piwik no script img

Arda Saatçis 600-km-LaufEine Frage der Migrationsgeschichte

Kommentar von

Levi Okur

Anhand des Extremsportlers Arda Saatçi kritisiert die Dominanzgesellschaft Leistungsdruck. Doch dabei übersieht sie etwas.

Next german migrant hero: Arda Saatçi Foto: Halil Sagirkaya/Anadolu Agency/imago

A ls ich neulich von Arda Saatçis 600-km-Ultramarathon hörte, dachte ich nur: „Willkommen im Club! Schon wieder so ein Migra-Kid, das den Leistungsdruck dieser Gesellschaft internalisiert hat.“

Ich selbst habe zwar noch nie versucht 14 Marathons am Stück durch die Wüste zu laufen, doch uns eint etwas. Auch ich kann einfach nicht chillen. Diese Einsicht kam mir kürzlich, als ich versuchte, ein Yoga-Retreat zu buchen, und mitten im Kaufprozess abbrach. Mein Lebenslauf liest sich wie die Biografie einer Wahnsinnigen: Ich arbeite, seit ich 18 bin, habe internationale Job-Stationen hinter mir, mich selbstständig gemacht, ein halbes Dutzend Praktika absolviert. Die Studi-Jobs habe ich nicht mal aufgeführt. Dazu kommen Hobbys und ehrenamtliche Arbeit in Kollektiven, die mich busy halten.

Seit Monaten schleppe ich mich zur Arbeit, werfe Ibus ein statt krank zu sein. Freigenommen habe ich mir bislang nur an den Geburtstagen meiner Eltern, und selbst da habe ich Bürokratie-Kram für sie erledigt oder sie zum Arzt begleitet. Ich bin müde. Aber zu groß ist die Angst, alles wieder zu verlieren, was ich mir mühsam aufgebaut habe, sobald ich mal nichts tue. Zu groß auch die Sorge, meine Eltern zu enttäuschen, ihre Opfer nicht angemessen zu würdigen, all die Jahrzehnte, in denen sie sich in schlecht bezahlten Jobs und Care-Arbeit für mich abgerackert haben. Bei meinen Migra-Freund:innen ist es nicht anders.

Arda Saatçis Lauf wurde in der taz kritisiert: Sein Narzissmus sei ein „neoliberales Statement“. Ich teile diese Kritik nicht. Für Menschen aus der Dominanzgesellschaft mag Kritik an Selbstoptimierung und der Leistungsgesellschaft ein intellektuelles Gedankenspiel über Neoliberalismus sein. Doch wer Leistungsideologie kritisiert, ohne zu erkennen, dass dieselbe Ideologie für unterschiedliche Körper unterschiedliche Funktionen erfüllt, kritisiert nur die halbe Sache.

Für migrantisierte Menschen wie Arda Saatçi, der eine türkische Migrationsgeschichte hat, oder mich, ist Leistung kein Lifestyle-Statement, sondern Überlebensstrategie: gegen Vorurteile, um überhaupt sichtbar zu sein, dazuzugehören, eine Chance zu bekommen. Leistung abzulehnen ist ein Privileg. Wer ohnehin am Rand steht, kann sich diese Verweigerung schlicht nicht leisten. Stichwort Nützlichkeitsrassismus.

Die unsichtbaren Erfolgsgeschichten

Wie schnell die Zugehörigkeit gekündigt wird, sobald die Leistung ausbleibt, hat (der durchaus kritikwürdige) Mesut Özil, über den kürzlich ebenfalls eine Doku erschien, auf den Punkt gebracht: „Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher, wenn wir verlieren, bin ich Immigrant.“ Genau dieser Mechanismus greift auch in der Berichterstattung über Saatçi: In vielen Berichten über Saatçis Lauf wird seine türkische Migrationsgeschichte ausgeblendet, er erscheint einfach als „Berliner“, so auch in dem taz-Artikel über ihn. Sein Name fällt, seine Biografie nicht. Ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt. Aus der migrantischen Community kommt Kritik, etwa von Cansın Köktürk, einer Bundestagsabgeordneten der Linken, die ein Meme postete: „Wenn Arda Saatçi 600 km läuft und plötzlich alle ‚Deutscher Läufer‘ schreiben.“

Ich frage mich: Wie kommt es, dass bei Erfolgsgeschichten junger migrantischer Menschen wie der von Arda Saatçi der Migrationshintergrund ausradiert wird, während dieselben Communitys ansonsten so oft als ungebildet, kriminell oder machohaft dargestellt werden?

Warum wird ausgerechnet in Berichten über Gewaltkriminalität der migrantische Background so prominent thematisiert, und zwar in einer Häufigkeit, die in keinem Verhältnis zu den realen Zahlen steht? Wie eine aktuelle Studie belegt, sind ausländische Tatverdächtige in deutschen Leitmedien rund dreifach überrepräsentiert, bei Tatverdächtigen aus muslimisch geprägten Ländern ist es sogar das Vierfache.

Während all diese Fragen in meinem Kopf herumschwirren, läuft im Hintergrund die neue Single „Arbayt“ von Ebow, einer queerfeministischen Rapperin mit kurdisch-alevitischen Wurzeln. Der Beat ist hart und schroff, die Lyrics treffen ins Schwarze: „Mal waren wir zu faul, hatten keinen Bock auf die Arbeit / Mal waren wir zu schlau, nahmen sie weg ihre Arbeit / Mal haben sie uns gebraucht für den Dreck ihrer Arbeit / Wir sind so viel wert wie der Zweck unserer Arbeit.“ Im Abspann des Musikvideos sind Zitate aus Semra Ertans Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ (1981) zu hören.

Möglicherweise ist die radikalste Forderung migrantisierter Menschen heute nicht „gleiche Chancen“ oder „mehr Sichtbarkeit“, sondern das Recht, müde zu sein. Das Recht, mittelmäßig zu sein. Das Recht, einfach zu existieren, ohne dafür laufen, leisten, liefern zu müssen. Solange Ruhe ein Privileg bleibt und Leistung eine Eintrittskarte, zahlen migrantisierte Körper mit ihrer Gesundheit, ihrer Zeit, ihrem Leben.

Arda Saatçi beendete seinen 600-km-Lauf übrigens nur deshalb, weil er seiner Mutter versprochen hatte, mit ihr hinterher ein Eis essen zu gehen. Vielleicht sollte es irgendwann einmal möglich sein, einfach nur ein Eis zu essen, ohne irgendetwas dafür geleistet zu haben.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

13 Kommentare

 / 
  • Glaube nicht so recht, dass sich die Intention von Herrn Saatçis und jene der Autorin wirklich vergleichen lassen. Auch mir stößt zwar gelegentlich auf, was sie betont: Mal sind alle, die Besonderes leisten, einfach nur Deutsche, mal kriegen sie keine Wohnung, weil ihr Name anders klingt. Oder sie eben anders aussehen.



    Was das eigentliche Problem der Autorin betrifft, dass sie über jedes vernünftige Level hinaus arbeitet: Da sehe ich keinen sooo großen Unterschied im Vergleich zu vielen anderen Arbeitnehmern.



    Mein eigener Ehrgeiz im Arbeitsleben hielt sich eher in Grenzen. Dennoch - wohl weil ich trotzdem stets unter den Besseren war - "spülte es mich" mehrfach in kleinere Leitungspositionen. Als ich jünger war habe ich das schadlos überstanden. Später allerdings hat es mich zwischen einem rücksichtslosen Chef und meinen Unterstellten, denen ich dessen Forderungen natürlich aufdrücken musste, regelrecht zerrieben. Die Folgen davon waren eine jahrelange Depression und eine Degradierung zum Arbeiter 0815...



    Heute, 20 Jahre später, weiß ich, dass mir damals nichts Besseres passieren konnte. - Also immer schön haushalten mit den begrenzten Kräften! Egal, ob Migra-Kid oder nicht...

  • Eigentlich sollten wir doch alle Leistung bringen und nicht nur erwarten. Und Gutes oder Besonderes entsteht nur dann wenn jemand bereit ist etwas zu leisten. Egal ob Kunst, Sport oder Beruf.

  • Hey, richtig schöner Artikel. Dieses Leistungsding gibt es aber auch in vermeintlich "deutsch" erscheinenden Familien. Meine Eltern sind vor der Wende aus der DDR ausgereist und haben erstmal weit unter ihrer Qualifikation gearbeitet (Der Klassiker: meine Mama hat geputzt). Wir sollten es immer besser haben, studieren, Erfolg haben, ...



    Und heute bin ich schwerbehindert mit ME/CFS, weil ich nach einer nicht auskurierten Coronainfektion sofort wieder arbeiten gegangen bin, da haben mich die "Ibus" dran erinnert...

  • Toller Artikel. Was Sie beschreiben, ist bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund omnipräsent: Nahezu alle Menschen mit Einwanderungsgeschichte teilen die Erfahrung oder zumindest die Überzeugung, dass sie — obwohl sie in diesem Land geboren wurden — mehr leisten müssen als andere und bei Fehlern strenger beurteilt oder schneller abgestraft werden.

    Das beginnt oft schon bei der Jobsuche. Der verbreitete Konsens lautet: Wenn zwei Bewerber exakt die gleiche Qualifikation mitbringen, wird im Zweifel der deutsch gelesene Bewerber bevorzugt.

    Ob Ardas Motivation für den Lauf tatsächlich aus dieser gefühlten Wahrnehmung heraus entstanden ist, weiß ich nicht — zumal er Influencer ist und damit natürlich auch Content generiert.

  • Ihm die Leistung madig zu reden fand ich auch absolut drüber. Auch die Einstellung und lebensart zu kritisieren steht niemandem zu. Seine leistung war Großartig nach dem Motto ich vs ich.

  • Als ich das erste mal über diesen Lauf gelesen habe, dachte ich nur: Wow, krass – Respekt! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

    • @Mister Spock:

      Ganz genau meine Gedanke!

  • Susanne Memarnia , Autorin , Redakteurin taz.Berlin

    Sehr kluger, toller Kommentar!

  • In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Überkompensation.



    „Überkompensiert“ bedeutet, einen Ausgleich oder eine Kompensation in übersteigerter Form vorzunehmen, sodass das Ziel überschritten wird.



    Alfred Adler, einer der drei berühmtesten Psychoanalytiker, identifizierte Bedingungen, die Überkompensation begünstigen, darunter beispielsweise kulturelle Schranken.



    Sie haben doch schon jetzt mehr erreicht als Ihre Eltern und viele, viele "Eingeborene". Also immer schön haushalten mit den Kräften.

  • Danke für diesen gelungenen Artikel. Als ich den zuvor veröffentlichten Bericht gelesen habe, hatte ich ganz ähnliche Gedanken. Da nörgelt jemand aus fadenscheinigen Gründen an einer wahnsinnigen Leistung herum, ohne auch nur eine Sekunde an die Frage zu verschwenden, warum jemand so eine irre Motivation besitzt. Sei es, um der Vorverurteilung durch die Gesellschaft zuvorzukommen, die Migrant*innen pauschal als faul abstempelt, oder einfach nur aus Spaß an Sport und herausragenden Leistungen. Wer ist die Autorin, darüber zu urteilen, ohne jemals mit dem Läufer gesprochen zu haben? Das hat sie nämlich sicher nicht, sonst wäre ihr Artikel nicht so schrecklich besserwisserisch. Darüber hinaus provoziert sie in den Kommentarspalten geradezu Hasskommentare über Menschen, die ihrer Leidenschaft nachgehen und damit scheinbar die Komplexe einiger Zeitgenossen triggern.



    Danke Herr Okur, und jetzt die Laufschuhe an oder aufs Rad statt ans digitale Endgerät!

  • Ich finde die beschriebenen Erfahrungen durchaus relevant und wertvoll, erlaube mir aber auch, die Schlussfolgerung bezüglich ihrer eigenen Person nicht zu teilen.

    Natürlich gibt es diese unangenehme Geschichte, das offensichtliche Außenseiter sich mehr anstrengen müssenund das sie auch schnell wieder rausfliegen können.

    Das Problem haben insbesondere in der Jugend aber nicht nur Migranten.



    Man kann das aber auch nicht auf Alles und jeden anwenden.

    Ein Influencer wie Arda Saatçi verdient mit der Chose letztlich Geld. Und über das Bild, das er dabei abgeben möchte, entscheidet er selbst.



    Letztlich ist das Showbiz und wer da was werden will muss auffallen.

    Um es mit Helmut Kohl zu sagen "Niemand hat mich gezwungen, Bundeskanzler zu werden."

    • @Sonntagssegler:

      Diese Art Kommentar ist unter Beiträgen zu Personen mit Migrationsgeschichte immer zuverlässig zu lesen. Relativierungen, Whataboutism und die Metaebene auf ein Einzelschicksal herunter brechen, um wiederum das gesellschaftspolitische große Ganze ad acta legen zu können.



      Es geht in dem Beitrag nicht um junge Männer allgemein, sondern um Arda Saatçı mit seinen türkischen Wurzeln und die Art und Weise der Berichterstattung über ihn und seine Leistung, die Rückschlüsse auf eine gewisse Geisteshaltung der Mehrheitsgesellschaft zulässt. Nicht zuletzt geht es implizit auch um subtile Rassismen im linksliberalen und linksintellektuellen Milieu.



      Dieses vehemente relativieren ist ein Reflex, weil man den Spiegel vorgehalten bekommt und sich eigentlich eingestehen müsste, dass man in manchen Aspekten gar nicht mal so progressiv ist, wie man immer dachte.



      Dann wird jedes mal vom Kern des Themas abgelenkt und die Last zurück zum Betroffenen geschoben und das Problem individualisiert.



      Das ist pure Ignoranz.



      Und ich denke, dass es nicht einmal vorsätzlich ist. Sondern es handelt sich vielmehr um einen tiefenpsychologischen Abwehrmechanismus.



      Es darf nicht sein, was nicht sein kann...

      • @saprak Yap:

        Das andere Sichtweisen als Ignoranz abgetan werden, ist allerdings auch immer wieder zuverlässig zu lesen. Damit ist nicht gesagt, dass es nicht so sein kann.