dann noch der Sport mit dieser verbindenden Kraft? Vom Glanz der WM profitierten zuletzt vor allem jene, die ausschließen und unterdrücken. Ob Russland, Katar oder nun der rechtsextreme US-Präsidenten Donald Trump, sie können mit den positiven Bildern von den Schrecken ablenken, die sie ansonsten so kreieren. Inwiefern das demokratische Länder sind, ist dabei völlig egal."



    Fußball ist mit Abstand die am weitesten verbreitete Sportart der Welt. Egal wo du auf dem Planeten bist, irgendwo wird immer gekickt.



    Die Demokratie ist und war dabei aber nie im Fokus.



    Denn erstens ist der Fußball selbst nicht demokratisch, sondern streng hierarchisch. Ein Trainer als Chef über allem, die Spieler ohne Mitspracherecht.



    Und zweitens steht Fußball für Konkurrenz - zwischen Vereinen, zwischen Ländern, etc...



    Fußball ist Wettbewerb.



    'Dabei sein ist alles' war noch nie das Motto. Einen Pokal bekommt immer nur der Sieger 🏆



    Verbindend ist nur der Ball ⚽



    Der Versuch, Fußball immer mit Moral zu beladen, zerstört das.



    Wenn Unbekannte irgendwo spontan miteinander kicken, dann ist es ja gerade schön, weil es unpolitisch ist.



    Beim Fußball will man Tore schießen, nicht die Welt retten.

  • Geht mir ähnlich. Werde das Ergebnis wahrscheinlich schon irgendwie mitbekommen. Oder auch nicht. Wer ist eigentlich gerade Weltmeister? Ist ja auch egal.



    Die Buchempfehlung hätte mich dann doch mehr interessiert. :)

  • So extrem schaffe ich es doch nicht. Aber das liegt sicher daran, dass schon so viel anderes gibt, was seit Jahren verzweifeln lässt, Boykott müsste man an so vielen Fronten walten lassen. Aber den Minirest meines Lebens versuche ich, nicht in der Depression zu verbringen. Da hilft ein wenig: Spenden statt Schweigeminute.

  • Finde ich gut. Der echte Fußball findet vielleicht immer noch woanders statt. Die große Stimmung kommt vielleicht nochauf, wenn Deutschland gegen Frankreich gewinnt. Wenn.

    • @ttronics:

      Nun.



      Dafür hat Paraguay jetzt schon große Stimmung.

    • @ttronics:

      Tja - Deutschland hätte auch gegen Frankreich gewinnen können...