Performative-Left-Contest: Mate, Marx und vollendeter Style
In Anlehnung an den "Performative Male Contest" küren Studierende der Humboldt-Universität in einem selbstironischen Wettbewerb das "linkeste" Outfit.
„Ich habe das Gefühl, dass das gesamte Publikum mitmachen könnte“, flüstert eine Zuschauerin mit gebleichten Haaren und Cargohosen. Auf dem Hegelplatz vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität haben sich etwa fünfzig Studierende versammelt. An ihren Füßen liegen Mate-Flaschen, an den Mündern und in ihren Händen hängen selbstgedrehte Zigaretten. Das angepasste Publikum für den ersten Performative-Left-Contest Berlins.
Nacheinander treten fünfzehn Studierende ans Mikrofon und präsentieren sich ihrem Publikum. Das Ziel: Möglichst links wirken. Wer den typischen linken Studierenden am besten verkörpert, wird dann von einer Jury aus HU- und FU-Studierenden sowie dem Publikum gekürt. Bei den Kandidierenden dominieren nicht nur Club-Mate-Flaschen – am besten Granatapfelrot –, sondern auch aus dem Second-Hand-Laden geshoppte, geerbte oder „gefundene“ Outfits und die Klassiker von Marx, Stalin oder Şeyda Kurt, für die Moderneren auf den Armen. Ab und zu wird eine Ausgabe der Jungen Welt oder der taz aus den mit linken Buttons voll gepinnten Tote Bags hervorgeholt. Unser Ruf ist gerettet.
Inspiriert von den letzten „Performative Male Contests“ wollte der Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband Berlin (SDS) den linken Studierenden an dem regnerischen Nachmittag einen Hauch von Leichtigkeit und Selbstironie bringen. „Wir haben uns überlegt, warum junge Menschen wegen so einem banalen Grund zusammenkommen. Alle kulturellen Angebote sind so teuer geworden, dass man gar nicht mehr so leicht Teil einer Gruppe wird. Und links sein heißt auch, gemeinsam zu sein“, erklärt Nika, SDS-Mitglied und Moderatorin des Wettbewerbs.
Zwischen den Runden ruft die Jury dazu auf, Tickets zum Protest gegen die Neugründung der AfD-Jugend in Gießen zu kaufen und zum Auftakttreffen des Verbandes zu kommen. Es folgt eine Lesung des Kommunistischen Manifests, Abschnitt über französische Radikale und deutsche Polizisten.
„Eure Vorstellungen sind revolutionär! Wenn es so weitergeht, haben wir das Drecksystem gleich überrollt!“, ruft der Kandidat, der sich "Black-Block-Tobi" nennt, am Mikrofon. Der schwarz gekleidete Antifaschist mit Hammer-und-Sichel-Halskette um den Hals wird vom Publikum bejubelt. Doch in der Finalrunde wird hart gekämpft. Auf ihn folgt Silke mit einer „leeren Weinflasche mit kleinem Handtuch“, zwei Karabinern am Gürtel und einer roten Sternburg-Sweatjacke.
Was einen guten links-performativen Jugendlichen ausmacht, verrät Minze aus der Jury. Klischees allein reichen nicht aus, man braucht einen Überraschungseffekt oder eine pseudo-linke Rap-Performance am Mikrofon für die Show. „Man kann links sein, aber trotzdem performativ … Das bedeutet, es hauptsächlich zu tun, um sein soziales Ansehen zu steigern, ohne Interesse an der Sache zu haben“, sagt der*die HU-Student*in.
Mit ihrer mit „FCK-NZS“-Stickern beklebten Plastikflasche und ihrer „Die Internationale“ spielenden Spieluhr erhält Patricia den Preis des Publikums. „Ich bin der lebende Beweis, dass man keine Ahnung von Theorie haben muss, um es in der Linken weit zu schaffen“, bedankt sie sich mit übertriebener Emotion am Mikrofon. Sie darf sich über eine golden gesprühte Ausgabe des „Kapital“ freuen. Genau die gleiche Ausgabe hatte sie in ihrer Tote Bag mitgebracht. Genauso ungelesen wie die neue.
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