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Nach öffentlichem Druck in MagdeburgWendung im Fall Arne Semsrott

Der Autor Arne Semsrott darf doch in der Bibliothek Magdeburg lesen. Für eine erste Veranstaltung hatte die Stadt ihn ausgeladen, nun gibt es zwei.

David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Erst ausgeladen, jetzt wieder eingeladen: Nach öffentlichem Druck darf der Journalist und Aktivist Arne Semsrott nun doch in der Magdeburger Stadtbibliothek sein Buch vorstellen. Wie er der taz bestätigte, habe er sich mit der Stadtverwaltung auf einen neuen Termin geeinigt, um aus dem Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ vorzulesen.

Auf Anfrage der taz erklärte die Stadtverwaltung von Magdeburg, es habe am Mittwoch ein Gespräch zwischen Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) und dem Autor gegeben. Am Samstag kommender Woche, 6. Juni, soll Semsrott um 11 Uhr in der Stadtbibliothek Magdeburg lesen. Die Oberbürgermeisterin werde die Veranstaltung in der Stadtbibliothek besuchen, hieß es von der Stadtverwaltung.

Der ursprüngliche Termin war am Tag zuvor angedacht gewesen. Während der Stadtratssitzung in der vergangenen Woche hatte Magdeburgs Oberbürgermeisterin Borris erklärt, sie habe eine Prüfung „der politischen Neutralität“ des Autors erbeten. Laut Arne Semsrott war das Ergebnis: nicht neutral.

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In seinem Buch beschäftigt Semsrott sich damit, wie die Zivilbevölkerung verhindern kann, dass ihre Gesellschaft ins Autoritäre kippt. Die Stadtverwaltung hatte auf Presseanfragen hin gesagt, die ursprüngliche Lesung sei nur verlegt worden. Rebecca Plassa von der Heinrich-Böll-Stiftung, die die Lesung organisiert hat, erklärte hingegen, die Stadtverwaltung habe nicht verlegt, sondern Semsrott ausgeladen. In internen Gesprächen habe es geheißen, das Buch sei wenige Monate vor der Landtagswahl „zu provokant“.

„Der Zivilgesellschaft den Rücken stärken“

Semsrott selbst vermutete Druck aus dem Umfeld der AfD hinter der Absage. Schon nach einer früheren Lesung des Autors im Magdburger Kinder- und Jugendclub Alte Bude, habe die rechtsextreme Partei eine Kleine Anfrage im Landtag gestellt. Es ging um das Neutralitätsgebot in staatlich geförderten Einrichtungen.

Nachdem dieses Mal klar geworden war, dass die Lesung nicht in der Stadtbibliothek stattfinden sollte, seien die Or­ga­ni­sa­to­r:in­nen auf das Kulturzentrum Moritzhof ausgewichen. Die Lesung dort soll nächsten Freitag weiterhin stattfinden. Semsrott tritt an dem Wochenende zweimal in Magdeburg auf.

Dass er nun doch in der Stadtbibliothek lesen werde, zeige: „Öffentlicher Druck wirkt.“ Gegenüber der taz erklärte Semsrott, Verwaltungen dürften nicht in vorauseilendem Gehorsam einknicken: „Dafür brauchen sie klare Richtlinien. Sie müssen der Zivilgesellschaft selbstbewusst den Rücken stärken.“

Aber auch die Zivilgesellschaft solle um öffentliche Räume kämpfen. „Es lohnt sich, in den Konflikt zu gehen“, sagte Semsrott, nachdem die Stadtverwaltung ihn wieder eingeladen hat.

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15 Kommentare

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  • taz: *Semsrott selbst vermutete Druck aus dem Umfeld der AfD hinter der Absage.*

    Das kann doch gar nicht sein, dass eine "gesichert demokratische" Partei 😂 (oder wie stufte der Bundesverfassungsschutz die AfD nochmal genau ein?) auf den 'Investigativjournalisten' und 'Aktivisten für Informationsfreiheit' Arne Semsrott Druck ausüben wollte.

    • @Ricky-13:

      @Ricky-13



      Auf YouTube habe ich verschiedene Vorträge von Arne Semsrott gefunden. Super gut vom Inhalt & ja auch wirklich in einer Sprache, die auch recht schlichte Gemüter erfassen können. Vielleicht sollte Herr Semsrott eine kleine Tournee / Lesungsreihe durch den Osten absolvieren.

    • @Ricky-13:

      Korrektur: Druck ist natürlich nicht auf Arne Semsrott ausgeübt worden, sondern wohl eher auf Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos). Wie auch immer, denn der Druck sollte ja in erster Linie dann doch den Investigativjournalisten Arne Semsrott treffen, damit er sein Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ nicht in Magdeburg vorstellen und daraus lesen kann.

  • Eine sehr gute & lobenswerte Entscheidung der Stadtverwaltung Magdeburg.



    Den Zuhörern der Lesung viele nachhaltige & wertvolle Erkenntnisse.

  • Die Stadtverwaltung von Magdeburg hat also Angst vor Büchern und deren Autoren.



    Interessant!



    Wir sollten eine Liste weiterer Autoren zusammenstellen, deren Bücher man in Magdeburg öffentlich vorlesen sollte.

    • @Aurego:

      @Aurego



      Sehr gut 👍



      Die andere Möglichkeit wäre, um jetzt nicht dieses inzwischen völlig sinnenleerte Wort Alternativ zu strapazieren, die Liste mit der unbedingt zu studierenen Literatur per Email & zusätzlich als Hauswurfsendung an die Haushalte versenden.



      Selbstredend den Magdeburgern noch fix dat selbstständige Lesen beibiegen. Wobei die Hör-CD für's Auto oder die Küche wäre ja auch schon ein erster Schritt in die richtige Richtung.



      Wünschen wir den Magdeburger & im Sinn von unserem Erhalt der humanistischen Demokratie, viel Erfolg durch aneignen von nötigen Wissen, denn Wissen macht schlau & schlau macht sexy , allemal besser als 🙈🙉🙊

  • Mit läuft angesichts der ursprünglichen Terminabsage vor Lachen mal wieder das Wasser die Beine hinab.

    Die "Politische Neutralität" sei nicht vorhanden. Glucks. Kicher.

    Aber wenn sich gewisse weiß-blaue Lichtgestalten "Mir san Mir" skandierend in öffentlichen Gebäuden suhlen ist es natürlich politisch neutral. Völlig. Total.

    Prust!

  • Wieso muss man politisch neutral sein, um in einem öffentlichen Gebäude eine Lesung zu führen? Was ist denn das für ein Demokratieverständnis? Nur wer politisch neutral ist, darf sich äußern? Komischerweise wird bei Konservativen NIE politische Neutralität gefordert.

  • Eine gute und eine schlechte Entscheidung.

    Das Ausweichen der Veranstaltung auf einen privaten Verein ist richtig, Meinungsfreiheit ist wichtig. Etwas Anderes gilt, wenn in staatlichen bzw. städtischen Räumen solche Veranstaltungen durchgeführt werden, insbesondere im Vorwahlkampf halte ich das für sehr bedenklich. Da ist für mich die Grenze zum Machtmißbrauch überschritten.

    • @Black & White:

      Ist Ihnen eigentlich bewusst was sie hier von sich geben?



      Meinungsfreiheit ist wichtig aber nicht im Vorwahlkampf und nicht in staatlichen bzw. städtischen Räumen? Ernsthaft???

      Und was hat das Ganze mit Machtmissbrauch zu tun?

    • @Black & White:

      Machtmissbrauch läge vor, wenn die Stadt ohne triftigen Grund "solche" und ander Veranstaltungen verhindert.



      Sie verdrehen hier Worte und Inhalte, und am Ende kommt Ihre Gesinnung zum Vorschein ...

    • @Black & White:

      Der "private Verein" ist die Heinrich-Böll-Stiftung.



      Also wollte die Administration der Stadt Magdeburg indirekt einem deutschen Nobelpreisträger den öffentlichen Auftritt in der Stadtbibliothek verweigern.

    • @Black & White:

      Was meinen Sie mit "solche Veranstaltungen"? Und wo sehen Sie "Machtmissbrauch"?

      Semsrott's Buch ist nicht parteipolitisch. Es hat keine polischen Inhalte, die nicht unmittelbar aus den Prinzen der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Und selbst wenn in dem Buch politisch umstrittene Stellung bezogenn würde - es gehört doch wohl zum Bildungsauftrag einer Bibliothek solchen Beiträgen eine Öffentlichkeit zu bieten.

  • Schön, dass sie noch eingeknickt sind!

    Ich frage mich, was "Neutralitätsgebot" genau heißen soll. Wenn er nicht sprechen darf, wäre die nächste Frage dann, ob seine Bücher da ausliegen dürfen. Und spätestens da sieht man, dass dieser ganze Neutralitätsunsinn nicht richtig sein kann.

    In einer Demokratie muss in öffentlichen Orten möglich sein, was mit der Demokratie konform geht. In einer Demokratie gibt es verschiedene Meinungen, um die gestritten wird. Da muss gar nichts "neutral" sein. Aber demokratiegefährdend darf es meiner Meinung nach nicht sein. Nur falls bald irgendwelche Faschos von der AfD dort auftreten wollen...

    • @Jalella:

      Die Veranstaltung hat die Heinrich-Böll-Stiftung organisiert und bei denen würde auch ein "Neutralitätsgebot", wie es u.a. die AfD denkt, im öffentlichen Bewusstsein zu verfestigen, ned greifen.



      Davon mal ab muss mer die Aktivitäten von Arne Semsrott ned zwingend alle gutfinden; nur nimmt er den ganzen Spaß mit Grundgesetz, Menschenrechten usw. usf. ernst.