piwik no script img

Antisemitismus in der Jungen UnionGegen die eigene Brandmauer gerannt

Die JU verortete Judenhass zuletzt vor allem bei der Linkspartei. Nun fällt ein eigenes Mitglied mit antisemitischen und sexistischen Kommentaren auf.

In einem Chat fällt ein Mitglied der Jungen Union (JU) Thüringen mit sexistischen und antisemitischen Kommentaren auf. Inzwischen ist es aus der JU ausgetreten, wie der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) zuerst berichtete. In dem internen Chat der Jungen Union, der Nachwuchsorganisation von CDU und CSU, beleidigte er die damalige JU-Bundesschatzmeisterin Clara von Nathusius. Das Mitglied schrieb, das passiere, wenn man Frauen in Vorstände wähle. Und wörtlich: „Aber jetzt mal ganz ehrlich: Clara ist Jüdin, die können mit Geld umgehen, es kann sich also nicht um ein Versehen handeln.“

Die Aussagen des JU-Mitglieds bezogen sich auf die Ereignisse rund um den Deutschlandtag: das jährliche, bundesweite Treffen der Nachwuchsorganisation am vergangenen Wochenende. Die bisherige JU-Schatzmeisterin und Bundesvorständin Clara von Nathusius trat beim Deutschlandtag unerwartet nicht mehr an. Während ihrer Amtszeit wurden Fördermittel abgerufen, die nicht von den Beschlüssen des Bundesvorstandes gedeckt waren. Die JU musste 350.000 Euro samt Zinsen an das Familienministerium zurückzahlen und einen Kredit bei der Union aufnehmen.

Clara von Nathusius ist auf Instagram wohl eins der bekanntesten Gesichter der Nachwuchsorganisation. Mit ihren Insta-Videos erreicht sie zeitweise Millionen Aufrufe. Zuletzt war sie mit umstrittenen Aussagen über die Brandmauer aufgefallen. So sagte Sie im „Bericht aus Berlin“, die Brandmauer sei ein gescheitertes Projekt.

Ein Sprecher der Jungen Union teilte der taz auf Anfrage mit: „Die Junge Union Deutschlands steht klar an der Seite der Jüdinnen und Juden in unserem Land.“ Der Sprecher verweist darauf, dass noch am selben Tag, an dem der Kommentar verfasst wurde, ein Ausschlussverfahren gegen das betreffende Mitglied eingeleitet wurde. Antisemitismus müsse, unabhängig davon, von wem er ausgeht und in welchem Zusammenhang er auftrete, „entschieden widersprochen werden“. Schon am Samstag sagte der Landes-Chef der Thüringer JU, Lennart Geibert, der „Funke Medien Thüringen“, der Kommentar sei „absolut ekelhaft“. Das Mitglied war vor dem Ausschluss bereits selbst ausgetreten.

Am Deutschlandtag hatte sich die JU insbesondere mit Antisemitismus beim politischen Gegner beschäftigt. So wollte sie am Sonntag ein Zeichen gegen einen Antisemitismus von links setzen, den sie bei der Berliner Linkspartei vermutet. Auf die Leinwand hatten sie die Worte „Nie wieder ist jetzt“ projiziert. Als Reaktion auf die am Samstag abgeschlossenen rot-grün-roten Sondierungsgespräche in Berlin verabschiedete die JU am Sonntagmorgen zudem einen Beschluss: Eine Koalition aus SPD und Grünen mit der Linkspartei solle politisch geächtet werden, die Berliner Landesregierung solle von allen Informationen des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes ausgeschlossen werden. Außerdem forderten sie ein sofortiges Verbot von Vergesellschaftungen sowie ein Gremium beim Bund, um Rechtsbrüche im Roten Rathaus von Berlin zu dokumentieren.

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“ Gegen Rechtsruck hilft Linksblick

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

12 Kommentare

  • Flix

    Überraschend kommt eher der beantragte Ausschluss als die Aussage. In der Union und ihrer Wählerschaft waren und sind Stereotype aus der Zeit des Nationalsozialismus durchaus verbreitet. Es war eben schon immer leichter, den Splitter im Auge des anderen als das Brett vor der eigenen Stirn zu sehen.

  • aujau

    So ganz neu sind Äußerungen dieser Art nun auch wieder nicht. JU hat immer wieder mal solche Vorkomnisse.

  • Jalella

    Zumindest macht das deutlich, mit was für einer Organisation wir es hier zu tun haben. Hitler war Sozialist und die Linke ist antisemitisch - das passt sehr gut zusammen im AfD-Narrativ. Die orwellsche Umkehr von Realitäten, ist typisch. Lüge ist Wahrheit, Frieden ist Krieg. Und die JU ist natürlich mit dabei.

  • Günter Witte

    Ein Beitrag aus der Richtung : da schaut hin, auch die sind böse.



    Aber es ist schon ein sehr großer Unterschied ob jetzt ein Hinterbänkler eine Jugendorganisation so etwas von sich gibt oder eine direkt gewählte Abgeordnete. Wenn man sich dann auch noch anschaut was aus den Jugendorganisationen anderer Parteien für Meinung geäußert werden geht es hier wirklich nur um Whataboutismus.

    • Flix

      @Günter Witte:

      Wenn ich mir die Aussage von Merz zum Antisemitismus als Ausländerfeindlichkeit ins Gedächtnis rufe, dann beschränken sich bestimmte Stereotype wohl nicht nur auf Hinterbänkler sondern sind auch in der Parteiführung vorhanden.

    • Perkele

      @Günter Witte:

      Na logo!! Alles was nicht stramm rechts ist, ist als "böse" gesetzt.

  • Anjo

    Das ist wohl nur die Spitze des Eisbergs...

  • Heide Günther

    Wie sollen große Vereine / Organisationen / Parteien denn verhindern, dass sich Einzelne antisemitisch, rassistisch oder frauenverachtend äußern? Es ist doch der Umgang damit, den sich die Partei dann zurechnen lassen muss. Noch am selben Tag des Bekanntwerdens ein Parteiausschlussverfahren anzustrengen, ist schon ein sehr deutliches Zeichen, welche Haltungen nicht akzeptiert werden. Ich verstehe deshalb den Punkt des Artikels nicht.

  • rero

    Nur eine Person, nur in der Jugendorganisation, sofort Ausschlussverfahren, Person ist bereits ausgetreten.

    Soviel Konsequenz hätte ich mir in Berlin von der Linken gewünscht.

    Kann die Linke von lernen.

    Das Rumgeeiere hier ist unsäglich.

  • Janix

    Naja, die Junge Union hat dann auch gehandelt, die Abgrenzung zu Judenhass verläuft weiterhin nach rechts der Union.

    Übrigens ist Clara von Nathusius nicht jüdisch, sie setzt sich nur für Israel ein, was manche Leute offenbar schon verwechseln.



    Wegen ihres BWL-Abschlusses sollte sie ansonsten wenigstens Zahlen können.

  • Desdur Nahe

    Wird es immer wieder und in jeder Partei geben. Entscheidend ist, wie man damit umgeht, und genau so muss es laufen:



    "...dass noch am selben Tag, an dem der Kommentar verfasst wurde, ein Ausschlussverfahren gegen das betreffende Mitglied eingeleitet wurde."



    Vorbildlich.

  • pumble

    Bezeichnend, dass sie eine lange Liste von Maßnahmen gegen eine mögliche Rot-Rot-Grüne Regierung in Berlin fordern, aber nicht gegen die kommende faschistische Regierung in Sachsen-Anhalt.