+++ Hitzewelle in Deutschland +++: Jetzt gibt’s Blitze statt Hitze
Die Gluthitze weicht, die Abkühlung wird aber von Gewittern begleitet. Welche Regionen besonders betroffen sind und wie sich das Wetter entwickelt.
Deutschland kühlt sich runter
Nach einem glühend heißen Wochenende und einem vorläufigen Temperaturrekord in Deutschland von 41,7 Grad im Osten Brandenburgs ist Abkühlung in Sicht – allerdings begleitet von teils schweren Gewittern mit Starkregen und Sturmböen. In der Nacht drohten laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) vor allem im Süden und Osten Deutschlands örtlich Gewitter mit Unwetterpotenzial, inklusive Hagel und heftigen Starkregens mit bis zu 40 Litern pro Quadratmeter. In der zweiten Nachthälfte sollte auch der Westen und Südwesten teils schwere Gewitter abbekommen, ebenfalls mit teils viel Regen und Sturmböen.
Für heute sind dann niedrigere Temperaturen angesagt, bei Höchstwerten zwischen 25 und 29 Grad, lokal im Osten und Südosten bis 32 Grad. Dazu werden weiterhin im Westen, Süden und Osten Schauer und teils Gewitter mit erhöhter Unwettergefahr erwartet. Vom Niederrhein bis nach Schleswig-Holstein soll es bewölkt bleiben, vereinzelt sind auch dort Schauer möglich.
Der vorläufige Temperaturrekord von 41,7 Grad wurde am Sonntagnachmittag in Neißemünde im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree direkt an der Grenze zu Polen gemessen – es war die dritte Bestmarke im Bundesgebiet binnen weniger Tage. Erst am Freitag hatte der Wetterdienst in Saarbrücken-Burbach nach vorläufigen Angaben 41,3 Grad gemessen, und am Samstag dann an derselben Station 41,4 Grad. Den nächsten vorläufigen Rekord registrierte der DWD dann ebenfalls am Samstagnachmittag mit 41,5 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt. Die folgende Nacht war dann nach vorläufigen DWD-Angaben die wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Im ostsächsischen Kubschütz sank die Nachttemperatur nicht unter 29,4 Grad: Damit wurde der alte Rekord für die wärmste Nacht – 27,2 Grad am 13. August 2003 am Berg Weinbiet in Rheinland-Pfalz – um mehr als zwei Grad übertroffen. (dpa)
Juni 2026 im Vergleich zu Vorjahren deutlich wärmer
Der vorherige Hitzerekord für Deutschland hatte sieben Jahre gehalten und bei 41,2 Grad Celsius gelegen, gemessen am 25. Juli 2019 in Tönisvorst und Duisburg-Baerl in Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben des DWD ist der Juni 2026 deutlich wärmer gewesen als andere Juni-Monate. Er dürfte „bei der Monatsmitteltemperatur unter den Top 3 der wärmsten seit Messbeginn landen“, teilte eine Pressesprecherin mit. Die genaue Auswertung will der DWD am Montagmittag veröffentlichen. Der Juni sei zudem vergleichsweise niederschlagsarm gewesen, hieß es. Außerdem habe es vergleichsweise viele Sonnenstunden gegeben.
Die aktuelle Hitzewelle wäre in diesem Ausmaß ohne den Effekt des Klimawandels nahezu ausgeschlossen. Die Tagestemperaturen und auch die in der Nacht wären zu dieser Jahreszeit vor 50 Jahren in West- und Mitteleuropa „praktisch unmöglich“ gewesen, betonen die Wissenschaftler der Organisation World Weather Attribution. (dpa)
WHO-Chef bezeichnet Hitzestress als „stillen Killer“
Nach Einschätzung des Chefs der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die beispiellose Hitzewelle mit Rekordtemperaturen in Europa mitverantwortlich für Hunderte zusätzliche Todesfälle. „Seit dem 21. Juni wurden in Europa mehr als 1.300 zusätzliche Todesfälle verzeichnet, die im Zusammenhang mit den hohen Temperaturen stehen“, schrieb Tedros Adhanom Ghebreyesus auf der Plattform X. „Europa ist der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde – die Erwärmung verläuft doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt.“
Laut Tedros leiden derzeit 150 Millionen Menschen unter extremer Hitze, Schulen seien geschlossen, die Stromnetze würden zusammenbrechen. Hitzestress werde oft als „stiller Killer“ bezeichnet – und europäische Wohnungen, Arbeitsplätze und Schulen seien für solche Temperaturen nicht ausgelegt, schrieb Tedros.
Deutschland hat sich im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits um 2,5 Grad erwärmt – das ist mehr als der weltweite Durchschnitt. Die Erwärmung führt laut DWD unter anderem zu häufigeren Hitzewellen und Dürrephasen, was Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung gefährdet und die Waldbrandgefahr steigen lässt. In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren viele Tausend Hitzetote – auch wegen der vergleichsweise alten Bevölkerung. Schäden durch stärkere Unwetter mit heftigen Stürmen, Starkregen und Überschwemmungen kommen hinzu. (dpa)
Schienenverkehr und Autobahnen leiden
Wegen der Hitze hatten die Deutsche Bahn und weitere Eisenbahnunternehmen am Wochenende von nicht notwendigen Reisen im Fern- und Regionalverkehr abgeraten. Und tatsächlich gab es Probleme: So strandeten am Samstagabend mehr als 600 Passagiere ohne Klimaanlage in einem Zug in der Prignitz in Brandenburg. Drei Menschen kamen mit Kreislaufproblemen ins Krankenhaus. Der Grund: Ein Baum war bei einem Sturm auf eine Oberleitung gefallen.
Auch der Straßenverkehr litt unter Hitzeschäden. Nach einer Liste des ADAC waren am Wochenende etliche Autobahnen in vielen Bundesländern von Sperrungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen betroffen. Vielerorts wölbte sich die Fahrbahn bei Hitze auf, weil sich der Beton ausdehnte. (dpa)
41,9 Grad: Tschechien verzeichnet neuen Hitzerekord
Tschechien hat am Sonntag den zweiten Tag in Folge einen Hitzerekord verzeichnet. Laut dem nationalen Wetterdienst CHMI stieg das Quecksilber an einer Wetterstation in Doksany nördlich von Prag auf 41,9 Grad. Bereits am Samstag war dort eine Rekordtemperatur von 40,8 Grad gemessen worden. „Es ist das erste Mal, dass wir in unserem offiziellen Netz von Wetterstationen eine Temperatur von 41 Grad gemessen haben“, erklärte der Wetterdienst im Onlinedienst X. An der Hälfte aller 171 Wetterstationen seien am Sonntag neue Rekordtemperaturen verzeichnet worden. Auch am Montag werde die Hitze in einigen östlichen Landesteilen andauern. Im Westen werde zu Wochenbeginn dagegen mit einer Abkühlung gerechnet.
Wegen der durch die Hitze verursachten hohen Ozonwerte gab der Wetterdienst am Sonntag eine Smogwarnung für die Hauptstadt Prag und ihre Umgebung heraus. Die Bevölkerung – insbesondere Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen, Ältere und Kinder – wurden aufgerufen, körperliche Anstrengung zu vermeiden. Die bisherige Höchstmarke in Tschechien lag bei 40,4 Grad Celsius. Der Wert war 2012 in Dobrichovice südwestlich der Hauptstadt gemessen worden. (afp)
Mindestens 15 Menschen sterben bei Badeunfällen
Während der Hitzewelle in Deutschland sind seit Freitag mindestens 15 Menschen bei Badeunfällen gestorben. Ein 17-Jähriger wurde am Sonntag tot aus einem Baggersee in Peine in Niedersachsen geborgen. In Berlin zogen die Einsatzkräfte einen jungen Mann aus dem Wasser, der in die Spree gesprungen war. Am Samstag ertrank laut Polizei ein 27-Jähriger im Neckar bei Heidelberg, ein 30-Jähriger starb in einem Badesee bei Neuhofen südlich von Mannheim, zwei weitere Männer kamen in verschiedenen Gewässern in Berlin ums Leben. Im Herner Meer am Rhein-Herne-Kanal in Nordrhein-Westfalen starb ein sechsjähriges Kind. In Hessen wurde südwestlich von Frankfurt ein 40-Jähriger tot aus dem Waldsee Raunheim geborgen.
Bereits am Freitag war im Seepark Lünen bei Dortmund ein 45 Jahre alter Mann von Besuchern aus dem Wasser gezogen worden. Der Mann starb laut Polizeiangaben später im Krankenhaus. Ein acht Jahre alter Junge wurde nach zweistündiger Suche tot aus einem Badesee in Isernhagen bei Hannover geborgen. Das Kind habe sich ersten Hinweisen zufolge im Wasser aufgehalten und sei dann nicht mehr zu sehen gewesen, teilte die Polizei mit. Ebenfalls nach stundenlanger Suche wurden die Leichen von zwei Schwimmern am Freitag im Bodensee gefunden. Die älteren Männer waren am Donnerstag vor den Augen ihrer Frauen in den See gesprungen und verschwunden.
Drei Tage dauerte die Suche nach einem 14-Jährigen in einem See bei Düren in NRW. Er war nach bisherigen Erkenntnissen am Freitag mit Freunden in einem Schlauchboot auf dem See unterwegs und aus bislang ungeklärter Ursache ins Wasser gefallen. Taucher bargen ihn am Sonntagvormittag, ein Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.
Am Samstag ertrank ein 41-jähriger Mann in einem Baggersee in Düsseldorf. In Hessen kam es am Sonntagvormittag zudem zu einem Badeunfall in einem Freibad in Kassel. Ein 76-Jähriger wurde leblos im Wasser entdeckt, Reanimationsmaßnahmen blieben erfolglos. Am Nachmittag suchten Einsatzkräfte in der Ostsee nach einem vermissten Langstreckenschwimmer. Eine Drohne und diverse Boote seien an der Seebrücke Scharbeutz im Osten Schleswig-Holsteins im Einsatz gewesen, die Suche wurde jedoch ohne Erfolg abgebrochen. (dpa)
40,5 Grad – polnischer Hitzerekord in Grenzstadt Slubice
Mit vorläufig 40,5 Grad ist in der Grenzstadt Slubice an der Oder ein neuer Temperaturhöchststand für Polen verzeichnet worden. Der Spitzenwert müsse noch offiziell bestätigt werden, teilte das Institut für Meteorologie und Wasserwirtschaft in Warschau mit. Doch Sprecherin Agnieszka Prasek sagte: „Wir können von einem Rekord sprechen.“ Die bisherigen Temperaturrekorde in Polen hatten lange Bestand gehabt. 1921 waren 40,2 Grad gemessen worden bei Opole (Oppeln) in Schlesien, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Der polnische Höchstwert nach dem Zweiten Weltkrieg stammte von 1994 ebenfalls aus Slubice mit 39,5 Grad.
Slubice ist die Zwillingsstadt von Frankfurt an der Oder im Bundesland Brandenburg. Im brandenburgischen Kreis Oder-Spree wurde nach vorläufigen Angaben des Deutschen Wetterdienstes DWD am Sonntag auch für Deutschland ein neuer Höchstwert gemessen: 41,7 Grad Celsius waren es in Neißemünde an der Oder. Die Hitze beeinträchtigte in Polen den Bahnverkehr. Die staatliche Bahngesellschaft PKP sprach von Störungen der Oberleitungen. Mehrere Züge auf Hauptstrecken wie Warschau-Danzig oder Warschau-Posen fielen aus. Eine Reihe von Strecken war nur eingleisig befahrbar. (dpa)
Hitzeschäden: Auch am Montag keine Straßenbahnen in Leipzig
Aufgrund von Hitzeschäden ist der Straßenbahnverkehr in Leipzig auch am Montag eingeschränkt. Ziel sei es, den Betrieb schrittweise und im besten Falle teils schon am Montag wieder aufzunehmen, teilten die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) mit. Zuvor war der Straßenbahnverkehr wegen Hitzeschäden an Schienen und Weichen bereits bis Montagmorgen um 3.30 Uhr eingestellt worden.
Zunächst hatten die LVB den Betrieb nur bis in die Nacht zum Sonntag eingestellt, der Zeitraum wurde danach zweimal verlängert. Die hohen Temperaturen sorgten demnach an vielen Stellen im Netz dafür, dass Fugenmasse für Asphalt und Beton in Weichen und Schienen lief und dort verklumpte. Ein sicherer Straßenbahnbetrieb sei derzeit nicht möglich, hieß es. Von der Einstellung sind sämtliche Straßenbahnlinien in der sächsischen Stadt betroffen. Busse sollen so weit wie möglich planmäßig fahren. Fahrgäste sollten sich vor Fahrtantritt über aktuelle Verbindungen informieren. (dpa)
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