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„Frühstartrente“ für Kinder Omas Sparschwein 2.0

Barbara Dribbusch

Kommentar von

Barbara Dribbusch

Künftig sollen Sechsjährige vom Staat 10 Euro pro Monat aufs Konto bekommen, um fürs Alter vorzusorgen. Die Argumente dafür sind mehr als schräg.

F rüher lief die Sache mit dem Sparen so: Oma schenkte ein Sparschwein zum Geburtstag und steckte, um die Kleine an das Geld und an die Sparsamkeit heranzuführen, 3 Mark in das Schweinderl. Wenn das Kind jetzt jede Woche vom Taschengeld etwas abknapsen und in das Tierchen stecken würde, dann, so lautete das Versprechen, hätte man irgendwann mal so viel Geld zusammen, um sich die große gelbe Schwimmente zu kaufen. So weit die Erinnerung der Boomerin. Das Sparschwein von heute heißt: „Frühstartrente“. Und die Oma sieht aus, als hätte sie sich als Lars Klingbeil verkleidet.

Der am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf zur „Frühstartrente“ sieht vor, dass der Staat im Monat 10 Euro auf das Konto aller Sechsjährigen in Deutschland ab dem Jahrgang 2020 einzahlt. Jedenfalls dann, wenn die Eltern ein entsprechendes Altersvorsorgedepot bei einer Bank eröffnen.

Tun sie das nicht, können sie die Förderung aber auch irgendwann mal rückwirkend beantragen. Mit der milden Gabe soll die „finanzielle Bildung“ gefördert werden, „indem schon Kinder und Jugendliche sich mit Fragen der Vorsorge beschäftigen“, erklärt Bundesfinanzminister Lars Klingbeil. Bis zum 18. Lebensjahr sollen die monatlichen 10 Euro fließen, was insgesamt ein staatliches Geschenk von 1.440 Euro macht.

Zurück auf Los!

Mit Volljährigkeit könne das Depot dann „bis zum Renteneintritt durch eigene Einzahlungen weiter bespart werden“, heißt es aus dem Finanzministerium. Die Gabe vom Staat soll also vor allem auch eine Art pädagogischer Anreiz sein, sich mit Aktienfonds, Rentenpapieren, Immobilienfonds und Co. zu beschäftigen. Demnächst könnte die Bundesregierung eine Art Monopoly mit dem Thema „Sparen fürs Alter“ herausbringen. Wer nicht geschickt agiert oder wen das Würfelglück beziehungsweise Investitionsglück verlässt, für den heißt es: „Gehen Sie zurück auf Los!“

Ein wenig Geld an die Kleinen zu verteilen, auf dass sie oder ihre Eltern an die Finanzmärkte herangeführt werden, wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Denn die 10 Euro fließen unterschiedslos, also auch an reiche Kinder mit Erbschaftserwartung, deren Eltern sich mit Investments gut auskennen. Und die Armen könnten mit den 10 Euro im Monat nicht die Streichung des Sofortzuschlags von 25 Euro im Monat kompensieren, den ebendiese Bundesregierung aktuell für Hunderttausende Kinder und Jugendliche plant.

Dass man mit sechs Jahren nicht für eine Schwimmente, nicht für eine spätere Ausbildung, nicht für einen Immobilienerwerb bei der Familiengründung, sondern eben schon als Kind fürs Alter sparen soll, zeigt überdies eine bedrückende Wahrheit: Aus dem kollektiven Sicherungssystem ist in Zukunft nicht mehr allzu viel zu erwarten, nach gegenwärtiger Lage.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Dribbusch

Barbara Dribbusch Redakteurin für Soziales

Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, soziale Sicherung, Psychologie, Alter. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch). Kontakt: dribbusch@taz.de
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16 Kommentare

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  • Adan

    Der Vorteil von der Frühstart Rente gegenüber einem Sparschwein ist, dass diese ordentlich Gebühren kostet. So hat dann auch, und vor allem, die Bank was davon.

  • Wirrwicht

    Es ist wie Riester und Rürup nur ein weiteres Geschenk an die Finanzwirtschaft.



    Mehr Spielgeld fürs Kasino.

  • Bvo26

    Warum gilt dieses Modell, wenn es denn so toll ist, nicht für ALLE Kinder, die JETZT in der entsprechenden Altersgruppe sind und nicht nur ab 2020 geborene?

    Und wer kommt für den "Schaden" auf wenn die Eltern das Altersdepot nicht eröffnen? Wo ist die Fürsorgepflicht des Staates für Kinder, deren Eltern das nicht können oder wollen?

    Und noch viele weitere Fragen.....

  • Sybille Bergi

    Die Autorin hat genau richtig erkannt, dass die staatlichen Systeme vor dem Zusammenbruch stehen. Was ist dann falsch daran individuell vorzusorgen? wenn der Staat das bezuschusst umso besser.

  • warum_denkt_keiner_nach?

    Förderung für die Finanzindustrie, Dafür sparen wir doch gerne beim Wohngeld...

  • SGouldo

    Die Idee mag vielleicht nicht ganz perfekt sein, allerdings finde ich die Sensibilisierung außerordentlich wichtig. In Deutschland geht so unfassbar viel Vermögen verloren, weil das Geld auf Girokonten und Sparbüchern herumliegt und stetig an Wert verliert.



    Die Mär vom Glücksspiel und Casino muss ebenso enden, wie der Glaube, es sei spezielles Wissen nötig oder man müsse sich viel damit beschäftigen. Hilfreich ist einzig das Verständnis über die Effekte des Zinseszins und der Zeit. Mitzuspielen war noch nie einfacher: Depot eröffnen, Sparplan mit ein bis zwei ETF auswählen, die ganze Sache einfach laufen lassen und fertig. Das schlägt jede andere Form der privaten Altervorsorge.

  • Mack

    schwacher Kommentar, was spricht denn dagegen, wenn in Deutschland auch Personen, die bislang nicht vom Aktienboom profitieren konnten, dies in Zukunft mehr tun können.

  • Aurego

    Mein Plan wäre noch effektiver:



    Für jedes Kind sollte von den Eltern ein Depot angelegt und 10% des Kindergeldes (das wären z. Zt. 25,90€ pro Monat) ab Geburt bis zum 25. Lebensjahr in zwei bis drei gut performende ETFs investiert werden. Bei der Rendite einiger S&P 500- und Nasdaq 100-ETFs in den letzten 15 Jahren käme jedes Kind damit bis zum Renteneintritt mit 67 Jahren auf ein Vermögen von über 1 Million Euro! Setzt man "nur" die Wertsteigerung des Dow Jones 30 seit 1946 an (ca. 7,15%), kommt man immerhin auf ein Vermögen bei Renteneintritt von 343.000 €.

    Jeder, der mit einer Tabellenkalkulation umgehen kann, kann das gerne nachrechnen.

  • Janix

    Dann müssen Aktien gekauft werden - und wem gehören die gerade vor allem, wem treibt man den Wert also gerade hoch?

    Blackrockisierung der Politik, auch hier. Merz sollte rasch weg. Die CDU hatte doch mal einen sozialen Flügel?

  • Il_Leopardo

    Ich wette um mein Sparschwein, dass gerade die wohlhabenden Eltern diese Förderung beantragen werden.

  • AllesWirdGuter

    Vielleicht ist es auch einfach ein Symbol für kümmere dich um sich selbst, wie es auch sein sollte

  • Wonko the Sane

    Diese Erziehungsmaßnahme vermittelt vor allem die makroökonomisch schlichtweg falsche, aber leider enorm wirkmächtige These, eine Wirtschaft könne/solle/müsse kollektiv für ihre Rente sparen (Google-Empfehlung dazu: Mackenroth-Theorem). Damit geht auch eine Vernachlässigung der Nachfrageseite einher, was auf die verteilungspolitische Schlagseite der ganzen Veranstaltung hinweist.

    Wohlwollend betrachtet heißt das: Hier betreiben ökonomisch verbildete Technokraten ihre verfehlte Vorstellung von Aufklärung. Weniger wohlwollend könnte man das auch als Teil des rechten Kulturkampfes deuten.

  • Sabine Hofmann-Stadtländer

    Und wenn dann der Aktienfonds bzw. die Geldanlage bei der nächsten Finanzkrise crasht oder an Wert verliert, ist das Geld perdu! Denken wir doch nur an die Versorgungswerke in den USA 2008 oder an die verspekulierten Gelder hiesiger Krankenkassen aktuell.

  • Bolzkopf

    "Altersvorsorgedepot bei einer Bank" Nachtigall Nachtigall...



    Daher weht der Wind !

    "Riestern" - mit dem sich die Banken ja richtig fett vollsaugen konnen - ist gefloppt und jetzt muss was Neues her.

    Aber wo wie gerade von "Banken" und "vollsaugen" reden:

    Was ist eigentlich mit den Milliarden "Restgeld" auf den Geld-Aufladekarten (die es ja im Grunde nicht mehr gibt) ??

  • hedele

    Es wirkt auf mich ein wenig wie die Ermahnungen der katholische Kirche, wenn sie den Kindern Comics und den Erwachsenen die Pille verbietet - extrem übergriffig. Warum vertraut der Staat nicht den Eltern, sondern kommt mit einer vorgeschriebenen staubgrauen Sparstrumpfidee um die Ecke, die am Ende garantiert nicht dem Kind, sondern nur der Finanzwirtschaft dient? Einerseits Palantir und allmächtige Geheimdienste, andererseits Bundessparschwein, fehlt nur noch Mutterkreuz. Man möchte einfach nur noch auswandern.

  • Axel Schäfer

    Wie hoch sind denn die Bürokratiekosten dafür? Das kostet bestimmt nochmal genau so viel. Vielleicht mal was nachhaltiges für Steuer- und Rentengerechtigkeit tun, damit man von einem "kollektiven Sicherungssystem" sprechen kann. Jetzt haben wir ja eher ein selektives System, Unten unter den gesetzlich Versicherten wird mit Tamtam etwas umverteilt, damit die über Steuern Alimentierten dafür sorgen, dass die ganz oben weiter fröhlich abgreifen können.