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Ausweitung der ArbeitszeitenVom Generalstreik träumen

Lotte Laloire

Kommentar von

Lotte Laloire

Die Bundesregierung will den Achtstundentag abschaffen. Zeit für die Linke, ihre Spaltungen zu überwinden und auf die Barrikaden zu gehen.

Streiken statt streiten Foto: dpa/Robert Michael

J etzt will die Bundesregierung auch noch den Achtstundentag abschaffen – eine der wichtigsten Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Liebe Linke, hört endlich auf, über Israel zu streiten, und geht auf die Barrikaden. Und zwar sofort!

Denn sonst habt ihr bald weder Zeit für Nahost-Debatten noch für Hobbys oder Haushalt. Das Arbeitszeitgesetz, das die schwarz-rote Koalition aufweichen will, erlaubt bisher acht Stunden Lohnarbeit pro Tag, in Ausnahmen zehn, und wöchentlich nicht mehr als 48 Stunden. Künftig könnten es bis zu 73,5 werden, also bis zu 12 Stunden und 15 Minuten pro Tag, wie die Hans-Böckler-Stiftung ausgerechnet hat. Den Gesetzentwurf will die SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas schon im Juni vorstellen.

Das ist völliger Wahnsinn. Alles, wirklich alles spricht dagegen. Mehr Lohnarbeit schadet der Gesundheit, dem Klima, Familien, Frauen, der Volkswirtschaft und selbst ihrer Vollstreckerin: der SPD. Das ist Umfragen zufolge eine Kleinstpartei, die auch schon mal Arbeiteraufstände niederschlagen ließ und unter Gerhard Schröder die Hartz-IV-Gesetze eingeführt hat.

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Mitgetragen haben das damals die Grünen, die immerhin nie vorgegeben haben, eine Partei der arbeitenden Klasse zu sein. Sie wollen vor allem das Klima retten – dem zu viel Arbeit ebenfalls schadet. Denn Bau-, Fleisch- und Autoindustrie emittieren massiv CO2. Eine Rebellion gegen die Regierung haben die Grünen bislang trotzdem nicht gestartet.

Und was ist mit den Gewerkschaften? Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, die beim derzeit tagenden Bundeskongress wiedergewählt werden will, hat im Deutschlandfunk reagiert: Die Deutschen seien kein „Volk von Faulenzern“, wie die Koalition es darstelle. Doch zu Massenstreiks oder Großdemonstrationen ruft Fahimis eng mit der SPD verbandelter Verbund nicht auf. Auf seiner Webseite findet sich nicht einmal eine Pressemitteilung zur geplanten Arbeitszeitausweitung. Dabei wünschen sich mehr als 80 Prozent der Beschäftigten nicht mehr, sondern weniger Arbeit – also eine Viertagewoche.

Während in anderen Ländern angesichts der Angriffe aufs Arbeitsrecht längst ein Generalstreik ausgebrochen wäre, kann man hierzulande von entschlossenen Kämpfen – so wie damals für den Achtstundentag – bloß träumen. Sind es in Wirklichkeit also die deutschen Gewerkschaften, die zu faul sind?

Immerhin die Linkspartei hat nun zu Protesten gegen den Sozialraub aufgerufen. Hoffentlich vergisst die gesellschaftliche Linke ihre Spaltungen kurz und geht mal wieder gemeinsam für materielle Anliegen auf die Straße. An die Arbeit, Leute, es wird Zeit!

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Lotte Laloire
Lotte Laloire ist Mitte 30 und immer noch links. Als taz-Redakteurin im Ressort "taz.eins" sowie im Online-Ressort "Regie" interessiert sie sich besonders für politische Strategien, Feminismus, Antifa, Die Linke und die Türkei. Sie ist Herausgeberin des Buchs "Trouble on the Far Right: Contemporary Right-Wing Strategies and Practices in Europe" (Transcript, 2016) und ausgebildete Surflehrerin.
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7 Kommentare

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  • Nette Diskussion, wenn ich mich über Verdi im öffentlichen Dienst bewege... Klar, da kann ich auf dem Achtstundentag bestehen. Für viele Arbeitnehmer in der 'richtigen' Wirtschaft ist das eine Scheindiskussion, die arbeiten of mehr, ob mit oder ohne spätere Kompensation. Oder die, die eineinhalb oder zwei Jobs haben, um über die Runden zu kommen. Am Ende streikt der ÖD, erpresst die Gesellschaft und bekommt seine Zugeständnisse. Und der Rest? ...für den ändert sich nichts.

  • Ich hatte mir von der "Digitalen Revolution" mehr versprochen - nämlich, dass wir alle weniger arbeiten müssen. Wie kommt es also, dass wir alle mehr arbeiten sollen, wenn doch beispielsweise in den Fabriken immer mehr Arbeiten vollautomatisiert ablaufen?

    • @Il_Leopardo:

      Einerseits muß es Menschen geben, die auf die mechanischen Deppen aufpassen. Andererseits, wenn man mit weniger Arbeitern auskommt, kann man ja die Arbeiter behalten und einfach mehr Anlagen hinstellen - größere Stückzahlen = größerer Profit. Man kann auch zusätzlich Druck aufbauen, wenn genügend Arbeitslose auf der Straße rumpurzeln, dann wird der Arbeiter aus Angst auch mal ein wenig billiger, noch mehr Profit. Es geht nicht um das Wohl der Menschheit sondern um das Wohl einiger Weniger, da muß Hånschen und Hanseline auch mal zurückstecken können.

      • @Wurstfinger Joe:

        Nun - dann hilft nur eines: Für den Achtstundentag auf die Straße gehen. Mit immer mehr Produkten die Welt überfluten ist auch ökologisch eine Katastrophe.

        • @Il_Leopardo:

          Das stimmt schon, es interessiert nur zu wenige.

  • Mit dem schamlosen Wechsel Fahimis von der SPD-Bundestagsfraktion direkt an die DGB-Spitze ist die unheilvolle Verquickung von Sozialdemokratie (ihre heutigen Ziele sind vor allem das Schleifen von Arbeitnehmerrechten und der Sozialabbau) und Gewerkschaften nochmal eine Umdrehung angezogen worden. Das verheißt nichts Gutes für Arbeitnehmer und wird die Gegenwehr gegen diese Machenschaften der Koalition nochmal mehr schwächen.

    • @Tiene Wiecherts:

      Leider war es in der Geschichte oft so, dass konservative Regierungen die unangenehme Aufgabe des 'Schleifens von Arbeitnehmerrechten' (die 'Drecksarbeit' würde Merz sagen) der SPD überliesen. Sie sollte sich dazu nicht mehr missbrauchen lassen, wenn ihr das eigenes Überleben wichtig ist.