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Kanzlerbesuch beim DGBMit Pfiffen gegen erzieherische Ratschläge

Der Bundeskanzler erntet bei den Gewerkschaften lautstarke Kritik für seine Reformagenda. Auch Arbeitsministerin Bas muss sich eine Mahnung anhören.

Daumen runter für Friedrich Merz: Protest während der Rede des Bundeskanzlers beim DGB-Kongress Foto: Annegret Hilse/reuters

Für den Kanzler gab es Buhrufe und Pfiffe, für die Arbeitsministerin mahnende Worte und demonstrativen Applausentzug: Auf dem Kongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds mühten sich erst Friedrich Merz (CDU) und dann Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) ab, die geplanten Sozialreformen den Ar­beit­neh­me­r*in­nen irgendwie schmackhaft zu machen. Doch beide Po­li­ti­ke­r*in­nen drangen am Dienstag kaum zu den Delegierten durch, die wegen der geplanten Aufweichung des 8-Stunden-Tags und Merz' Äußerungen zur Rente ohnehin schon in Wallung waren.

Der Bundeskanzler trug sein Redemanuskript trotz des Pfeifkonzerts stoisch vor und ging auch nicht auf die lauten Zwischenrufe aus dem Saal ein. Merz hüllte seine Grundaussage, dass in Krisenzeiten nun mal alle den Gürtel etwas enger schnallen müssen, in eine lehrerhafte Rhetorik. „Ich erwarte eine Offenheit für Veränderungen“, sagte der CDU-Chef in die zwischenzeitlich eisige Stimmung des Kongresszentrums in Berlin. Denn die Ge­werk­schaf­te­r*in­nen sahen sehr wohl, dass Merz bei den Ar­beit­neh­me­r*in­nen und Arbeitslosen den Gürtel am engsten schnallen will. „Alle werden etwas geben müssen“, sagte der Kanzler, sprach dann aber vor allem Einsparungen auf der Seite der Ar­beit­neh­me­r*in­nen an.

Auch Bas befand sich in ihrer Rede merklich in der Defensive; der mit der SPD eng verflochtene Gewerkschaftsbund verweigerte der Parteichefin über lange Strecken ihrer Rede den Applaus. Grund für die Stille im Saal war, dass ausgerechnet Bas den Entwurf für eine Reform präsentieren soll, mit der die Gewerkschaften um einen wichtigen Teil ihres politischen Erbes fürchten: Den hart erkämpften 8-Stunden-Tag. „Wir bitten dich, dass die Regierung von dem Vorhaben abrückt“, mahnte die frisch wiedergewählte DGB-Präsidentin Yasmin Fahimi die Arbeitsministerin noch.

Alle werden etwas geben müssen, sagte der Kanzler, sprach dann aber vor allem von Einsparungen bei Arbeitnehmer*innen.

Zerknirscht und opferbereit

Doch Bas wusste es in ihrer Rede gekonnt, das alte Lied der Sozialdemokratie zu spielen, in der man gleichsam zerknirscht wie opferbereit auf die Notwendigkeiten realpolitischer Macht verweist. „Wenn es nach der SPD und auch mir persönlich geht, würden wir das Thema Arbeitszeit gar nicht erst anfassen“, sagte sie unter Applaus der DGB-Delegierten. Und dann: „Aber es steht im Koalitionsvertrag.“ Danach wurde es still während ihrer restlichen Redezeit.

Das macht das Spannungsfeld deutlich, in dem sich Schwarz-Rot bewegt, wenn das Bündnis am Dienstagabend erneut zu einem Koalitionsausschuss zusammenkommt. Union und SPD wollen bei dem Treffen Einigungen für ihre geplanten Sozialreformen erzielen. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte bereits am Montagabend bei dem mehrtägigen DGB-Kongress erneut Entlastungen für diejenigen gefordert, die zwischen 2.500 und 4.000 Euro verdienen. Dafür brachte er auch die Reformpläne der SPD für die Erbschaftsteuer ins Spiel, die er sich zunächst nicht zu eigen gemacht hatte. „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit, dafür kämpfen wir“, sagte der SPD-Co-Chef unter Applaus.

Merz gibt ein Versprechen seines Vorgängers auf

Ganz anders sah es der Chef der Unionsfraktion, Jens Spahn. Er gilt in der Koalition als deutlichster Gegenspieler Klingbeils und soll bei einem Treffen der Regierungsparteien vor einem Monat eine frühzeitige Einigung bei der geplanten Steuerreform verhindert haben. In einem Podcast des Mediums „Table Briefings“ forderte Spahn eine pauschale Kürzung aller Subventionen und Steuervergünstigungen um fünf Prozent zur Finanzierung der Steuerreform.

Merz ging in seiner Rede beim DGB auf keine dieser konkreten Forderungen ein und blieb auch sonst eher im Allgemeinen. Gleichzeitig kündigte er jedoch das Versprechen des ehemaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) von vor vier Jahren auf, der in der Folge des Ukrainekriegs angekündigt hatte, die Menschen mit den gestiegenen Energiepreisen und Lebenshaltungskosten nicht allein zu lassen. „Auch wenn es schwierig ist, diese Zusage war zu optimistisch“, sagte Merz nun. „Niemand kann sich heute den Veränderungen entziehen.“

Als größte Herausforderung gab er aus, dass die Sozialabgaben im Land nicht auf mehr als 50 Prozent steigen dürften. Mit den Kürzungen bei den gesetzlichen Krankenkassen habe die Regierung schon etwas dagegen unternommen, nun folgten mit den Reformen bei Rente und Pflege weitere Schritte. „Die Kosten in diesem Land sind zu hoch“, sagte Merz und betonte, dass es ihm nicht um die Nettolöhne der arbeitenden Menschen gehe. „Es sind die Steuern und Abgaben, es sind die Bürokratie- und Energiekosten.“

Ergreift der Kanzler die Hand der Gewerkschaften?

Jeder, der es sehen wolle, könne feststellen, dass die Bundesregierung die Dinge anpacke. Hämisches Gelächter erntete Merz dann vor allem für seine Aussage, dass die Reformen „keine Bösartigkeit“ von ihm seien. Die Ge­werk­schaf­te­r*in­nen haben also zumindest ihre Zweifel daran.

DGB-Vorsitzende Fahimi hatte zur Begrüßung von Merz betont, die Gewerkschaften sähen sich nicht in der Rolle des Verhinderers und seien offen für den Dialog. Es müsse aber eine gerechte Lastenverteilung in der Sozialpolitik geben. So plädierte sie auch dafür, bei den Reformplänen für die Rente die Ergebnisse der Expertenkommission nicht „zu hektisch“ in Gesetze zu überführen, sondern sie vorher mit den Gewerkschaften „abzugleichen“. Die Hand der Ar­beit­neh­me­r*in­nen ist also ausgestreckt – offen ist, ob die Regierung sie tatsächlich ergreift.

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29 Kommentare

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  • Einfach nur unglaublich. Wir geben als Land den Multimillionären und Milliardären jedes Jahr mehr und mehr Geld. Über 100 Mrd. jedes Jahr und dann will uns die Regierung sagen es gäbe ja kein Geld in diesem Land. Und die Leute glauben es und wählen weiter rechts. Was für ein Trauerspiel.

    • @Philipp H.:

      Und wem haben wir das zu verdanken? Der CDU/CSU und einer SPD die mit Schröder immer neoliberaler geworden ist. Und jetzt haben wir sogar Friedrich-"BlackRock"-Merz als Kanzler, der wohl 'ab und zu' mal im Privatflugzeug über seine "deutschen Untertanen" fliegt und schaut ob die Arbeiter auch brav für seine reichen Aktienfreunde malochen.

      Hier ein Foto von Merz in seiner zweimotorigen Propellermaschine vom Typ Diamond DA62 (taz-Foto) taz.de/Privatflugz...kandidat/!6065499/

      Anstatt aber mal 'sozial und links' zu wählen, wählen schon viele Bürger 'asozial und rechts'. 😢

  • ⛔️ Die Unionsparteien sollen Ihre Griffel vom 8 Stundentag lassen❗️KEIN Abbau von den Arbeitnehmerrechten ⛔️



    Schon nach. dem jetzigen Arbeitsrecht dürfen Arbeitnehmer, mit Absprache ihres Arbeitgeber die individuellen Möglichkeiten von Arbeitszeiten/ Schichtdiensten aushandeln / absprechen.

    www.verdi.de

  • Merz wird nicht die ausgestreckte Hand der Gewerkschaft ergreifen. Es ist und bleibt ein Trauerspiel.

    Es wird sich nicht ändern:



    Ihr da oben - wir da unten

  • taz: *Für den Kanzler gab es Buhrufe und Pfiffe, ...*

    Dann kann Friedrich Merz sich ja wieder im Spiegel beklagen, dass ihn keiner mag. Merz im Spiegel-Interview: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“.

    Das deutsche Volk hat auch noch nie so einen "Bundeskanzler" ertragen müssen. Dennis Radtke, Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels (CDA), kritisierte das Pfeifkonzert beim DGB scharf und erklärte, einen Bundeskanzler pfeife man nicht aus. An der Äußerung von Dennis Radtke kann man sehr gut erkennen, dass die Leute aus der CDU sich anscheinend in einem anderen Land befinden, denn in diesem demokratischen Land (Art. 20 GG) darf man einen Kanzler natürlich auspfeifen, besonders wenn dieser "Volksvertreter" nur noch Politik für die Reichen und Mächtigen macht.

    Friedrich Merz (CDU) hätte niemals Kanzler werden dürfen, denn er spaltet die Gesellschaft immer mehr und gefährdet damit den sozialen Frieden in diesem Land.

    • @Ricky-13:

      Mehr Union = Mehr Pfeifen.

  • Laut dieser Regierung bin ich (netto) arm und (brutto) reich gleichzeitig und muss entsprechend be- und entlastet werden. Die haben hauptsächlich keine Ahnung wovon sie reden - ist mein Eindruck.

    • @Powow:

      Eine Koalition der Unwissenden - es ist so unendlich traurig!

  • Merz rät den Gewerkschaften seine neoliberale Politik zu unterstützen - ernsthaft?

    Ja, Merz ist ein neoliberaler Clown, er denkt und handelt aus den 1980ern, aus westdeutscher Denkweise.

    Dass Gewerkschaften das ablehnen, war klar. Also gut, dass wir darüber gesprochen haben?

    Nein, Merz muss gestoppt werden.

    Er bremst das BIP und setzt auf gezielte Unterentwicklung.



    Das hilft - am Ende - niemanden. Deutschland hat eine rechtsextreme Partei und eine geschwächte SPD, das ist schon jetzt sehr gefährlich und Neoliberalismus bringt da gar nix.

    Ist eigentlich nicht schwer zu verstehen?

    Für Merz schon, weil er sehr inkompetent und an der falschen Stelle radikal ist. Ihn ängstigt Armut nicht. Persönlich kann er sie auch nicht mehr erleben...

    Aber Armut macht radikal.

    Und ein Land ohne Wachstum ohne Impulse, voller Flops radikalisiert sogar.

  • Es gehört doch wohl zum Selbstverständnis der GenossInnen des DGB einem Unionskanzler die rote Karte zu zeigen. Alles andere würde zu kognitiver Dissonanz führen. Inhaltlich betrachtet gibt es nichts was an März Rede nicht der wirtschaftlichen und sozialen Realität entspricht. Wenn sich die GenossInnen nun wie Schüler gegenüber einem Lehrer fühlen, liegt die Ursache daher hauptsächlich in der Reaktion der realitätsverweigernden GenossInnen. Sieht man sich die Umfrageergebnisse an, muss man darüber hinaus konstanzieren, dass der DGB schon lange nicht mehr die Mehrheit der ArbeitnehmerInnenschaft repräsentiert. Die bittere Pille liegt also tatsächlich beim DGB

  • Fritze kann es halt nicht. Er schafft es einfach nicht die Menschen abzuholen. Bisher gab es nur sein altes Oppositionsgelaber.

  • ⛔️ Unionsgriffel weg von unserem 8 Stundentag ‼️



    Arbeitszeiten sind schon jetzt Verhandlungssache zwischen Arbeitnehmer & Arbeitgeber. Wir brauchen keine, unter Arbeitsanweisung von Arbeitgebern, 13 Stunden Arbeitstage am Stück❗️



    www.verdi.de

  • Seit Jahrzehnten sollen immer nur die unteren den Gürtel enger schnallen, komisch das die Reichen immer reicher werden und sich



    da nichts tut.

  • "sondern sie vorher mit den Gewerkschaften „abzugleichen“"

    Der DGB gibt seit neuestem Gesetze frei?



    Wenn das ein anderer Lobbyverband wagen würde, dann wäre was los.

    • @GregTheCrack:

      Jung - die machen das lang vorher



      Die brauchen in der Endphase nix mehr abzugleichen.



      Mal im Ernst dazu in welchem Land lebens oder lassens leben?



      Wenn mann so ersichtlich ganz unbeleckt rumbollert: “Sagen was man denkt. Is ok! Woll



      Und vorher was gedacht haben - wäre fein. HR

    • @GregTheCrack:

      Selten so gelacht. Schauen Sie sich mal die Lobbyarbeit des INSM oder der sogenannten Familienunternehmer an.

      Gewerkschaften vertreten Arbeitnehmer*innen, selbstverständlich müssen die gehört werden. Auch wenn Merz sich selbst offenbar nicht so versteht, er hat den Amtseid für das GANZE Volk geschworen!

    • @GregTheCrack:

      Guten Tag, Greg not really the crack



      Sie sind nicht auf Stand der Gesetz-Erstellungsprozesse. Ganze Textpassagen wurden und werden von Lobbyverbänden oder sogar von Konzernvertretern in die Entwürfe der Ministerialmitarbeiter geschrieben. Diese Praxis ist durch Vereine wie lobbycontrol, abgeordnetenwatch und Journalisten aus verschiedenen Medien gut belegt.



      Hilfreich dabei auch der Drehtüreffekt zwischen politischem Amt und Unternehmens-Anstellung. Bei Friedrich Merz zum Beispiel mehrfach hin und her.



      Gewerkschaften und andere Sozialverbände wagen noch viel zu wenig.

      • @Christian Götz:

        Genau Genau - Framing -

        “Alle Räder stehen still!



        Wenn mein starker Arm das will!



        Und der vorrangig von den ostelbischen Krautjunkern - und den Nazis getragene “Hakenkreuz am Stahlhelm“ schwarzweißfotes Band -



        Kapp-Putsch brach nach wenigen Tagen zusammen! Woll



        de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch

        kurz - Die Sozialpartnerschaft - war schon immer ein fortgesetzter Betrug an der arbeitenden de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch

  • Angesichts der politischen Weltlage und der absehbaren wirtschaftlichen Entwicklung wäre es merkwürdig, wenn ein Kanzler oder eine Kanzlerin Applaus bei einer Gewerkschaftsversammlung bekommen sollte. Reiner Wein ist mir da allemal lieber als eineinee Schönwetterrede.

    • @DiMa:

      Reiner Wein sollte es wohl nicht sein. Eher Opium fürs Volk. Während unten nach Herzenslust gekürzt wird, soll die Oberschicht vor Belastungen geschützt werden. Offensichtlich haben die Versammelten aber den Rauch durchschaut...

      • @warum_denkt_keiner_nach?:

        Jeder mit mehr als 3 Gehirnzellen durchschaut diese Farce. Ich jedenfalls sehe durch diesen Kanzler und seine Nebelkerzen ("müssen alle den Gürtel enger schnallen, Einschnitte [bei den normalen Arbeitnehmern] sind alternativlos" meine Intelligenz beleidigt. Ein neu aufgetauchtes Gerücht besagt jetzt, dass die Wegzugsbesteuerung für vermögende Menschen abgeschafft werden soll. Sollte das stimmen, wäre engültig klar, für welche Klientel da ausschließlich Politik gemacht werden soll.

  • Tja - wir sitzen alle in einem Boot.



    Also rudert ihr mal schön fleißig.Newahr



    Die anderen Plätze hamer für uns reserviert.



    Normal

    Mittelalter Gepfefferter Spruchbeutel



    🦉🦉🪞- Verlach =>



    “Reicher Leuts Kinder ham klebitschte Händ!“



    Jau! Black Rock Cum Ex Wirecard & Cie



    “Aus ander Leuts Leder ist gut Riemen schneiden“ •

    kurz - damit hamer das ganze Programm - ok -



    Kann bekanntlich 😷 gern nochen Spahn mehr sein! Newahr



    Normal Schonn - Wollnichtwoll •