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Kampagne gegen die Linke Raus aus dem Opfermodus

Tobias Schulze

Kommentar von

Tobias Schulze

Dass ein linkes Regierungsbündnis in Berlin seine Gegner auf den Plan rufen würde, war vorhersehbar. Sich darüber zu beklagen, ist keine Strategie.

E inen halben Abend lang haben Linke in der Linkspartei, Linke in den sozialen Medien und Linke in linken Tageszeitungen den Wahlsieg der Linken in Berlin gefeiert. Dann schalteten große Teile von ihnen auch schon um in den Opfermodus: Eine miese Kampagne mache alles kaputt, eine Querfront von ganz rechts bis Mitte-links diffamiere eine ganze Partei. Unfair!

Ja, guten Morgen auch. Womit haben sie denn gerechnet? Dass progressive Kräfte, die Erfolg zu haben drohen, mächtigen Gegenwind bekommen, ist nicht neu. Dass interessierte Kreise berechtigte Kritikpunkte instrumentalisieren und unberechtigte herbeifantasieren, darf niemanden überraschen. Die Linke hat das schon erlebt, als sie in Berlin als Juniorpartner mitregierte und in Thüringen den ersten linken Ministerpräsidenten stellte. Bei den Grünen konnte sie es beobachten, als diese im Bund auf dem Weg zur stärksten Kraft schienen. Es gibt Erfahrungen zum Umgang mit solchen Situationen. Die wichtigste: Miese Kampagnen wird man nicht dadurch los, dass man sich möglichst bitterlich über sie beklagt.

Hilfreicher ist es, unnötige Angriffsfläche von vornherein zu vermeiden. Der Aufstieg der Grünen geriet schon lange vor der berüchtigten Heizhammerkampagne ins Stocken, und zwar im Bundestagswahlkampf 2021 wegen Plagiaten in einem Buch von Annalena Baerbock. Die Kritik an ihr war in Teilen maßlos, aber maßlose Kritik kann es auch nur da geben, wo es einen Anlass für maßvolle Kritik gibt. Wer keine Kapazitäten hat, um ein ordentliches Buch zu schreiben, sollte es lassen. Die Grünen lernten daraus und professionalisierten sich. Auch im nächsten Wahlkampf haben sie beileibe nicht alles richtig gemacht, aber so einen Fehler leisteten sie sich nicht noch mal.

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Dabei sind geklaute Sätze in einem mittelmäßigen Sachbuch nichts gegen den Angriffspunkt, den die Linke aktuell liefert. Es war naheliegend, dass Kri­ti­ke­r*in­nen am Wahlabend einen Bezirksverband in den Blick nehmen, der für die Verharmlosung antiisraelischen Terrors und organisierter Kriminalität bekannt ist. Es ist übrigens auch nicht verwerflich. Eine Parteiführung darf so einen Verband nicht einfach machen lassen. Zumindest dürfte sie Maßnahmen verlangen, die das Risiko eines Eklats an einem der wichtigsten Abende der Parteigeschichte minimieren – angefangen bei einer harten Türpolitik für die Wahlparty.

In einer Partei, in der Disziplin keine übergeordnete Rolle spielt, kostet das Kraft. Aber noch mehr Kraft kostet es, den jetzt angerichteten Schaden irgendwie zusammenzukehren. Und wer wirklich regieren will, muss mit seinen Kräften haushalten. Es gibt schließlich nicht nur die unnötige Angriffsfläche, sondern auch die nötige. Wer in Politikfeldern wie der Mietenpolitik einen radikalen Wandel will, wird auch dafür mächtigen Gegenwind von denen bekommen, die ihn nicht wollen. Auch dagegen hilft kein Selbstmitleid. Dagegen muss man dann wirklich stehen.

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Tobias Schulze

Tobias Schulze Parlamentskorrespondent

Geboren 1988, arbeitet seit 2013 für die taz. Schreibt als Parlamentskorrespondent unter anderem über die Grünen sowie Sozial- und Arbeitspolitik. Leitete zuvor das Inlandsressort.
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10 Kommentare

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  • Ernst Lusti

    Danke für diesen Artikel!

    natürlich wurde hier falsch gehandelt,



    Ich versuche Politik mittlerweile mehr vom "rechten Blickwinkel" zu sehen und habe sofort gedacht, dass Siegmund und Konsorten die Situation Koçaks so easy weggelächelt hätten... klar ist das nicht linke Weg, aber nicht jeder Moralpranger ist so hoch wie die Siegessäule.

  • Janix

    Da ja nur kapitalistische und rechte Parteien regieren dürfen und Berlin sowieso ganz böse ist, einfach wieder Neuwahlen, bis die CDU vorne ist - was leider sehr lange dauern dürfte, so wie die Leistung jetzt war. /s/

    Sonst macht doch bitte zügig eine Fortschrittskoalition. Die Linke dämpft die ohnehin am Ort irrelevanten BDS-Töne vielleicht. Die Grünen gehen konsequent auf Ökologie und gleiche Rechte. Die SPD schafft wieder, Soziales, Aufstieg und Fortschritt zu verkörpern und schafft Sicherheit, ohne Ressentiments dabei. Reicht doch.

  • Sole Mio

    Auf die Zeit der Worte muss nun die Zeit der Taten folgen.

    Zunächst ist es wichtig die Nähe zu den Kriminellen glaubhaft zu widerlegen, ansonsten bekommen grün und rot zurecht kalte Füße.

  • Pergrinus Tyss

    So ist es, die Angriffe waren absehbar und wenn man Vergesellschaftung erreichen will, gilt es keine offenen Flanken anzubieten. Wer seinen Wahlsieg und die damit verbundenen Chancen nicht beschützen kann, wird auch keine Vergesellschaftung umsetzten.

    Und wer ein landespolitisch erreichbares Zeil gefährdet, weil ihm antiisraelische Positionen wichtiger sind, offenbart nicht nur ein verqueres Wertesystem, sondern ist im Kern unpolitisch.

    Die Linke steht auf dem Prüfstand: Ist es ihr wichtiger das Unerreichbare zu fordern, oder geht es ihr darum, das erreichbare umzusetzen. Das paralysierte Schweigen der Partei lässt nichts gutes erwarten.

  • Wunderwelt

    Und ist der Ruf erst ruiniert..regiert sichs völlig ungeniert..







    ..na gut so einfach ist das nicht, aber mit einer guten Portion Humor etwas Selbstironie und einer robusten Abteilung Attacke gegen die Verteidiger des erstarrenden Status Quo sollte sich doch so einiges bewegen lassen.







    Und wenn sich dann mal wirklich ein paar grundlegende Dinge zum Besseren wenden, werden auch die Kampagnen leiser.







    ..zumal die Linke fast die Hälfte der jungen Wähler:innen hinter sich hat, was dann ja auch ein Pfund ist mit dem sich wuchern lässt. Denn wie die Lebenserwartung gebietet, wird dieser Teil der Gesellschaft mit der Zeit immer mehr an Macht und Präsenz gewinnen..

  • vieldenker

    Recht hat er, der Kommentator. Fehlt nur noch der Hinweis, dass auch aus dem linkenTeil der Gesellschaft bei Gelegenheit genau so eine „Kampagne“ losgetreten würde, um einen „konservativen Rollback“ zu verhindern.

  • nutzer

    Die Pfeffersäcke gehen auf die Barrikaden und mit ihnen der größte Teil der Medienlandschaft, man sollte sich aber nicht täuschen lassen, das was madial hyperventiliert wird, dürfte die meisten Wähler nicht interessieren. Wenn jetzt gute Politik folgt, wird der Mediensturm schnell vergessen sein, folgen Streit und eine endlose Koalitionssuche bleiben die Stigmatisierungen dieser Kampagne auf Jahre an den Linken haften.

    • rero

      @nutzer:

      Wo sortieren Sie denn Petra Pau oder den Zentralrat der Juden ein?

      Unter Pfeffersäcke oder unter Medienlandschaft?

      Hier kann keine gute Politik mehr folgen.

      Das Ding hat die Linke vergeigt.

      Wenn Eralp, Koca, Bruns und andere Schaden von der Partei abwenden wollen, müssten sie zurücktreten.

      • Klabauta

        @rero:

        Wieso Eralp?

      • Ernst Lusti

        @rero:

        Warum genau müssten sie zurücktreten?



        Das erscheint mir erstmal übertrieben, aber ich würde ihre harte Position gerne verstehen.



        vg