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Lehrer muss sein T-Shirt zu Hause lassenSchulen sind keine neutralen Orte

Kommentar von

Lotta Drügemöller

Ein Rektor verbietet einem Lehrer, ein „Antifaschistische Seenotrettung“-Shirt zu tragen und erteilt dem Kollegium einen Maulkorb. So geht es nicht.

J emand hatte das T-Shirt des Lehrers gesehen und Anstoß daran genommen: ein stilisiertes Schiff, in Schwarz und Rot auf weißem Grund – „Antifaschistische Seenotrettung“ stand drauf. Laut der Leh­re­r*in­nen­ge­werk­schaft GEW war „eine schulfremde Person“ zum Rektor der Bremer Förderschule Paul Goldschmidt gegangen und hatte sich beschwert. Der Rektor verbot dem Lehrer, sein T-Shirt weiter in der Schule zu tragen.

Rückenwind bekam er von der Bremer Schulaufsichtsbehörde. Die verfasste ein Schreiben zu dem Fall: Das Personal solle während der Dienstzeit überhaupt „keine Kleidungsstücke mit politischen Botschaften oder Slogans“ tragen, zumindest keine, die „geeignet sind, im schulischen Umfeld Kontroversen auszulösen oder den Schulfrieden zu beeinträchtigen“. Schließlich gebe es ein Neutralitätsgebot an Schulen.

Der Rektor zitierte das Schreiben der Schulaufsicht auf einer Gesamtkonferenz und untersagte dem Kollegium danach die weitere Diskussion über das Thema, wie die GEW schreibt. Nicht, dass da noch jemand im schulischen Umfeld Kontroversen auslöst.

Tatsächlich heißt es in Paragraf 59 des Bremischen Schulgesetzes: „Die öffentlichen Schulen haben religiöse und weltanschauliche Neutralität zu wahren.“ Und: Auch das äußere Erscheinungsbild der Lehrkräfte dürfe nicht geeignet sein, die religiösen und weltanschaulichen Empfindungen der Schü­le­r*in­nen oder Erziehungsberechtigten zu stören. In Wirklichkeit ist alles, wie immer, komplizierter.

GEW fordert, Diskussionsverbot aufzuheben

„Äußerst irritierend“ findet die GEW den Vorfall; schließlich solle Schule doch nach Landesverfassung und Bremer Schulgesetz dazu erziehen, „politische und soziale Verantwortung zu übernehmen sowie kritische Solidarität zu üben“, schreibt die Lehrer*innengewerkschaft. Sie fordert die Schulleitung auf, das Diskussionsverbot für das Kollegium zurückzunehmen – sowie die Sache mit dem Neutralitätsgebot noch mal klarzustellen.

Als Bildungssenator Mark Rackles (SPD) um ein Statement dazu gebeten wird, erwähnt er das Neutralitätsgebot nicht, die Entscheidung des Schulleiters und seiner Schulaufsicht verteidigt er inhaltlich trotzdem. „Die Tatsache, dass Lehrkräfte nicht neutral sein sollen, bedeutet keinesfalls, dass sie einen Freibrief für jede Form der politischen Manifestation im Schulbereich haben“, schreibt der Senator.

Schließlich sei ein Slogan auf einem Shirt nicht mit einer Debatte im Unterricht gleichzusetzen. Der Senator bezieht sich auf den Beutelsbacher Konsens: Der kennt nämlich auch noch das „Überwältigungsverbot“: Schü­le­r*in­nen dürfen von Leh­re­r*in­nen nicht politisch überrumpelt werden.

Eine demonstrative politische Botschaft auf einem T-Shirt biete nicht den geforderten Raum für Diskurs, sondern sei eher eine Form der Indoktrination durch den Lehrer, findet Rackles. In dem Spruch auf dem beanstandeten Shirt schwinge die Aussage mit, dass die EU-Politik faschistisch sei, „was in der Einordnung mehr als zweifelhaft ist“, wird der Senator im Weser-Kurier zitiert.

Die Assoziation einer faschistischen EU entsteht in Rackles’ Kopf, und das natürlich nicht ganz ohne Kontext und Grund.

Auf dem T-Shirt steht aber bloß „Antifaschistische Seenotrettung“, sonst nix. Allenfalls kann man aus den zwei Wörtern schließen, dass es wohl mehrere Seenotrettungen gibt, und dass mindestens eine davon antifaschistisch ist. Vielleicht kann man im Kontext des T-Shirts noch den heuristischen Schluss ziehen, dass der Träger die „antifaschistische Seenotrettung“ nun irgendwie gut findet. Aber: Das war’s dann auch.

Die Assoziation einer faschistischen EU entsteht in Rackles’ Kopf, und das natürlich nicht ganz ohne Kontext und Grund. Dem hübschen Shirt kann man die traurige Weltlage aber nicht anlasten.

„Die Debatte wäre vermutlich im Kollegium eine andere, wenn rechtspopulistische oder rechtsextremistische Sprüche zur Schau getragen würden“, sagte Rackles noch zum Weser-Kurier. Und zwar aus ziemlich guten Gründen, so könnte man ergänzen. Wir können das ja mal auf dem Schulhof ausdiskutieren – wenn es der Schulfrieden denn erlaubt.

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12 Kommentare

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  • Dieses Thema sollte kontrovers im Unterricht diskutiert werden, aber nicht unkommentiert auf dem wahlplakat Lehrer stehen.

  • "Die Assoziation einer faschistischen EU entsteht in Rackles’ Kopf", und in des Autors Kopf entsteht die Assoziation "dass es wohl mehrere Seenotrettungen gibt" und "dass der Träger die „antifaschistische Seenotrettung“ nun irgendwie gut findet."



    So ist das eben: Es können mehrere, sich widersprechende Assoziationen entstehen. Welche ist "richtig"?



    Man kann das natürlich ausdiskutieren. Dann fällt eben wieder mal eine Mathestunde flach.

  • Was der Lehrer wohl machte, ist, sein eigenes Bedürfnis nach Meinungsäußerung per T-Shirt auf 24/7 zu stellen. LehrerIn-SchülerIn ist dabei faktisch kein herrschaftsfreier Diskurs.

    Dürfen die SchülerInnen das auch? Dürfte es auch die Kollegin, die, sagen wir, ein "Christen schützen auch Ungeborenes Leben"-Shirt tragen will? Die Diskussion ist schon erlaubt.

    PS: Muss eine Lehrperson die eigene Meinung dabei komplett unterdrücken? Natürlich nicht. Stichwort Beutelsbacher Konsens.

  • Da sind die Gründe für ein Verbot an den Haaren herbei gezogen wurden .



    Völlig absurd .



    Es geht doch darum, kritisches Denken in der



    Schule zu vermeiden .



    Die Kinder sollen bloß nicht die bestehende



    Gesellschaft hinterfragen .



    Ein Beispiel :



    Eine Abiturientin , die ich kennenlernte ,



    Kannte Tucholsky und Brecht nicht .



    Sie hatte noch nie von beiden gehört,



    aber eine 2 im Deutschabi .



    Hätte sie beide gelesen , wäre ihr vielleicht



    aufgefallen , dass sich in den letzten 100 Jahren nichts geändert hat .



    Kein Wunder dass viele Jugendliche auf die AFD herein fallen.



    Darum sollte sich die Politik einmal kümmern und was macht sie, sie schafft den Geschichtsunterricht ab.



    Da fällt mir nichts mehr zu ein .

    • @Worgt Michael:

      Sie wollen uns jetzt aber nicht erzählen, die AfD hat gerade unter Jugendliche soviel Zulauf, weil der Gerischichtsunterricht so schlecht ist und Brecht oder Tucholsky nicht gelesen haben.

      Da fällt mir dann wiederum nichts mehr ein.

  • „geeignet sind, im schulischen Umfeld Kontroversen auszulösen oder den Schulfrieden zu beeinträchtigen“



    Ja wo denn sonst können Kontroversen mit Schülern besser ausgetragen als in der Schule selbst? So zu tun, als sei die Schule ein heile Welt ohne Bezug zur Realität ist doch absurd. Wenn ein provokantes T-Shirt dazu beiträgt, eine Diskussion anzustoßen, ist dass völlig in Ordnung.

    Mal davon ab, dass Lehrer:innen auf die Verfassung verpflichtet werden und die darin verankerte Menschenwürde auch bedeutet, Menschen in Seenot nicht jämmerlich Ersaufen zu lassen.

    • @Flix:

      Davon abgesehen dass es auch genügend rechtsextrem provokante T-Shirts gibt: Der Lehrer ist eine Autoritätsperson, vergibt Noten und entscheidet über Dein Fortkommen. Mit dem diskutiert man nur über Themen, von denen man weiß dass er kein Problem mit unterschiedlichen Meinungen hat. Wenn der schon mit einem politischen T-Shirt rumläuft, dann ist Widerspruch nicht ratsam sondern man hält entweder die Klappe oder simuliert Zustimmung.

      • @Descartes:

        Heinrich Manns „Untertan“ lässt grüßen.



        Da ist mein Bild von und meine Erfahrung mit Schule ein gänzlich anderes. Mit Duckmäusertum und dem Lehrer oder der Lehrerin nach dem Mund reden, wäre man bei uns in den allermeisten Fällen nicht weit gekommen. Lehrer per se sind auch keine Respektspersonen qua Amt, sondern müssen sich den Respekt der Schüler:innen erarbeiten.

    • @Flix:

      Das Problem ist sicher, dass Schüler sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Lehrer befinden. Da ist ein Diskurs auf Augenhöhe schwerlich möglich.

      Dazu kommt noch, dass sich der Vorfall an einer Förderschule abgespielt hat. Da ist der Lehrer noch einmal in einer überlegeneren Position gegenüber den Schülerinnen und Schülern.

      Bei einem Antifa Shirt gehe ich noch mit, dass Antifaschismus als unmittelbarer Ausfluss der Verfassung angesehen werden kann.

      Bezüglich der Seenotrettung muss ich Ihnen widersprechen. Art 1 GG verpflichtet den Staat als Adressaten der Verfassung sicher nicht dazu aktiv Seenotrettung im Mittelmeer zu betreiben.

      Zumal wohl niemand etwas gegen die reine Seenotrettung einwenden wird.



      mit "antifaschistischer Seenotrettung" werden wohl die privaten Akteure gemeint sein.



      Wenn diese Menschen einige Seemeilen vor der lybischen Küste kreuzen, Menschen auflesen und sie nach Europa bringen, dann geht es über die bloße Seenotrettung hinaus.

      • @Ralf Inkle:

        Doch, genau das ist Seenotrettung, zu der im Übrigen auch eine Verpflichtung besteht: Menschen aus Seenot retten und in den nächsten sicheren Hafen bringen.

      • @Ralf Inkle:

        Ein Lehrer hat als Pädagoge die Aufgabe, in solchen Diskussionen die Abhängigkeit zu reduzieren, indem er verschiedene Meinungen nicht nur zulässt, sondern aktiv unterstützt.



        Lehrer müssen ihren Schülern beibringen ihre Meinung zu verteidigen. Das kann ich auch als antifaschistischer Lehrer, wenn mir rechts denkende Jugendliche gegenüber stehen.



        Die Qualität eines Argumentes ist von der Übereinstimmung der Meinung zu trennen. Ein guter Lehrer kann das.



        Und mit guten Noten für eine gute Verteidigung rechter Positionen kann man das auch ausdrücken ohne diese Meinung teilen zu müssen. Das T-shirt sagt nichts über die Qualität dieses Lehrers aus.

        • @Herma Huhn:

          Schöne Theorie.

          In der Realität wird so gut wie kein Schüler mit einem Lehrer die Aufschrift seines T-Shirts diskutieren.