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Authentizität„Performativ“ zu sein, ist kein Verbrechen

Ständig werfen wir uns gegenseitig vor, unsere Handlungen und Haltungen bloß in Szene setzen zu wollen. Aber wäre das überhaupt so schlimm?

S onne im Gesicht, Kaffeeduft in der Nase, ein Buch aufgeschlagen – was gibt es Gemütlicheres als einen Lesetag im Café? Aber Vorsicht bei der Wahl des Buches. Liest man für alle sichtbar Simone de Beauvoir oder Thomas Mann, steht schnell der Vorwurf im Raum, dabei bloß gesehen werden zu wollen. Man betreibe performative reading. Peinlich.

Wer einer hilfsbedürftigen Person über die Straße hilft, ist womöglich gar nicht freundlich, sondern trägt nur seine performative kindness zur Schau. Und teilt man einen Demoaufruf in der Instagram-Story – geht es dann um die Sache oder ist das performative activism?

Die Gen Z liebt den Performative-Stempel. Vor allem in sozialen Medien wird sich immer wieder über vermeintlich performative Akte anderer lustig gemacht – was paradox ist, geht es auf den Plattformen doch um die Sichtbarmachung eigener Handlungen und Haltungen.

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Die allerschlimmsten: performative Männer

Wir wollen gefallen, gesehen werden, dazugehören. Manche Eigenschaften tragen wir stärker nach außen als andere

Der populärste Performative-Vorwurf betrifft die performative males: Männer mit verwuscheltem Mullet, Croptop, Matcha Latte in der Hand. Sie zeigen Privilegienbewusstsein, sind die größten Kritiker von toxischer Männlichkeit, verhalten sich aber bei genauerer Betrachtung wie der stereotyp emotional unzugängliche Mann.

Und ja, wenn sich ein Mann als Feminist gibt, aber keiner ist, sollte das problematisiert werden. Denn er erhält womöglich Zugang zu Räumen, die darauf vertrauen, dass es darin kein übergriffiges oder frauenverachtendes Verhalten gibt. Und wenn alle dieselben politischen Beiträge reposten, aber niemand auf die Straße geht, dann reicht das nicht, um wirklich etwas zu bewegen.

Spannend aber ist, dass performatives Verhalten – besonders in der Gen Z – ausschließlich negativ konnotiert ist. Den Begriff der Performativität gibt es in der Soziologie schon lange. So schreibt Erving Goffman 1959, dass soziales Leben einer Theateraufführung gleiche: Menschen schlüpfen in Rollen und versuchen so, einen bestimmten Eindruck zu machen.

Populär ist vor allem Judith Butlers Begriff der Geschlechtsperformativität. Sie sagt, Weiblichkeit und Männlichkeit entstünden durch die ständige Wiederholung gesellschaftlich geprägter Verhaltensweisen. Auch Geschlecht ist demnach nicht etwas, das wir sind, sondern etwas, das wir immer wieder herstellen.

Heißt nach Goffman und Butler: Jeder Mensch performt. Wir wollen gefallen, gesehen werden, Teil von etwas sein. Manches tragen wir dabei stärker nach außen, um Zugehörigkeit zu sichern. Eigentlich ja niedlich.

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Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Wunsch nach Sichtbarkeit

Inflationär und willkürlich den Performative-Stempel zu verteilen, ist Quatsch. Denn der Anspruch, nichts für den Blick anderer zu tun und immer authentisch zu sein, ist völlig realitätsfern. Dafür müsste man ja erst mal wissen, wer man selbst ist und ein Leben lang dabeibleiben.

Und selbst wenn hinter einer guten Tat oder einem politischen Post der Wunsch nach Sichtbarkeit steckt – kann das nicht dennoch echt und hilfreich sein? Denn vielleicht hat der Post einen Menschen erreicht, der zur Demo geht. Vielleicht beginnt man ein kleines Engagement, weil man sich zunehmend als politisch begreift.

Brandmarken wir einander mit dem Performative-Stempel, hindern wir uns gegenseitig daran, zu lernen und neue Versionen unserer selbst auszuprobieren. Wir verbieten uns die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Wenn wir uns so urteilend, voller Skepsis und Abschätzigkeit begegnen, stehen wir einem gesellschaftlichen Miteinander und am Ende bloß uns selbst im Weg.

Also: Seid ruhig mal performativ!

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Hannah Marlene Göschel

Hannah Marlene Göschel

Geboren 2003 in Berlin. Studierte Psychologie in Leipzig und Lyon. Schreibt am liebsten über all das Schöne und Widersprüchliche am Menschsein.
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7 Kommentare

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  • Damit ein performativer Akt zählt, braucht es nicht nur die „richtigen Worte“, sondern auch eine legitime Sprecherposition und ein anerkennendes Publikum im jeweiligen sozialen Feld („autorisiertes Sprechen“).

  • Vielleicht gehört das ja zu einer oberflächlichen Gesellschaft? Wer seine Mitmenschen nur oberflächlich aus irgendwelchen Netzwerken usw. kennt, kann eben nicht beurteilen, was bei wem echt ist und was nur Show.

  • Performen ohne Normen... „Sei ohnedies gut..." (Ringelnatz)



    www.deutschelyrik....ohne-nebendir.html

  • Als Babyboomer lernt man doch noch immer dazu: Mullet und Croptop kannte ich noch nicht. Ersteres finde ich hässlich und Croptops werden doch von Frauen getragen - oder?



    Dass die Generation Z Simone de Beauvoir oder Thomas Mann liest, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.



    Und dass jemand aus dieser Generation einer alten Person über die Straße hilft, eigentlich auch nicht. Die sind so in ihrer digitalen Welt versunken, dass sie von der Realität wenig bis gar nichts mitbekommen. Wenn ich so eine Person mal im Zug anspreche, dann ist die ganz irritiert, weil verkabelt und ganz in ihrer eigenen Welt versunken.



    Die Generation Beta, die ja jetzt vollständig im digitalen Zeitalter aufwächst, vertraut mit KI, Virtual Reality und automatisierten Technologien ist, pflegt soziale Beziehungen zunehmend nur noch virtuell, arbeitet im Homeoffice und lässt sich die Mahlzeiten nach Hause liefern. Diese Generation wird sich dann in Zukunft wohl nur noch analog treffen, um sich "fortzupflanzen". Obwohl - das kann man dann auch bald via Reagenzglas erledigen.

  • "Authentizität



    „Performativ“ zu sein, ist kein Verbrechen"



    Kraftworte in der Kolumne "Starke Gefühle"



    Verbrechen ist "Hochregal"...



    Mir kamen eher Assoziationen zu Hartmut Rosa (Resonanz und Weltbeziehung) u. zu Harald Welzer (Haus der Gefühle).



    Soziologisch fand ich auch die Gegenseite interessant.



    ph-freiburg.de:



    "Als implizierte oder stumme AkteurInnen oder Aktanten gelten solche menschlichen oder nichtmenschlichen Bestandteile von Situationen, die nicht aktiv in Aushandlungsprozesse einbezogen, sondern zum Gegenstand von diskursiven Konstruktionen anderer AkteurInnengruppen werden (etwa in Form von Stereotypisierungen). In solche diskursiven Konstruktionen fließen die Ziele und Absichten der KonstrukteurInnen ein, die sich nicht mit den je eigenen Perspektiven der implizierten AkteurInnen decken müssen, die aber vor allem dann für Situationen verhältnismäßig bedeutsam werden können, wenn diese eigenen Perspektiven gar nicht artikuliert werden (können). Die Aufmerksamkeit darauf, wer wie spricht und wer nicht, macht die Kategorie der implizierten AkteurInnen zu einem hilfreichen Mittel – einem sensibilisierenden Konzept –, um Hierarchisierungen analytisch in den Blick zu nehmen"

  • Die urteilen-abschätzige Begegnungsweise habe ich bereits als junges Mädchen und dann mehrfach in verschiedenen Zusammenhängen erlebt. Man zieht sich dann zurück und liest sich ein, wappnet sich und bemüht sich, das nicht gegenüber Irgendwem auszulassen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass daraus auch so manche Politfraktionierung daraus entstanden ist.

  • Da halte ich überhaupt nichts davon.

    "Wer einer hilfsbedürftigen Person über die Straße hilft, ist womöglich gar nicht freundlich, sondern trägt nur seine performative kindness zur Schau."

    Und so ist es. Wenn die gesellschaftliche Sicht kippt, wird man auf einmal nicht mehr hilfreich sein.

    Wer 2015 Ausländer noch mit Teddybären begrüßt hat für die Außenwirkung, wird jetzt vielleicht mit der AfD auf Sylt Liedtexte umdichten. Kommt halt besser an (in gewissen Kreisen). Und dies kann man überall anwenden.

    Zudem zieht man ein Gewand an, welches einem gar nicht passt.

    Wenn man wegen "Sichtbarkeit" etwas tut richtet man sein ganzes Handeln nach der Sichtweise anderer Menschen aus. Und spätestens wenn es unbequem wird, legt man diese Haltung ab.