Antisemitismus auf documenta 15 in Kassel: Werk von Taring Padi verhüllt
Nach heftiger Kritik werden Teile des Werks „People's Justice“ abgedeckt. Das Künstlerkollektiv „Taring Padi“ entschuldigt sich für „entstandene Verletzungen“.
epd | Nach Antisemitismusvorwürfen gegen die Kunstausstellung documenta fifteen wird eines der dort gezeigten Werke verhüllt. Das für die Arbeit „People's Justice“ verantwortliche indonesische Künstlerkollektiv „Taring Padi“ habe gemeinsam mit der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung entschieden, das betreffende Banner am zentralen Kasseler Friedrichsplatz zu verdecken und eine Erklärung dazu zu installieren, teilte die documenta mit.
„Taring Padi“ erklärte, ihr Werk stehe „in keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung“. „Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck. Wir entschuldigen uns für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen“, heißt es in der Erklärung vom Montagabend.
Zuvor hatten neben anderen die Bundesregierung, die hessische Landesregierung und der Zentralrat der Juden scharfe Kritik geäußert. Kulturstaatsministerin Claudia Roth und die hessische Kunstministerin Angela Dorn (beide Grüne) warfen dem Künstlerkollektiv eine „antisemitische Bildsprache“ vor.
Auf einem Detail des kritisierten Banners ist ein Mann in Anzug und Krawatte zu sehen, haifischartige Raffzähne ragen aus dem Mund, daneben eine Zigarre. Eine angedeutete Schläfenlocke hängt herunter, auf dem Hut prangt die SS-Rune. Auf einem anderen Detail wird unter einem Kanonenrohr eine Person in Uniform gezeigt, sie trägt die Nase eines Schweins, das bei gläubigen Juden oder Moslems als unrein gilt. Auf dem roten Halstuch ist der Davidstern zu sehen, auf dem Helm der Name des israelischen Geheimdienstes Mossad.
Zwanzig Jahre altes Werk
Das indonesische Kollektiv „Taring Padi“ erklärte dazu: „Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen. Die Figuren, Zeichen, Karikaturen und andere visuelle Vokabeln in den Werken sind kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen.“ Die Banner-Installation „People's Justice“ sei 2002 entstanden und bereits an vielen verschiedenen Orten gezeigt worden.
Sie sei Teil einer Kampagne gegen Militarismus und Gewalt, die die Gruppe während der 32-jährigen Militärdiktatur zwischen 1966 und 1998 in Indonesien erlebt hätten, und deren Erbe, das sich bis heute auswirke.
Die Ausstellung von „People's Justice“ auf dem Friedrichsplatz sei die erste Präsentation des Banners in einem europäischen und deutschen Kontext. Sie war bei den ersten beiden Tagen der Pressebegehung letzten Mittwoch und Donnerstag in Kassel noch nicht zu sehen gewesen.
„Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird. Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment“, heißt es in der Erklärung. Das Kollektiv „Taring Padi“ hofft eigenen Worten zufolge, „dass dieses Denkmal nun der Ausgangspunkt für einen neuen Dialog sein kann“.
Suche nach weiterer Expertise
Die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann erklärte, alle Beteiligten bedauerten, dass Gefühle verletzt worden seien. „Gemeinsam haben wir beschlossen, das Banner zu verdecken. Ergänzend holen wir weitere externe Expertise ein“, kündigte Schormann an.
Die internationale Kunstausstellung documenta war am Samstag in Kassel eröffnet worden. Dabei hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Verantwortlichen für ihren Umgang mit seit Monaten erhobenen Antisemitismus-Vorwürfen kritisiert.
Kritisch diskutiert wird auch die Arbeit „Guernica Gaza“ (siehe taz vom 19.6.) der palästinensischen Künstlergruppe „The Question of Funding“. Es zeigt israelische Soldaten, die palästinensische Bauern angreifen – in Anlehnung an Pablo Picassos Bild „Guernica“.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert