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Angriff via SignalErst mal prüfen, wer da schreibt

Klaudia Lagozinski

Kommentar von

Klaudia Lagozinski

Niemand ist vor Cyberangriffen gefeit. Wer wachsam ist, kann sich vor den Tätern, die auf Messenger-Apps unterwegs sind, schützen.

Aufgepasst: Jetzt nicht den gleichen Fehler machen. Wenn sich bei Signal ein „Support-Mitarbeiter“ meldet, gilt Warnstufe rot Foto: Fabrizio Bensch/reuters

E s kann jeden erwischen. Dass Politiker jüngst Opfer von Cyberkriminellen geworden sind, ist nur die Spitze des Eisbergs. Schon vor Monaten berichteten Signal-Nutzer in Foren davon, dass sie von einem vermeintlichen „Signal-Support“ dazu aufgefordert wurden, Zugangsdaten preiszugeben. Dass das Thema nun medial präsent ist, liegt daran, dass Personen des öffentlichen Lebens betroffen sind.

Ein Hack – klingt erstmal komplex und ausgeklügelt. Dabei erfordert das aktuelle Vorgehen der Signal-Angreifer wenig technisches Know-how. Sie arbeiten mit psychologischer Manipulation, mit künstlich erzeugtem Druck – Social Engineering nennt sich das. Und Menschen glaubwürdig über Ländergrenzen und Sprachbarrieren hinweg effizient zu manipulieren, wird durch KI noch einfacher.

Einzige Gegenmittel sind Wachsamkeit und Skepsis. Dass Signal als sicher gilt, war für die Angreifer noch von Vorteil, wenn die Nutzer des Messenger-Dienstes aufgrund des guten Rufs von Signal nichts Böses ahnten. Die Schlagwörter „verschlüsselt und unabhängig“ suggerieren, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Dieser Trugschluss könnte begünstigt haben, dass sich Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und viele andere nichts dabei dachten, als sie vom „Signal Support“ kontaktiert wurden, der ihnen mitteilte, dass sie jetzt sofort handeln müssen, weil sie angeblich gehackt wurden.

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Dabei begann der wirkliche Angriff erst durch diese Interaktion. Statt in Panik zu verfallen, wenn man irgendwo im Internet zu sofortigem Handeln aufgefordert wird, sollten sowohl Politiker als auch Privatpersonen erst mal tief durchatmen. Dann googeln oder mit jemandem darüber sprechen. Nur so besteht die Möglichkeit, den Betrug zu erkennen. Denn selbst die beste Sicherheitsinfrastruktur hat eine Schwachstelle, wenn sie von Menschen verwendet wird: den Menschen selbst.

Solange es Nutzern nicht gelingt, zu erkennen, dass sie getäuscht werden, solange sie zu wenig über Cybersicherheit wissen, werden böswillige Akteure diese Schwachstellen finden und ausnutzen.

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Klaudia Lagozinski
Nachrichtenchefin & CvD
Immer unterwegs. Schreibt meistens über Kultur, Reisen, Wirtschaft und Skandinavien. Meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch und Schwedisch. Seit 2020 bei der taz. Master in Kulturjournalismus, in Berlin und Uppsala studiert. IJP (2023) bei Dagens ETC in Stockholm.
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21 Kommentare

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  • Tja, Medienkompetenz im Neuland, wa? Nun kommen aus der Politik gewohnt unterirdische Hinweise wie "Signal auf Bundesebene nicht mehr benutzen" oder Nebelkerzen, die vom eigenen Versagen ablenken sollen wie "vermutlich waren es die Russen". Himmel, hilf. Zum erstgenannten Vorschlag könnte man ebenso fordern, Telefon auf Bundesebene nicht mehr zu benutzen. Und zum zweiten Kommentar - es können genausogut irgendwelche Ranzbuden in Indien gewesen sein, die von Europol nicht konsequent versenkt wurden und werden. Aber wenn ein Bundesdatenschutzbeauftragter mal seinen Job ernstnimmt und Bundesbehörden wegen mangelnder Security abmahnt, erlebt er keine zweite Amtsperiode.

    Social Engineering ist keine Angriffsform, die sich technisch lösen lässt. Und nein, auch Vorratsdatenspeicherung hilft hier nicht, der Absender ist eh fake und die Zieladresse für die Phishingdaten längst Geschichte.

  • Täglich wird selbst in der Blödenpresse vor Phishing-Attacken gewarnt. Selbst Lieschen Müller und er kleine Moritz wissen inzwischen Bescheid. Wie kann man also immer noch so blöd sein?

  • Natürlich kann man mit etwas Vorsicht und weniger Naivität solche Vorfälle verhindern. In jeder Firma wird den Mitarbeitenden erklärt auf was sie zu achten haben.



    Aber letztendlich sollte Deutschland verstärkt in den Cyber-Krieg gegen den vermutlichen Verursacher Russland eintreten. Ich vermute, wir schauen da einfach wieder einmal nur zu, wie die im Kreml den hybriden Krieg gegen uns fahren. Wird also höchste Zeit für massivste Gegenwehr.

  • Das allererste wäre doch ein whatsapp-Verbot. Der Betreiber Meta verlangt Zugriff auf die persönliche Kontaktliste, ohne das explizite Einverständnis jedes einzelnen Kontakts - grober DSVG-Verstoß der Dank EU-Kusch-Mentalität still geduldet wird.



    Und wer heute noch auf diese plumpen Phishing-Versuche reinfällt, dem und der sollte man eine verpflichtende Smartphone- und Internetschulung auferlegen.



    Clemens aus Hamburg

  • Statt "Sicherheitstipps" für Gratis-Apps zu geben, die von Politikern eh nicht verstanden werden, wäre es notwendig Geld in professionelle Sicherheitslösungen zu investieren. Wer über "freie" Apps wie Signal kommuniziert, stellt ein Sicherheitsrisiko dar! Und da ist es egal, ob die Angriffe von russischen, chinesischen, amerikanischen oder anderen Akteuren stammen.

    Welche Summen haben deutsche Politiker wohl bereits für Angriffe durch Ransomware gezahlt, statt Geld in professionelle Sicherheitslösungen zu investieren? Oder soll man glauben, dass ausgerechnet Bundespolitiker von diesen Kriminellen verschont werden, während praktisch jedes mittelständische Unternehmen mit diesem Problem konfrontiert ist?

    • @Rudi Lipp:

      Was ist jetzt an "freien" Apps wie Signal oder Wire mit Ende zu Ende Verschlüsselung die ja Open Source sind unsicher? Meinen Sie echt proprietäre Software die man teuer bezahlt ist da automatisch sicherer?

    • @Rudi Lipp:

      Eine sichere Messaging Lösung als Signal werden Sie nicht finden. Und gerade beim Thema Sicherheit ist quelloffene freie Software generell haushoch überlegen.

      Gegen die Dummheit der Nutzer kann die Software aber ohnehin nichts tun. "Hier ist der Support, Sie wurden gehackt, geben Sie mir Ihre Daten" ist der so ziemlich offensichtlichste Phishing Angriff - wenn man Nutzer hat, die da drauf reinfallen, ist jede Technik nutzlos.

      Ich würde mich eher Fragen, ob die Personen bei der IT-Sicherheitsschulung waren. Wenn ja, können Sie nicht besonders aufmerksam gewesen sein.

  • Wie müssen sich die IT-Expert:innen und Administratoren im Bundestag, der Verwaltung und den Fraktionen nach so einem Angriff fühlen? War die Rohrpostleitung verstopft, oder gerade keine Briefmarke für eine Postkarte zur Hand, um sie mal zu fragen?



    Herr und Frau Mustermann haben in der Regel niemanden um sich herum, den sie fragen könnten. Unsere politische Elite ist immer noch auf der Suche nach einem Wegweiser durch "Neuland"!

    • @Drabiniok Dieter:

      Als Admin würde ich sagen: Schatten-IT. Die lieben wissenden AnwenderInnen haben einfach keine Lust, sich an Regeln zu halten und benutzen statt der Dienstmobiltelefone ohne TikTok, WozDepp und BallaBalla lieber ihr privates Handy, auf dem ja all diese Apps genutzt werden, die auf dem Dienstgerät verboten sind.

  • Dass Signal als sicher gilt, war für die Angreifer noch von Vorteil, wenn die Nutzer des Messenger-Dienstes aufgrund des guten Rufs von Signal nichts Böses ahnten. ....



    ----



    Steht in jedem FAQ!



    Wenn "Fehler 119 = Change operator" !



    RTFM!



    Btw. Wenn Phishing Versuche" wie im Moment gerade bei "Entscheidern" solchen Erfolg haben, sollten KEIN Mitleid zu erwarten!



    Das ein Programm-Hersteller von "Sich aus" seine Nutzer kontaktiert ist genau so UNWAHRSCHEINLICH wie "MS$ haftet für Programmierfehler"!



    Diese "Uralt Technik" ist letztlich NUR möglich, weil USER massive Bildungslücken haben!



    Und damit meine ich nicht ältere Damen & Herren, die Ihr Smartphone als "Enkelkinder-Fotoalbum" nutzen.



    Gemeint sind "Entscheider" die es oft "unverschämt finden" wenn Ihnen IT-Profis "sichereres arbeiten mit IT" erklären wollen!

  • Jetzt mal ehrlich, wer derzeit auf derartiges noch reinfällt dem ist schwer zu helfen. Z.b. alle Banken mit denen ich zu tun habe weisen schon seit Jahren darauf hin, dass sie nie Mails mit irgendwelchen Links verschicken sondern höchstens darauf hinweisen man solle sich wie bekannt im Portal/der App anmelden.



    Das gilt auch für alle anderen Zugänge. Ansonsten merk ich mir doch auch nicht alle Passwörter und könnte die bei so einem Phishing-Link garnicht spontan eingeben.



    Es gibt ja als Hilfe auch Software zur Passwortverwaltung wie Keepass, die dann z.b. auch warnen, weil dort auch die richtige Adresse zum Passwort hinterlegt ist.



    Für mich auch eher ein Zeichen, wie fröhlich denkbefreit Frau Klöckner so unterwegs ist.

    • @Axel Schäfer:

      Eigentlich sollte es für normal vorsichtige Menschen unmöglich sein auf "Phishing" reinzufallen. Für Politiker gilt das ganz offensichtlich nicht: "Bundestagsvizepräsidentin will Messenger verbieten"

  • Von führenden Politikern sollte man eigentlich erwarten können, dass sie nicht auf solche ziemlich plumpen Phishing-Attacken hereinfallen.

    Das war kein komplexer Social Engineering-Angriff sondern einfach eine Nachricht von eine Fake-Signal Support. Unglaublich.

  • Tja, solange die finanzielle Unterstützung für Aufklärungsarbeit, wie sie auch in diesem Artikel erfolgt, immer mehr eingestellt wird ( Wa, liebe Frau Ministerin), sicher auch weil viele Abgeordneten zu naiv sind oder selbst nicht wissen wozu diese Aufklärung führen wird, solange ist es auf diesem Weg ein Leichtes, selbst Menschen in hohen Ämtern mit vermeintlich höchstem Informationsgrad mit social ingeneering auf den Laim zu führen.



    Wen wundert da noch die Qualität der beschlossenen Gesetze und Verordnungen, wie zuletzt im Verteidigungsministerium. Und der Kanzler redet von mehr Arbeiten. Fasst Euch doch selbst mal an der Nase und arbeitet endlich in dem hohen Maße wie wir Euch dafür bezahlen. Die Übephase ist schon lange rum, Herr Merz.

  • "erst mal tief durchatmen. Dann googeln" - was sollen wir da googeln?

    • @Brot&Rosen:

      "signal support betrug" dann nach der Seite suchen, auf der der Messengerdienst beschreibt, wie er Nutzer kontaktiert und wie nicht. Nebenbei sieht man in den Suchergebnissen, ob es aktuelle Nachrichten zu Betrugsversuchen gibt.

    • @Brot&Rosen:

      Zb. ob die Plattform überhaupt solche Mails verschickt oder ob aktuell eine Phishing Kampagne läuft.

  • Na, endlich spricht mal jemand das eigentliche Problem an! Das sind nämlich nicht "russische Hacker", sondern die Unbedarftheit der Benutzer.

    • @XXX:

      Jein. Unbedarfte Nutzer:innen gibt es auch in jedem Großunternehmen. Aber die nutzen relativ teure professionelle Sicherheitslösungen, um sich vor Wirtschaftsspionage und anderen Formen der Cyberkriminalität zu schützen, weil die hierdurch entstehenden Kosten noch ein Vielfaches höher wären. Offenbar haben jedoch deutsche Behörden dafür keinen Etat.

      • @Rudi Lipp:

        Keine noch so teure Sicherheitslösung hätte hier geholfen. Und ob die in Sachen Messaging sicherer als Signal wäre, ist allgemein fraglich.

    • @XXX:

      Wobei die Phishing Kampagne ja doch aller Wahrscheinlichkeit nach durch Russland initiiert wurde.

      Großes Lob allerdings an die TAZ als eines der wenigen Medien die den Vorgang nicht fälschlicherweise als "Hack" bezeichnet haben.