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FriedensbewegungOstermärsche gestartet

Tausende gehen für Frieden und Abrüstung auf die Straße. Gewarnt wird auch vor dem Bau deutscher Atombomben: Möglich macht den die Urananreicherungsanlage in Gronau.

In Gronau forderten rund 120 Menschen „Kriege stoppen – Frieden und Abrüstung jetzt“ Foto: Andreas Wyputta/taz

Aus Gronau und Bochum

Andreas Wyputta

Mit der Forderung „Kriege verweigern – Frieden schaffen“ haben die Ostermärsche begonnen, zu denen die Friedensbewegung allein am Samstag an rund 70 Orten insgesamt mehrere 10.000 Menschen erwartet hat. Kundgebungen gab es etwa in Berlin, Duisburg, München, Stuttgart. Allein in der Bundeshauptstadt kamen rund 1.600 De­mons­tran­t:in­nen zur Auftaktkundgebung im Mauerpark im Prenzlauer Berg. In Bremen, Mannheim und Kassel waren es jeweils etwa 800, Wiesbaden und Fulda jeweils rund 500.

Schon am Freitag hatte es Ostermärsche etwa rund um Deutschlands einzige Urananreicherungsanlage im münsterländischen Gronau, vom Neumarkt in Chemnitz und zum Bundeswehr-Fliegerhorst Jagel bei Schleswig gegeben. Erste Aktionen fanden bereits am Gründonnerstag etwa in Regensburg, Erfurt und Jena statt.

In Gronau forderten rund 120 Menschen ab Freitagmittag unter dem Motto „Kriege stoppen – Frieden und Abrüstung jetzt“ ein Ende des Tötens nicht nur in der Ukraine und im Nahen Osten. „Die aktuelle Politik bedeutet unendliches menschliches Elend durch Tote und Verletzte, Flüchtlinge in vielen Ländern – und ökologische Katastrophen etwa durch Bombardierung von Anlagen der Ölindustrie“, mahnte Ostermarsch-Organisator Udo Buchholz. Gleichzeitig warnte er vor der „militärischen Brisanz“ der dortigen Urananreicherungsanlage (UAA): Schließlich die sichere Deutschland den „den Status einer stillen Atommacht“, kritisieren Frie­dens­de­mons­tran­t:in­nen und Atom­kraft­geg­ne­r:in­nen seit Jahren.

Denn die Gronauer UAA, die 30 bis 40 große Atomkraftwerke (AKW) beliefern und damit knapp 10 Prozent des weltweiten Bedarfs an Atombrennstoff decken kann, nutzt die gleiche Zentrifugen-Technik wie die iranischen Urananreicherungsanlagen in Natans und Fordo, die das US-Militär im März 2026 und zuvor im Juni 2025 bombardiert hat. Begründung der US-Regierung: Dort solle Material für Atomwaffen hergestellt werden.

Noch wird in Gronau Uran nur bis zu einem Prozentsatz von rund 5 Prozent angereichert, wie es für konventionelle AKW benötigt wird. Doch die UAA-Betreiberfirma Urenco arbeitet längst an höheren Anreicherungsgraden, wie sie etwa für sogenannte „Small Modular Reactors“ (SMR) benötigt werden: Auf diese Mini-AKW setzen Po­li­ti­ke­r:in­nen wie etwa die EU-Kommissionsvorsitzende Ursula von der Leyen (CDU), die von einer Renaissance der Atomkraft träumt und den Atomausstieg für einen „strategischen Fehler“ hält.

Für den Betrieb der SMR aber ist Uran von einem Anreicherungsgrad von bis zu 20 Prozent nötig – sogenanntes „High-Assay Low-Enriched Uranium“ (HALEU). Urenco beschreibt sich selbst als „Pionier“ in der HALEU-Produktion – und wolle wohl auch dazu in den kommenden Jahren rund eine Milliarde Euro in Gronau investieren, fürchten Atomkraftgegner:innen. Damit sei der Weg frei für noch höhere Anreicherungsgrade von 90 Prozent und mehr, wie sie für den Bau von Atomwaffen benötigt werden, warnte etwa der Diplom-Ingenieur Reinhard Övermann: „Hier in Gronau wird bereits jetzt und heute der Bau von Atombomben vorbereitet“, erklärte er am Freitag in einem Redebeitrag vor der UAA.

Das „unerträgliche Geschrei nach der Atombombe“ müsse aufhören, forderte auch Heiner Möllers von der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“, die weiter gegen die drohenden 151 Castor-Transporte mit hochradioaktivem Atommüll mitten durch NRW kämpft. Im Blick dabei: CDU-Bundestagsfraktionschef Jens Spahn. Der aus dem münsterländischen Borken stammende Christdemokrat hatte im vergangenen Sommer eine „Debatte über einen eigenständigen europäischen nuklearen Schutzschirm“ („Debatte über einen eigenständigen europäischen nuklearen Schutzschirm“ gefordert – mit „deutscher Führung“.

Noch weiter vor wagte sich Anfang des Jahres der Bundeswehr-Brigadegeneral Frank Pieper. „Deutschland braucht eigene Atomwaffen“, schrieb der „Direktor Strategie“ an der Führungsakademie der Bundeswehr in einem als „ausschließlich persönliche Meinung“ deklarierten Beitrag bei Instagram. Und zumindest über ein europäisches System nuklearer Abschreckung zusammen mit den Atommächten Frankreich und Großbritannien denkt offenbar auch CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz nach. „Wir Menschen sind die einzige Spezies, die den eigenen Lebensraum zerstören können – und es auch ziemlich erfolgreich tun“, hielt mit Blick auf die Atomwaffen-Diskussion Gertrud Roth als Vertreterin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands dagegen.

Gewarnt wurde in Gronau auch vor den Gefahren durch die UAA selbst. Die Anlage sei nicht wie in Iran „tief in einem Berg versteckt“, sondern liege in einem Industriegelände auf „einem riesigen Präsentierteller“, erklärte der Ingenieur Övermann, der nur etwa 20 Kilometer entfernt in Steinfurt lebt. Dies sei nicht nur „eine direkte Einladung für Putins Drohnen“ – überhaupt sei die nur mit Maschendrahtzäunen umgebene Anlage völlig unzureichend geschützt.

Denn in Gronau lagern schon heute 51.000 Tonnen abgereicherter Atommüll in Form von Uranhexafluorid in mehr als 4.000 Fässern unter freiem Himmel. Sollte deren Inhalt etwa durch Anschläge freigesetzt werden und mit der Feuchtigkeit der Luft reagieren, entsteht hochgiftige Flusssäure – und von der seien schon geringste Mengen tödlich, warnt Övermann. Bei „ungünstigsten Wetterlagen“ könne es „zu schweren gesundheitlichen Schäden kommen, wenn der dabei auftretende, deutlich sichtbare Flusssäurenebel nicht gemieden wird“, warnt selbst Urenco in einer nach Strahlenschutzverordnung vorgeschriebenen Information der Öffentlichkeit.

Weitere Friedens-Demos soll es auch am Sonntag und Montag geben. Der am Samstag in Duisburg gestartete Ostermarsch Rhein-Ruhr führt auf seinem Weg nach Dortmund über Essen, Gelsenkirchen, Herne und Bochum. Am Montag sind Abschlusskundgebungen etwa in Frankfurt am Main, Hamburg, und Nürnberg geplant – und am Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz: Dort lagern Atomwaffen der USA, auf die die Luftwaffe im Zuge der „nuklearen Teilhabe“ Deutschlands zugreifen kann.

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