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Rekordhitze und MaßnahmenKühler Kopf gesucht

Die Rekordtemperaturen treffen auf eine schlechte Vorbereitung gegen die Hitze. Dabei gibt es Ideen und Vorbilder. Nur halt nicht in Deutschland.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag war die heißeste, die jemals in Deutschland gemessen wurde. Kurz zuvor waren am Samstag im Sachsen-Anhaltinischen Drewitz 41,5 Grad gemessen worden: die höchste Temperatur in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen.

In Nürnberg und Leipzig fuhren am Sonntag keine Straßenbahnen – der Straßenbelag heizt sich zu stark auf. Neun Autobahnen sind laut ADAC streckenweise gar nicht mehr oder nur eingeschränkt befahrbar. Kölner Krankenhäuser berichten, aufgrund der vielen Notfälle Unterstützung vom Roten Kreuz, Arbeiter Samariter-Bund und der Feuerwehr zu benötigen.

Katharina Dröge, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, fordert angesichts der Extremtemperaturen ein „Abkühl-Sofortprogramm, um Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen zu klimatisieren“. Ihre Parteifreundin Julia Schneider fordert, fünf Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz für Klimaanpassung in den Kommunen dafür zu nutzen.

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Fabian Fahl, klimapolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, kritisiert die Klimapolitik der Bundesregierung. Sie „tut weiter so, als ob man der Wirtschaft Priorität gegenüber dem Klimaschutz geben könne. Das ist kurzsichtiger Quatsch.“ Eine Studie des Beratungsinstituts Prognos hatte kürzlich berechnet, dass jeder Hitzetag die deutsche Wirtschaft 431 Millionen Euro kostet.

Experte: Kommunen müssen soziale Hilfe organisieren

Umweltschutzverbände betonen, dass Gewässer, begrünte Fassaden und Bäume in Städten wichtig sind, um Menschen und Tiere gegen die Hitze zu schützen. „Wer Städte klimaresilient machen will, muss Grünflächen schützen, Bäume erhalten und Natur wieder mehr Raum geben“, sagt Jörg-Andreas Krüger vom NABU. Jeder zusätzliche Quadratmeter Grün helfe dabei, die Belastung für alle zu reduzieren.

Max Bürck-Gemassmer, stellvertretender Vorsitzender der Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), hält Entsiegelung und Baumpflanzungen ebenfalls für „extrem wichtig“. Auf die Schnelle helfe das bei einer Hitzewelle aber nicht. Deshalb „müssen die Kommunen eine klare soziale Hilfe-Infrastruktur aufbauen“, sagt er der taz. Gemeint ist eine geregelte Zusammenarbeit von Behörden und Sozialverbänden auf Quartiers- nicht nur auf Stadtteilebene. Dafür brauche es Personal und Geld in den Kommunen sowie verbindliche Regelungen zum Hitzeschutz, wer bei welcher Hitzewarnstufe welche Aufgaben wahrnehmen muss. All das fehle in Deutschland noch.

Fast überall sieht man das gleiche Muster: Wenn es überhaupt Hitzeaktionspläne in den Kommunen gibt, sind sie selten umfassend und werden kaum umgesetzt

Max Bürck-Gemassmer, Arzt

„Fast überall sieht man das gleiche Muster: Wenn es überhaupt Hitzeaktionspläne in den Kommunen gibt, sind sie selten umfassend und werden kaum umgesetzt“, sagt Bürck-Gemassmer. Karten mit kühlen Orten, wie sie viele Städte haben, seien allein zum Beispiel unzureichend. Viele der aufgelisteten Orte heizten sich bei längeren Hitzewellen auf, ohnehin gebe es viel zu wenige. „Wir bräuchten eine verpflichtende strukturierte, sozial gerechte Verteilung von Schutzräumen und ein Netzwerk, um Leute da hinzubekommen“, fordert er. Wenn die Temperaturen auf 42 bis 45 Grad steigen, „überlastet das den Transport“, warnt der Arzt.

Überhaupt sei die derzeitige Hitzewelle glimpflich im Vergleich mit dem, was aufgrund der Erderhitzung immer wahrscheinlicher wird: „Wenn solche Temperaturen eine Woche oder zehn Tage andauern würden, wird die medizinische Versorgung überlastet sein.“

Frankreich macht es besser

Grundvoraussetzung für Hitzeschutz sind laut dem Hitzeexperten finanziell gut aufgestellte Kommunen. Viele Städte und Gemeinden befinden sich stattdessen in Finanznot. Greenpeace fordert deshalb eine Vermögenssteuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro, die laut der NGO 25 Milliarden Euro jährlich in die Kassen der Länder spülen könnte, mit denen die Kommunen unterstützt werden können. Laut Greenpeace bräuchten sie acht bis zehn Milliarden Euro für die Klimaanpassung.

„Solang die Politik keine Verantwortung übernimmt, wird das nichts“, sagt Bürck-Gemassmer. In Frankreich habe die Politik die verheerende Hitzewelle 2003 als „politisches Versagen“ erkannt und klare Standards etabliert. „Schon im Vorfeld einer Hitzewelle proben in Paris Polizei, Feuerwehr, Kitas, Schulen und soziale Einrichtungen“, berichtet er. „Die Leute vor Ort wissen, wen sie einbinden und welche gefährdeten Nachbarn und Angehörigen sie kontaktieren müssen.“ Man könne an den Daten sehen, dass es in Frankreich gelingt, die besonders gefährdeten Menschen immer besser zu schützen.

Auch dort allerdings melden die Behörden etwa 1.000 zusätzliche Todesfälle im Zusammenhang mit der Hitzewelle, die im Nachbarland schon seit einer Woche wütet. Zahlen des Robert-Koch-Instituts für Deutschland sollen am Donnerstag vorliegen.

Aus der Bundesregierung ist es derweil weitgehend still: Nur das Bundesumweltministerium kündigt an, „wir wollen und können mehr tun, um die Bevölkerung zu schützen“. Am wichtigsten sei „engagierter Klimaschutz, damit die Hitzewellen in Zukunft nicht noch extremer werden“, schreibt das Ministerium, obwohl die Bundesregierung derzeit mit einem neuen Heizungsgesetz und Reformen im Stromsektor den Klimaschutz absehbar schwächen wird.

Zur Anpassung an den Klimawandel prüft das Umweltministerium eigenen Angaben zufolge in einem Forschungsprojekt, wie ein Hitzeaktionsplan für Deutschland aussehen könnte. Außerdem arbeite man an einer Lösung, um Maßnahmen der Kommunen für Klimaanpassung dauerhaft gemeinsam finanzieren zu können. Erst im Frühling war bekannt geworden, dass es keine neuen Gelder für die Klimaanpassung von sozialen Einrichtungen wie Kitas und Pflegeheimen geben würde.

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