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Reaktionen auf den CSD-Anschlag Hauptsache, die anderen sind schuld

Kommentar von

Raoul Spada

CDU und Linkspartei zeigen mit dem Finger aufeinander und versuchen, aus dem Terror Kapital zu schlagen. Dem Schutz queeren Lebens ist damit nicht gedient.

R ealitätsverweigerung“ nennt es Stefan Evers, Spitzenkandidat der Berliner CDU. Man bringe bei der Linken nicht den Mut auf, Islamismus klar als Problem zu benennen. „Und wenn wir das schon nicht beim Namen nennen, dann werden wir es ja auch nicht lösen können, das Problem.“

Nicht wir als Gesellschaft haben die tödliche Gewalt auf dem Christopher Street Day in Berlin am vergangenen Samstag also nicht verhindern können, nicht die Sicherheitsbehörden, die den Täter bis kurz vor dem Anschlag beobachtet hatten, nicht die Regierungen in Bund und Land. Angesichts des Leids weckt dieser Reflex fast Verständnis: Hauptsache, jemand anderes ist schuld. Wenn jemand „das Problem“ nur klar benennen würde!

Wie immer grenzt der Ruf nach „Klartext“ natürlich an magisches Denken. Kein einziges Problem wird durch dieses Mantra gelöst. Zudem muss man auch gar nicht lange suchen, um in Parteiprogrammen und Beschlüssen der Parteien links von der CDU den Gegenbeweis zu finden: Evers’ Vorwurf wird durch zahlreiche Forderungen nach dem Schutz vor der realen Bedrohung des Islamismus, die Ablehnung islamistischer Ideologien und Strukturen, durchweg vernünftige Maßnahmenvorschläge gegen Radikalisierung und den politisch-religiösen Terror klar widerlegt.

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Ein paar wenige der in Salven abgefeuerten Forderungen aus Reihen der Union würden dazwischen gar nicht weiter auffallen. Wären hier nicht sogar Kompromisse möglich? Bestimmt.

Aber auch die Linke in Berlin-Neukölln steigt stattdessen lieber in das Fingerzeigen ein: kein Wort zu Islamismus in ihrem Statement zu dem Anschlag, dafür ein grober Schlag gegen rechts. Auch wenn die Kritik an Kürzungen etwa bei Bildungs- und Präventionsprogrammen durch die CDU-geführten Bundes- und Landesregierungen richtig ist.

Selbst wenn das Erstarken von rechtsextremen Kräften und wachsende rassistische Diskriminierung dem Islamismus wirklich den Boden bereiten: Mit der Verbindung von konservativen, rechten, antifeministischen und islamistisch-fundamentalistischen Gruppen versucht sie, aus dem Anschlag politisches Kapital zu schlagen – genau wie die CDU.

Gewalt gegen queere Menschen beginne bei „dummen Witzen“ hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Trauerrede am Sonntag erklärt. Damit hat er recht. Der Schutz queeren Lebens fängt eben klein an. Nicht erst bei unsensiblen Äußerungen oder beim Streichen von Förderprogrammen wie dem Aktionsplan „Queer leben“. Er fängt an, wenn wir selbst nach diesem Tag nicht mehr bereit sind, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und zusammenzustehen gegen den Hass.

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Raoul Spada

Jahrgang 1992, ist Co-Ressortleiter und Themenchef im Online-Ressort der taz.
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10 Kommentare

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  • In Berlin herrscht Wahlkampf.



    Der Anschlag auf den CSD wird das bestimmende Thema der finalen Phase sein.



    Das wissen alle Parteien - dementsprechend versuchen alle jetzt die Deutungshoheit zu erringen, denn allen ist klar: ist der Grundton erst einmal gesetzt, wird die Debatte um diesen herum geführt.



    Für Die Linke und die Grünen in Berlin ist das natürlich ein ganz heißes Eisen, weil sie sich sehr schwer tun, die Tat verurteilen zu können ohne zu islsmkritisch zu sein.



    Das war ja schon sehr gut beim Posting der Neuköllner Linken zu sehen.



    Es wird spannend ob es Linken und Grünen gelingt sich aus der Schlinge zu befreien, oder ob sie vom Thema vor sich hergetrieben werden.

  • Das eigentliche Problem ist nicht die Kritik an der Neuköllner Linken – das eigentliche Problem war ihre ursprüngliche Stellungnahme. Genau die konnte und durfte man nach einem islamistischen Terroranschlag nicht unwidersprochen stehen lassen.

    Wenn selbst SPD-Politiker öffentlich auf Distanz gehen und nicht nur die CDU Kritik übt, sollte vielleicht die Erkenntnis reifen, dass das Problem ausnahmsweise nicht bei den Kritikern liegt. Die Empörung entstand nicht, weil Rechte den Vorgang "instrumentalisiert" hätten, sondern weil die Stellungnahme der Neuköllner Linken vielen als Realitätsverweigerung erschien.

    Nach einem Anschlag auf einen CSD erwarten die meisten Menschen eine eindeutige Verurteilung des islamistischen Motivs und Solidarität mit den Betroffenen – keine Belehrungen darüber, welche politischen Schlussfolgerungen angeblich unzulässig seien.

    Die anschließenden Reaktionen waren daher keine Kampagne, sondern die zwangsläufige Folge einer Stellungnahme, die den Fokus vom Täter und seiner Ideologie auf die Kritiker verschob. Wer einen solchen Text veröffentlicht, muss mit massivem Widerspruch rechnen.

  • "In 2023, ILGA-Europe ranked Denmark as the third most LGBTQ-supportive country in Europe."

    Werden nun viele aus Deutschland zum Pride in Kopenhagen fahren, weil sie sich da sicher fühlen?

  • Im direkten statistischen Vergleich mit anderen Bevölkerungsgruppen in Deutschland ist Queerfeindlichkeit unter Muslimen messbar stärker ausgeprägt. Während die pauschale Aussage „Alle Muslime sind homophob“ falsch ist, zeigen sozialwissenschaftliche Erhebungen im direkten Gruppenvergleich ein deutliches Gefälle. Umfragen und Studien (wie Analysen der Friedrich-Ebert-Stiftung oder spezialisierte soziologische Erhebungen) zeigen bei der expliziten Ablehnung von Homosexualität folgende Tendenzen in Deutschland:



    Muslime: ca. 25 % äußern eine explizite Ablehnung.



    Orthodoxe Christen: ca. 23 % zeigen eine ähnlich hohe Ablehnungsrate.



    Katholiken & Protestanten: ca. 11 % lehnen Homosexuelle ab. Konfessionslose: Haben mit Abstand die höchste Akzeptanzrate.



    Greifen die Muster von rechts und links? Religion ist Opium fürs Volk und schadet der Gesundheit und der Queercommunity? Und wie ist das dann mit den religiösen Queers und der Intersektionalität und unten bei Leningrad sogar mit dem historischen Materialismus?

  • Homophobie fängt auch nicht erst an sondern ist bereits weit fortgeschritten, wenn man an die Aussage, man habe nichts gegen Schwule, den Halbsatz glaubt anhängen zu müssen, dass dies nur solange gelte, wie keine Kinder betroffen seien.

    • @Henne Solo:

      Auch der initialen Satz, man habe nichts gegen Schwule ohne weiteren Zusatz finde ich schon fragwürdig. Man kann ihn durchaus so interpretieren, dass er sie zwar duldet, aber auch nichts für den Schutz zu tun bereit ist. Das zeigt sich auch an der bisherigen Haltung zur Aufnahme des Schutzes der sexuellen Identität ins Grundgesetz. Das heteronormative Weltbild eines provinziellen Sauerländers kommt halt immer wieder zum Vorschein.

  • Das Problem ist der vollkommen entgleiste Kommentar der Neuköllner Linken. Diesen hätte unkommentiert stehen lassen können (so auch vollkommen zu Recht der Bürgermeister von Neukölln (SPD)).

    Und das Problem beim geforderten Zusammenstehen ist halt, dass die sogenannte Gesellschaft als Einheit überhaupt nicht mehr existiert, sondern sich in viele kleine Parallelgesellschaften aufgelöst hat. "Zusammenstehen" hat sich in den letzten 15 Jahren erledigt.

  • Gerade Merz täte gut daran, einfach mal nichts zu sagen, denn glaubwürdig ist es in keinem Fall. Erinnern wir uns an seinem Kommentar zu Wowereits Coming-Out: „Solange der Wowereit sich mir nicht nähert, ist mir das egal.“ An seine Zirkuszelt-Aussage zur Regenbogenfahne am Reichstag, seine mehr oder minder Gleichsetzung von Homosexualität und Pädophilie auf die Frage nach einem schwulen Kanzler.



    Ich möchte gar nicht wissen, was Merz nichtöffentlich zu LGBTQ+ so von sich gibt.

  • Danke für den Kommentar!

  • Widerlich, wie Linke und CDU diesen Vorfall für sich instrumentalisieren, um sich zu profilieren. Schämt euch was. Arbeitet endlich zusammen, sonst gewinnt die Katastrophen-AfD noch mehr Wähler.