Politische Kämpfe in Lateinamerika: Wenn das Pendel wieder schwingt
Erlebt Lateinamerika gerade einen Rechtsruck? Oder steht der Kontinent vor einer progressiven Wende? Für beides gibt es Indizien. Doch es geht um mehr.
Viele sprechen derzeit von einem Rechtsruck in Lateinamerika. Das ist verständlich. Arme und Arbeiter:innen, die einst progressive Projekte unterstützten, wählten zuletzt vermehrt rechte und rechtsautoritäre Regierungen, die Ordnung, Sicherheit und Wirtschaftswachstum versprachen. In Argentinien siegte 2023 der rechts-libertäre Javier Milei mit seiner sozialpolitischen Kettensäge.
In Chile regiert mit José Antonio Kast seit diesem März zum ersten Mal seit dem Ende der Militärdiktatur ein Pinochet-Verehrer. Bei der in wenigen Tagen bevorstehenden Stichwahl in Peru tritt Diktatorentochter Keiko Fujimori an. In Kolumbien konkurrieren am Sonntag gleich zwei aussichtsreiche rechtsextreme Kandidat*innen gegen einen Progressiven um das Präsidentschaftsamt.
Und doch führen in Brasilien Lula da Silva und in Mexiko Claudia Sheinbaum die zwei bevölkerungsreichsten Staaten des Kontinents mit progressiven Projekten an. In Argentinien sinken die Zustimmungswerte für Milei. Und aktuelle Prognosen sehen die progressiven Kandidaten auf die Präsidentschaftsposten in Peru und Kolumbien vorn. Rückt Lateinamerika also wirklich nach rechts – oder gar nach links? Ganz so einfach ist das nicht.
Der Kontinent hat in den vergangenen Jahrzehnten starke politische Richtungswechsel erlebt: Militärdiktaturen, Guerillabewegungen, neoliberale Schocktherapien. Die 1970er Jahre waren dabei ein entscheidender Wendepunkt. Diktatoren putschten sich an die Macht, neoliberale Ideen gewannen an Einfluss. Unter Erfahrungen wie der Pinochet-Diktatur in Chile wurde Lateinamerika zum Labor marktradikaler Reformen.
Die rosarote Welle
Als Gegenreaktion entstand später die sogenannte marea rosa („rosarote Welle“), eine Welle links-progressiver Regierungen. Viele Linke projizierten in den Kontinent deshalb ihre Hoffnungen auf den Aufbau einer gerechten Gesellschaft, der von den Unterdrückten und Ausgebeuteten angeführt und gestaltet wird: Arbeiter:innen, Indigene, Frauen.
Nach dem Wahlsieg von Hugo Chávez in Venezuela 1998 wurden in vielen Ländern links-progressive Regierungen gewählt: Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien, Néstor Kirchner in Argentinien, Evo Morales in Bolivien – das nach dessen Sturz 2019 und einer linken Rückkehr nun erstmals seit 20 Jahren wieder rechts regiert wird – und Rafael Correa in Ecuador. Ziel dieser Regierungen war es, die Folgen des neoliberalen Umbaus der 1980er und 1990er Jahre abzufedern, soziale Ungleichheit zu reduzieren und staatliche Kontrolle über natürliche Ressourcen zurückzugewinnen.
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Innerhalb der „rosaroten Welle“ gab es jedoch unterschiedliche Strömungen. Während Länder wie Venezuela, Bolivien und Ecuador neue Verfassungen ausarbeiteten, der indigenen Bevölkerung politische Mitsprache garantierten und Rohstoffunternehmen verstaatlichten, verfolgen die Regierungen in Chile, Brasilien und Uruguay eher moderate Projekte, die den Neoliberalismus lediglich eindämmten.
Lateinamerika ist reich an Rohstoffen und hängt von ihrem Export ab: Erdöl, Kupfer, Soja. Die progressiven Regierungen profitierten vom Rohstoffboom der 2000er Jahre und finanzierten durch die Einnahmen Sozialprogramme, die Millionen Menschen aus der Armut holten. Gleichzeitig scheiterten viele Projekte daran, ein alternatives Wirtschaftsmodell aufzubauen, das die Abhängigkeit vom Rohstoffexport überwindet.
Mit der Wirtschaftskrise 2008 begann das Modell der durch Exporteinnahmen finanzierten Sozialprogramme zu bröckeln. Gleichzeitig nahmen in vielen Ländern Gewalt, organisierte Kriminalität und das Gefühl eines staatlichen Kontrollverlustes zu.
Chile ist ein Land, das in den vergangenen Jahrzehnten besonders häufig von links nach rechts gependelt ist. Das lässt sich nicht durch Wahlkampfdynamiken erklären, sondern ist Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Konflikts: Chile blieb auch nach der Rückkehr zur Demokratie im Kern ein neoliberales Land.
Die Pinochet-Diktatur schuf ein Gesellschaftsmodell, das den sozialen Zusammenhalt aushöhlte und auf individuellen Aufstiegserzählungen basiert – Erfolg als persönliche Leistung, Scheitern als individuelle Verantwortung. Chile zeigt, dass der große Triumph des Neoliberalismus nicht wirtschaftlicher, sondern politischer und kultureller Natur ist.
Mexiko ist ein Gegenbeispiel zum politischen Pendel in Lateinamerika. Während in vielen Ländern rechte oder rechtspopulistische Kräfte an Stärke gewinnen, gelang es der links-progressiven Regierungspartei Morena, ihre Macht kontinuierlich auszubauen und zugleich die extreme Rechte weitgehend kleinzuhalten.
Andrés Manuel López Obrador gewann 2018 mit dem Versprechen, den Staat wieder auf die Seite der armen Bevölkerung zu stellen. Der Mindestlohn hat sich seitdem verdoppelt, die soziale Ungleichheit ist gesunken, Gewerkschaften und Arbeitsrechte wurden gestärkt. Millionen von Menschen aus der Arbeiter:innenklasse spüren diese Verbesserungen unmittelbar im Alltag.
So gelang es Morena, eine stabile soziale Basis weit über urbane linke Milieus hinaus aufzubauen. Gerade in ländlichen Regionen und unter armen Bevölkerungsgruppen entstand dadurch eine Loyalität, die viele andere progressive Regierungen Lateinamerikas verloren hatten.
Auch Mexiko nicht frei von Widersprüchen
Claudia Sheinbaum, die Nachfolgerin von López Obrador, regiert mit konstanten Zustimmungswerten von über 70 Prozent und ist damit eine der beliebtesten Präsidentinnen Lateinamerikas. Morena regiert inzwischen mit starker institutioneller Macht: Die Partei kontrolliert den Kongress und die Mehrheit der Bundesstaaten.
Sheinbaum hat vor Kurzem ein ambitioniertes sozialpolitisches Projekt angekündigt: den Aufbau eines universellen öffentlichen Gesundheitssystems, das allen Mexikaner:innen unabhängig von Versicherungsstatus oder Beschäftigung Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichen soll.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Mexiko frei von Konflikten und Widersprüchen wäre. Zentrale Grundpfeiler des Neoliberalismus wie das Steuersystem hat die Regierung bisher nicht angetastet. Kritiker:innen beobachten autoritäre Tendenzen der Regierung, eine zunehmende Machtkonzentration und eine starke Militarisierung des Staates.
Gleichzeitig bleiben Gewalt, organisierte Kriminalität und Drogenkartelle ein zentrales Problem des Landes. Mexiko zeigt dennoch, dass progressive Regierungen dort dauerhaft hegemoniefähig werden können, wo sie spürbare Verbesserungen für die arbeitende Bevölkerung schaffen.
Ungelöste Bedürfnisse nach Gerechtigkeit, Teilhabe, Stabilität
Die bevorstehenden Wahlen in Kolumbien und Peru sowie die aktuellen Proteste in Bolivien zeigen, vor welchen politischen Herausforderungen Lateinamerika steht. In Kolumbien wird sich entscheiden, ob das progressive Projekt von Gustavo Petro weiterhin Bestand haben kann oder ob mit dem rechtsextremen Anwalt Abelardo de la Espriella ein Nachahmer von Milei an die Macht kommt.
In Peru tritt ein Kandidat bei der Stichwahl an, der die marginalisierte und indigene Landbevölkerung des andinen Südens repräsentiert – seine Gegnerin ist Keiko Fujimori, die Tochter des Ex-Diktators Alberto Fujimori. Peru zeigt, wie tief die Spaltung zwischen urbanen Eliten und ländlich-indigenen Bevölkerungen geblieben ist.
In Bolivien, wo mit Rodrigo Paz zum ersten Mal nach 20 Jahren der linken und indigenen MAS-Regierung ein rechter Präsident regiert, protestieren indigene und ländliche Bewegungen gegen den Versuch, den plurinationalen und sozialstaatlichen Charakter des Landes zurückzudrängen.
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Lateinamerika pendelt nicht einfach zwischen links und rechts, sondern zwischen unterschiedlichen Antworten auf die ungelösten Bedürfnisse nach sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Teilhabe und wirtschaftlicher Stabilität. Wo progressive Regierungen das Leben der arbeitenden Bevölkerung konkret verbessern, gewinnen sie dauerhaft Rückhalt – das zeigen Mexiko und Brasilien. Genau darin liegt die Hoffnung der Linken.
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