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Die WahrheitMarktteilnehmer im Miniformat

Von Kindesbeinen an sollen künftige Rentner im Kapitalmarkt investieren, wünscht sich der Kanzler und besucht den ersten Kundenberater.

Alexander rückt den Knoten seiner Krawatte mit den bunten Pinguinen zurecht. In seinem Büro herrschen klimaanlagentemperierte 21 Grad, das akkurat gescheitelte blonde Haar glänzt. Die neue Armbanduhr – eine Rolex-Junior mit Winnie-Puuh-Motiv – zeigt exakt fünf Minuten nach acht. Alexander fährt seinen Wilkhahn-Chefsessel („Ein Meisterwerk des Bewegungssitzens“) auf die niedrigste Stufe und baumelt mit den Beinen. Sein erster Kunde des Tages fixiert die Schale mit Fruchtgummis, die auf dem gläsernen Schreibtisch steht. „Aber bitte“, sagt Alexander. Der Kunde steckt sich eine ganze Handvoll in den Mund.

Alexander ignoriert das Kaugeräusch und dreht den Bildschirm so, dass beide gute Sicht auf die Tabelle haben. Mit einem Montblanc-Füllfederhalter deutet er auf die oberste Zeile. „Ich würde dir den ‚Peppa Wutz Future Growth Fund‘ empfehlen. Hier liegt der Fokus auf Unternehmensanleihen technologieorientierter Emittenten mit starker Fundamentaldatenbasis und hoher Bonität.“

Der Kunde schmatzt. Alexander seufzt in sich hinein. „Durch gezielte Begrenzung von Überschneidungen mit den Top-Aktienpositionen wird das Klumpenrisiko minimiert.“ Der Kunde schluckt hörbar. „Oder den ‚Biene Maja Guaranteed Income Fund‘. Damit reagieren wir auf die wachsende Nachfrage nach einer Investmentlösung, die Wachstumschancen des Technologiesektors in einem breit diversifizierten, risikooptimierten Multi-Asset-Portfolio erschließt.“

Der Kunde schaut Alexander ausdruckslos an: „Weiß nicht.“ Alexander lächelt eisig. „Ich gebe dir einen Folder mit. Denk darüber nach. Aber nicht zu lange. Das Angebot gilt ab dem sechsten Lebensjahr.“ – „Ich bin bald acht“, erwidert der Kunde stolz. „Eben, eben.“ Alexander macht ein düsteres Gesicht. „Zwei Jahre vergeudete Investmentzeit.“

Gestreichelt vom Bankchef

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing streicht Alexander gleich nach dessen morgendlichen Kundentalk zufrieden über die gegelte Frisur. „Mit der Next-Gen Client Base geht unser Haus neue Wege. Sub-Adults bieten enormes Potenzial im operativen Geschäft. Wir bilden sie zu hochperformativen Relationship Managern mit enger Kundenbindung aus.“ Sewing schmunzelt. „Man könnte auch sagen: Kinder beraten Kinder, aber das würde an der Sache vorbeiführen. Wer heute Kind ist, ist mehr als das: Er ist aktiver Marktteilnehmer im Pre-Liquidity Segment. Genau da setzen wir an – mit Fondskonzepten, die auch den Jüngsten das Onboarding erleichtern.“

Bundeskanzler Friedrich Merz hebt den Daumen. Er ist gerade zu Besuch bei der Deutschen Bank, um einen Vortrag über die Bedeutung der sogenannten Frühstart-Rente für die Wirtschaft zu halten: Dabei plant der deutsche Staat, jedem Bürger von dessen sechstem bis 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro zu zahlen. Dieses Geld soll dann in ein „kapitalgedecktes Depot“ fließen, das bei Renteneintritt auf rund 75.000 Euro anwachsen könne.

„Wenn man von einer ganz okayen Rendite ausgeht“, scherzt der CDU-Chef. „Aber selbst wenn nicht: So werden junge Menschen an den Kapitalmarkt herangeführt und für Themen wie die private Altersvorsorge sensibilisiert.“ Merz hebt einen Zeigefinger. „‚Peppa Wutz Fund‘, das hab ich erfunden.“ Sewing lächelt milde. Das Publikum – überwiegend Relationship Manager im Grundschulalter – klatscht verhalten. Dann erhebt sich der siebenjährige Wotan: „Um im englischen Sprachbild zu bleiben, hätte ich ja das Original ‚Peppa Pig‘ bevorzugt. Anyway. Entsteht durch bedingungslose Zahlungen nicht der fatale Eindruck, private Vorsorge bedeute lediglich, vom Staat alimentiert zu werden, anstatt Konsumverzicht zu erlernen?“

Merz wendet sich hilfesuchend an Bank-Chef Sewing. Der schüttelt den Kopf. Er selbst habe einmal aus Gründen, die ihm entfallen seien, auf 75.000 Euro seiner variablen Jahresvergütung verzichtet, „das hat aber auch niemandem genutzt“. Der Kanzler hebt zum Zeichen der Verständigung beide Hände. Dann kommt das Highlight seines Vortrags: die Präsentation einer neuen Very-Young-Adult-Buchreihe, die er selbst konzipiert habe („Was Robert Habeck kann, kann ich schon lange“). Sie solle künftig in sämtlichen Bankfilialen ausliegen und „niedrigschwellig auch die schwer Erzieh-, äh, Erreichbaren, äh, erreichen.“

Merz hält drei Cover in die Höhe, die ein blondes Mädchen im roten Ringelpullover zeigen. „Conni geht an die Börse. Conni geht in Rente und …“, der Kanzler macht eine Kunstpause, „Teil drei: Conni geht pleite.“

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