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Militärstrategien von USA und Iran Wie alte Mythen neue Kriege legitimieren

Kommentar von

Pooyan Mokari

Vom antiken Persien bis Kerbela: Washington und Teheran nutzen historische Erzählungen, um den Gegner zu dämonisieren und Unterstützung zu mobilisieren.

S eit Beginn des Konflikts zwischen den USA und Iran greifen politische Entscheidungsträger in beiden Ländern immer wieder auf Geschichte und Mythologie zurück, um ihre jeweiligen Narrative zu untermauern. Ein Beispiel dafür ist die Rede des US-Außenministers Marco Rubio in Griechenland. Aber auch iranische Regierungsvertreter berufen sich auf historische Widerstandserzählungen und die religiösen Traditionen der schiitischen Gemeinschaft.

Beide Seiten knüpfen dabei an kollektive Erinnerungen und historische Mythen an, um emotionale Identifikation zu erzeugen und ihre politischen sowie militärischen Ziele zu legitimieren. Die Narrative dienen nicht nur dazu, das eigene Handeln zu rechtfertigen, sondern auch, den Gegner als Bedrohung darzustellen.

Pooyan Mokari

ist investigativer Journalist, Dokumentarfilmer und Autor. Seit 2005 berichtet er über politische Entwicklungen, Menschenrechte und die Zivilgesellschaft im Iran und im Nahen Osten. Er hat unter anderem mit dem Iran Journal, Radio Free Europe/Radio Liberty und der Deutschen Welle zusammengearbeitet.

Vor der Kulisse der Akropolis in Athen erinnerte US-Außenminister Marco Rubio Anfang Oktober an den Feldzug des persischen Königs Xerxes im Jahr 480 v. Chr. und die anschließende Brandschatzung der Akropolis durch das persische Heer. Der US-Außenminister warnte zugleich vor einem „Niedergang der westlichen Zivilisation“ und appellierte an die europäischen Staaten, zu den „Werten des antiken Griechenlands“ zurückzukehren und an der Seite der USA zu stehen.

Bereits zuvor hatten Donald Trump und weitere Vertreter des Weißen Hauses die „iranische Zivilisation“ ins Visier genommen und sie als unzivilisierten Gegenpol zur westlichen Welt dargestellt. Diese Erzählung steht in eklatantem Widerspruch zu den Narrativen vor dem Kriegsausbruch, als die USA vorgaben, die iranischen Protestierenden im Kampf gegen die Diktatur des Regimes zu unterstützen.

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Wandel in der US-Strategie

Damals planten die USA gemeinsam mit Israel einen Angriff auf Iran, der dann auch erfolgte. Doch mit der Schließung der Straße von Hormus und der Aktivierung iranischer Stellvertreterkräfte vollzog sich ein Wandel in der US-Strategie: In der öffentlichen Rhetorik rückten nun die militärische Bedrohung und die Mobilisierung internationaler Unterstützung stärker in den Vordergrund, während Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung von Protesten an Bedeutung verloren.

Der Bevölkerung wird eine fortbestehende mythische Gefahr aus einem fernen Land präsentiert

In diesem Szenario wird dem westlichen Publikum – ähnlich wie im Skript eines Hollywood-Blockbusters – eine fortbestehende mythische Gefahr aus einem fernen Land präsentiert, deren Beseitigung das Erscheinen eines neuen Alexander erfordert, um Iran erneut zu unterwerfen.

Die Anspielung auf Alexander den Großen, der das Achämenidenreich eroberte, verleiht dieser Erzählung eine historische Dimension: Der heutige Konflikt erscheint so als Fortsetzung eines uralten Gegensatzes zwischen Griechenland beziehungsweise dem Westen und Persien beziehungsweise Iran. Dabei werden zwei historisch völlig unterschiedliche politische Ordnungen miteinander verknüpft.

Ein Vergleich mit der Rhetorik George W. Bushs während der Invasionen im Irak und in Afghanistan verdeutlicht diese Transformation: Während Bush nach dem 11. September 2001 mit dem Begriff der „Kreuzzüge“ explizit auf den Gegensatz zwischen Christentum und Islam setzte, kann die Trump-Regierung diesen Begriff heute nicht mehr nutzen, um die arabischen Bündnispartner nicht vor den Kopf zu stoßen. Iran muss daher rhetorisch isoliert und vom Rest der arabisch-islamischen Welt getrennt werden.

Ein Narrativ, das Niederlagen in Siege verwandelt

Gegenüber den Narrativen der USA setzt das iranische Regime sein eigenes übergeordnetes Narrativ ein, das sich sowohl an die heimische Bevölkerung als auch an die Gesellschaften der Region richtet: die Geschichte von Imam Hussein, dem dritten Imam der Schiiten, der im Jahr 680 n. Chr. in der Schlacht von Kerbela gegen die Truppen des Umayyadenkalifen Yazid I. fiel.

Hussein widersetzte sich Yazids Herrschaft und wurde zusammen mit einigen seiner Angehörigen und Gefährten getötet. In der schiitischen Tradition gilt sein Tod als Martyrium. Er wurde zu einem wichtigen Symbol für den Widerstand gegen ungerechte Herrschaft und dafür, auch in großer Gefahr zu den eigenen Überzeugungen zu stehen. Das Regime nutzt diese religiöse Erinnerung seit Jahrzehnten, um Niederlagen als moralische Siege und Opfer als Zeichen historischer Standhaftigkeit darzustellen.

Seit Beginn des von den USA und Israel begonnenen Krieges beschwören iranische Amtsträger und Militärs kontinuierlich diese „Hussein-Bewegung“. Mithilfe dieses Narrativs kann das Regime militärische und politische Rückschläge als vorübergehend und letztlich als Siege umdeuten – selbst die gezielte Tötung hochrangiger Führungsfiguren wie Ali Khamenei, der in dieser Erzählung die Rolle des Märtyrers einnimmt.

In dieser Logik gelten nicht nur der Westen und Israel als Feinde, sondern auch die sunnitisch geprägten arabischen Golfstaaten – entsprechend der religiösen Zugehörigkeit jener Kalifen, die für den Tod Husseins verantwortlich gemacht werden.

Die Zivilbevölkerung wird zum Märtyrer im heiligen Krieg

Angriffe auf diese Staaten werden gegenüber der eigenen Anhängerschaft als Teil eines „heiligen Krieges“ legitimiert. Zugleich sieht sich das Regime keineswegs in der Pflicht, die Zivilbevölkerung vor US-Angriffen zu schützen; getötete Bür­ge­r*in­nen werden vielmehr als Symbole des Leidens und des Widerstands inszeniert, um kollektive Emotionen zu mobilisieren. Selbst die wirtschaftliche und militärische Belagerung durch die USA wird mit der historischen Abriegelung des Zugangs zu Wasser für Hussein und seine Gefährten in Kerbela verglichen.

Dieses übergreifende Narrativ richtet sich jedoch nicht nur gegen äußere Feinde. Trotz der blutigen Niederschlagung der Proteste im Januar 2026 sieht das Regime weiterhin eine erhebliche Bedrohung durch die eigene Bevölkerung. Daher werden Kundgebungen von Regimeanhängern unter dem Motto „Freiwilliges Selbstopfer“ organisiert, um den öffentlichen Raum zur Bühne für Kampfansagen an Regierungskritiker zu machen.

Dieses Denkmuster geht mittlerweile so weit, dass zahlreiche iranische Demonstranten berichtet haben, bei Verhören in Haft von Vernehmungsbeamten als „Ungläubige“ oder „Mörder des Imams“ bezeichnet worden zu sein.

Mit dieser narrativen Strategie deutet das iranische Regime militärische Niederlagen, wirtschaftlichen Druck, gesellschaftliche Unzufriedenheit und strategische Fehlentscheidungen um. So kann es seine Anhänger mobilisieren, seine Stellvertretermilizen im Ausland ideologisch bestärken und die Repression gegen innenpolitische Gegner als Teil eines umfassenderen Kampfes darstellen.

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9 Kommentare

  • Martin Rees

    Das alles ist weder geografisch noch historisch in Europa sehr weit weg oder gar undenkbar:



    "Eine Fußnote der Geschichte, die unterstreicht, wie untrennbar Vergangenheit und Gegenwart für die Serben miteinander verwoben sind: 1989, zum 600. Jahrestag der Niederlage auf dem Amselfeld und drei Jahrhunderte nach der Flucht aus dem Kosovo, ließ der kommunistische Oberserbe Milosevic die Lazar-Knochen wieder feierlich in das Kloster Ravanica zurückführen. Damit wollte er symbolträchtig den ewigen serbischen Anspruch auf das heute zu 90 Prozent von Albanern bewohnte Land unterstreichen."



    Bei spiegel.de !1992



    Weiter dort:



    "Der verbissene Nationalstolz vieler Serben, ihr Selbstverständnis als Opfernation, von der Welt alleingelassen und für andere blutend, stammt aus dem Mittelalter, wird aber bis in unsere Tage beschworen. Als größte Heldentat seiner Geschichte feiert Serbien eine Niederlage: die Schlacht auf dem Amselfeld."



    Die jüngere Entwicklung in den Neunziger Jahren ist vielen Zeitgenoss*innen gut bekannt und in schlechter Erinnerung.



    Vielleicht schafft es die jetzt in Serbien siegreiche neue politische Bewegung proeuropäisch kooperativ statt nationalistisch kompetitiv zu agieren.

  • Kay Brockmann

    Netanjahu benutzte ja kürzlich auch biblische Ortsbezeichnungen für Teile des besetzten West-Jordan-Lands.

    • Selbstauslöser

      @Kay Brockmann:

      Oh, die „biblischen Ortsbezeichnungen“ stehen längst in der Präambel des Koalitionsvertrages: "Das jüdische Volk hat ein exklusives und unbestreitbares Recht auf alle Gebiete des Landes Israel. Die Regierung wird die Besiedlung aller Teile des Landes Israel – in Galiläa, dem Negev, dem Golan, Judäa und Samaria – fördern und ausbauen.“ So ähnlich steht es im Parteiprogramm des Likud. Netanjahu sieht sich auf einer „historischen Mission", das „von Gott verheißene Land" (Erez Yisrael, das je nach Auslegung vom Nil bis zum Euphrat reicht), zu verwirklichen.



      Alte Mythen - neue Kriege.

  • Francesco

    Wenn man sich die jüdische Geschichte anschaut: Die einzigen Nachbarstaaten oder Eroberer, die da gut wegkommen, sind die Perser.

  • Francesco

    Ohne Xerxes kein Alexander. Alexander konnte sein Reich nur deshalb erobern, weil das ganze Land schon vorher in einem Großreich vereinigt war: im persischen Reich.

  • O.F.

    Dass das für das Schiitentum zentrale Martyrium Hosseins eine wichtige Rolle in der iranischen Propaganda spielt, ist weder neu noch überraschend. Interessanter sind bisher undenkbare nationalistische Motive, wie z.B. eine neue Statue in Teheran, die die Gefangennahme Valerians zeigt. Das ist ein Versuch, gezielt nationalistische Iraner anzusprechen, die vielleicht nicht die Islamische Republik, aber sehr wohl Iran verteidigen würden. Ob es gelingt, daran anknüpfend langfristig einen neuen Konsens zu formulieren und das System so wieder zu stabilisieren, wird sich zeigen, im Augenblick scheint diese Kampagne zu wirken, auch durch die dumme Brutalität der Amerikaner...

  • Janix

    Geschichte ist zu oft die Magd der Macht, soll Imperialismus, Krieg und Gewalt legitimieren. Sie kann aber auch Befreiung und Frieden inspirieren.



    Als Wissenschaft löst sie sich freilich am besten von dieser Funktion, auch wenn dann die letzten Lehrstühle geschleift werden könnten.

    Nebenbei: von manchen damals unterschätztes Machwerk übelster Propaganda ist "300" als Film oder Comic.



    Nebenbei 2: Sparta, das einigen als Vorbild dient, war eine Militär-Unterdrückungsmaschine einer üblen Sorte, ähnlich wie das imperiale Rom.

    • Thutmerwe

      @Janix:

      Nebenbei 3: Das gilt auch für Athen und seinen Seebund, wie schon Thukydides in seinem "Melos-Dialog" schön schildert.

      Nebenbei 4: Das man, wenn man mit gegenseitigen Schuldzuweisungen nach Analogien in der Geschichte sucht, eigentlich nie einen Anfang findet, hat bereits Herodot noch ein paar Jahrzehnte vor Thukydides schön gezeigt.

  • Axel Schäfer

    Da stellt sich jetzt die Frage wieviel Prozent der Iraner noch bereit wären, sich den Narrativen des Regimes zu unterwerfen und aktiv zu kämpfen bzw. sich zu opfern. Bei den Verwandten dort macht sich derzeit eher eine depressive Passivität breit.



    ... und was Rubio oder einer der anderen Bildungsveweigerern der MAGA Truppe erzählen ist ohnehin immer Blödsinn mit einer Halbwertzeit von Minuten.