Rote-Karte-Skandal bei der WM : Mit Fußball hat das nichts zu tun
Nach einem Anruf von Donald Trump nimmt Fifa-Präsident Infantino die Rotsperre für einen US-Spieler zurück. Dabei geht es um viel mehr als Sport.
Foto: Jeff Chiu/ap
V ertraut nie dem ersten Eindruck! Dafür hat der Fußball den Videobeweis erfunden. Durch dessen Nachhilfe musste der US-Stürmer Folarin Balogun im Spiel gegen Bosnien und Herzegowina mit Roter Karte den Platz verlassen. Er hatte einem Gegenspieler in die Hacken getreten, mit den Stollen zuerst. Unstrittig ein Foul.
Weil Balogun nun im Achtelfinale seines Teams gegen Belgien in der Nacht zu Dienstag gesperrt gewesen wäre, schritt die US-Administration zur Tat. Außenminister Marco Rubio verlangte ein „Einspruchsverfahren“, das Weiße Haus beauftragte Anwälte, und US-Präsident Donald Trump himself telefonierte mit Fifa-Boss Gianni Infantino. Ergebnis dieser höchst ungewöhnlichen Staatsintervention: Balogun darf spielen.
Der Anschein legt nahe, der Fifa-Boss sei zum Befehlsempfänger des mächtigen US-Präsidenten geworden. Aber kann das sein? Ist nicht der erste der falsche Eindruck? Warum sollte der mächtige Fußballverband, der gerade das größte Turnier seiner Geschichte abhält und dem es bei den meisten Weltmeisterschaften gelungen ist, gastgebende Staaten zur Abtretung hoheitlicher Rechte und zu Steuerfreiheit für sich und seine Sponsoren zu zwingen, ausgerechnet in seinem Kernbereich, dem Fußballregelwerk, zur Marionette eines Donald Trump schrumpfen?
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Trumps Interesse an der Intervention ist klar: Er will seiner Klientel zeigen, dass er das, was er für amerikanische Interessen hält, brutal und effizient durchsetzen kann. Doch auch Infantino hat Interessen an Nordamerika, dessen Fußballmarkt im Fifa-Sinne noch keineswegs voll erschlossen ist. Was TV-Rechte und andere Vermarktungsoptionen angeht, haben die Fifa-Strategen mit den USA große Pläne.
Da kommt ihnen Trump entgegen, der seinen Kulturkampf ja auch gegen die hegemonialen Sportarten der USA führt: Die Basketballer der NBA hasst er, weil sie sich für die Rechte von Schwarzen starkmachen, und die Football-Liga NFL hat er wissen lassen, sie solle sich einen neuen Namen überlegen, der bisherige werde für den europäischen Fußball gebraucht. Der will auch in Amerika Number One werden.
Gianni Infantino ist also nicht bei Trumps bizarrem Anruf eingeknickt, sondern die beiden üben sich in einem Schulterschluss: Jeder verfolgt erfolgreich seine Interessen, und dass sie dabei manchmal recht lächerlich aussehen, ist der Preis der Macht.
Mit Fußball, den Milliarden Menschen lieben, hat das selbstverständlich nichts zu tun. Wie das Spiel der USA gegen Belgien ausgehen wird, ist dabei nicht von Belang. Leider.
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