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Todesstrafe in IsraelVon Deutschland ist keine Moral zu erwarten

Pauline Jäckels

Kommentar von

Pauline Jäckels

Jahrelang haben seine Alliierten Israel mit dem Massentöten durchkommen lassen, weil es ihre Interessen bedient. Überraschen sollte der Schritt nicht.

Itamar Ben-Gvir (M), rechtsextremer Polizeiminister, und Abgeordnete feiern, nachdem das israelische Parlament den Gesetzentwurf gebilligt hat Foto: Itay Cohen/ap/dpa

I srael führt die jahrzehntelang ausgesetzte Todesstrafe wieder ein. Und es ist klar, dass diese ausschließlich gegen Palästinenser angewendet werden soll. Denn für israelische Militärgerichte, die über Palästinenser aus dem Westjordanland urteilen, ist die Vollstreckung der Todesstrafe per Hängen für Morde an Israelis künftig obligatorisch.

Zivilgerichte, die über israelische Siedler im besetzten Westjordanland richten, haben bei der gleichen Tat die Wahl zwischen der Todesstrafe und einer lebenslangen Haftstrafe. Extremistische Siedler sind von dem Strafmaß ohnehin ausgenommen. Denn die Todesstrafe darf nur dann verhängt werden, wenn sich die Tat „gegen das Existenzrecht Israels“ richtet.

Für diese Form der juristischen Ungleichbehandlung – in diesem Fall in ihrem extremsten Ausmaß – gibt es einen Begriff: Er lautet Apartheid. Der Schritt ist furchtbar und ganz eindeutig absolut falsch. Wirklich überraschend ist es aber nicht, dass das israelische Parlament der Gesetzesinitiative der rechtsextremen Regierungspartei „Jüdische Stärke“ zugestimmt hat.

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Zehntausende Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen wurden in den vergangenen Jahren von Israel hingerichtet. Per Bombe statt per Strick und ganz ohne Gerichtsurteil. Als Legitimation dafür reichte aus, dass sie sich gerade in der Nähe eines Hamas-Kämpfers befunden haben sollen. Das Gesetz zementiert im Recht, was längst Basis des israelischen Regierungshandelns ist: dass palästinensisches Leben nicht schützenswert und damit essenziell weniger wert ist als jüdisches.

Genauso wenig überrascht die Reaktion der Bundesregierung. Mit „großer Sorge“ sehe sie den Schritt ihres Wertepartners. Eine klare Verurteilung? Fehlanzeige. Dass auf das läppische Statement tatsächliche Konsequenzen folgen, ist kaum zu erwarten.

Trotzdem fordern die üblichen Akteure jetzt die Bundesregierung auf, bitte endlich Schritte wie eine Aufkündigung des EU-Assoziierungsabkommens einzuleiten. Das ist prinzipiell richtig. Aber es ist – das sollte inzwischen bekannt sein – vergebens. Eine tatsächliche Distanzierung von Israel ist schlicht nicht im deutschen Interesse.

Die Hauptziele der Bundesregierung sind Wirtschaftswachstum und Aufrüstung. In beidem ist die Allianz mit der Netanjahu-Regierung nützlich. So könnte etwa VW seinen Wachstumswegbruch nun dadurch ausgleichen, dass es Teile für den israelischen Iron-Dome herstellt. Und auch die eigene Aufrüstung kauft sich Deutschland in Israel ein.

Die Bundesregierung wird erst dann anders handeln, wenn sie andere Ziele verfolgt. Darauf gilt es politisch hinzuarbeiten, statt eine Moral einzufordern, die als Handlungsmaxime keine Relevanz hat.

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Pauline Jäckels
Meinungsredakteurin
Redakteurin im Meinungsressort seit April 2025. Zuvor zuständig für die parlamentarische Berichterstattung und die Linkspartei beim nd. Legt sich in der Bundespressekonferenz gerne mit Regierungssprecher:innen an – und stellt manchmal auch nette Fragen. Studierte Politikwissenschaft im Bachelor und Internationale Beziehungen im Master in Berlin und London.
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14 Kommentare

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  • Warum macht Deutschland das? Die Frage läßt sich nicht ohne etwas Tiefenpsychologie beantworten. Oberflächlich ist es die Abhängigkeit von den USA insgesamt, und die Abhängigkeit von bestimmten israelischen Gütern (Rüstung, Pharma, …). Etwas tiefer gelegen das innen-und außenpolitische Image der Deutschen (> Adenauers Streben), und noch tiefer wird's interessant: anstatt daß die in ganz Europa gepflegte Judenfeindlichkeit nach 1945 endlich selbstkritisch angeschaut, aufgelöst und bestenfalls in Freundschaft verwandelt wurde, hat man es sich bequem gemacht, dem (teils terroristischen) Drängen der Zionisten nachgegeben, und sich durch die Staatsgründung Israels der inneren Arbeit entledigt. — Wir Menschen neigen nunmal dazu, innere Probleme zu externalisieren.



    Aus unserer faschistischen Weltkriegs-Vergangenheit zu lernen hieße, weltweit Menschenrechte zu verwirklichen. Stattdessen sind wir führend im Welt-Wirtschaftskrieg Arm gegen Reich (>Warren Buffet), der die Existenz allen natürlichen Lebens auf der Erde ausbeutet und letztlich vernichtet. Das Existenzrecht Israels sichern, brauchen wir auch zum entlastenden Selbstbetrug, tiefenpsychologisch gesprochen.

  • In Diplo-Sprech ist die Reaktion schon ungewöhnlich scharf ausgefallen, würde ich sagen. "Große Sorge" ist ein ernster Ausdruck klarer Missbilligung und tiefer Verstimmung. Sie kommt normalerweise kurz vor der "Verurteilung", die wiederum unter Freunden eigentlich NIE vorkommt.



    Dass Deutschland immer primär Freund ist und seine "nie wieder"-Einstellung zum Holocaust nicht als Ermächtigung begreift, ausgerechnet Israel gegenüber als - auch strafender - Lehrmeister aufzutreten, ist allerdings wirklich eine sattsam bekannte Binse. Da gilt "primum non nocere". Netanjahu & Co. werden sich außer von den USA ohnehin nicht reinreden lassen sondenr allenfalls beleidigte Leberwurst spielen: Deutschland ist letztlich für Israel nicht wichtig genug, um mehr als wohlfeile Empörung zu ernten, wenn es erhobene Zeigefinger säht.



    Hingegen sind Jene, die unserem Land geschichtsbedingt NICHT zugestehen, uns moralisch auf einen Richterstuhl über Israel zu setzen, außerhalb "israelkritischer" linker Blasen immer noch deutlich in der Überzahl, und so Untercht haben sie auch nicht: Es gibt SEHR viele Nationen, denen so eine moralisch hochtrabende Rolle deutlich besser zu Gesicht steht.

    • @Normalo:

      Deutschland als Souverän hat die Menschenrechte in seiner Rechtsordnung verankert. Das verpflichtet und zwar nicht zum Wegsehen.

      Daher sollten die Grenzen in denen innenpolitische Interessen die Außenpolitik bestimmen, spätestens da unumstößlich sein wo systematische Verstöße gegen das Völkerrecht und Verletzungen der Menschenrechte stattfinden.

      Diese Ausrede mit den Bezug auf die historischen Ereignisse glaubt ausserhalb Deutschlands sowieso keiner mehr. Und sie interessiert auch keinen, weder in Europa und erst recht nicht im globalen Süden. In diesen Ländern stellt man sich ganz andere Fragen in Bezug auf Deutschland.

      Und es geht bei Interventionen gegenüber anderen auch Staaten nicht um das Gewicht eines Staates sondern um die Staatenpraxis.

      Länder wie Spanien haben das verstanden nicht nur in Bezug auf Israel. Deutschland schaut wie immer weg und ist auf dem besten Wege eine Regierung die ihr Land schrittweise in Richtung eines Apartheidsstaates führt zu festigen indem es Sanktionsmaßnahmen der EU seit Jahren blockiert, Waffen exportiert und die Handelsbeziehungen intensiviert.

      Wäre mir als Bürger peinlich.

      • @Sam Spade:

        "Wegsehen" ist es ja nicht (wie oben dargestellt). Nur wenn es ans Sanktionieren geht, sehen unsere Regierungen immer schon Deutschland ganz hinten in der Reihe der Länder, die bereit sind, dem Land zu schaden. Israel ist eben nicht nur Netanjahu, und die historische Verantwortung Deutschlands schlägt sich schon in der Tatsache nieder, dass es dieses Land in seiner, von den Nachbarn weitgehend gehassten, Situation überhaupt gibt. Für mich ist das keine "Ausrede".



        Und wofür wäre es auch eine? Die dicke Freundschaft zu Netanjahu? Den und seine kriminelle Bande kann in Berlin keiner leiden - wahrscheinlich, aus eher fiesen Gründen, selbst die AfD, wenn sie mal ehrlich wäre.



        Gigantische Exporte nach Israel gibt es auch nicht zu schützen. Die gut 6 Mrd. € machen gerade mal 0,4% unseres Exportvolumens aus (und in Bezug auf militärische Ausrüstung ist der Anteil noch kleiner). Ich wüsste also nicht, wo der materielle Wert dieser Staatsräson läge. Monetarisiert man die Friktionen, die sie verursacht, ist sie wahrscheinlich sogar ein volkswirtschaftliches Minusgeschäft.



        Von daher meine ich die Frage oben durchaus ernst: Welche sinistren Absichten sehen Sie denn hinter der deutschen Linie?

        • @Normalo:

          Sinistre Absichten hinter der deutschen Linie?



          Nur zum Spaß mal das Lexikon befragt: sinister = düster, unheilvoll, links



          :-)

  • Der Verweis auf das Völkerrecht wird abgeschmettert, interessanterweise gerade mit Hilfe moralischer Argumente. Moral soll man anderseits nicht einfordern weil als Handlungsmaxime irrelevant. Ja was bleibt dann noch?

    „Die Bundesregierung wird erst dann anders handeln, wenn sie andere Ziele verfolgt. Darauf gilt es politisch hinzuarbeiten (…)“

    Wie diese Ziele aussehen könnten, darauf bleibt die Autorin die Antwort leider schuldig.



    Vielleicht sollte sich die deutsche Außenpolitik zuerst einmal darauf besinnen, dass Nibelungentreue gerade gegenüber einer rechtsradikalen israelischen Regierung nicht angebracht ist.



    Ein erster Schritt wäre mMn die Einbestellung des israelischen Botschafters gewesen. Mag zahnlos klingen, ist aber in der Sprache der Diplomatie ein deutliches Signal.



    Des Weiteren Stopp der Lieferung sämtlicher Rüstungsgüter an Israel, solange die Politik der Unterdrückung andauert.

  • Einige der Herren auf dem Bild tragen am Revers eine kleine Anstecknadel mit der Schlinge als Symbol für's Aufhängen. Das ist einfach nur obszön!

  • "Jahrelang haben seine Alliierten Israel mit dem Massentöten durchkommen lassen, weil es ihre Interessen bedient."

    Echt?

    "Die Hauptziele der Bundesregierung sind Wirtschaftswachstum und Aufrüstung."

    Für die Aufrüstung ist israelisches Knowhow sicher vorteilhaft aber nicht unbedingt notwendig, es gibt noch andere mögliche Staaten mit Expertise.

    Aber fürs Wirtschaftswachstum wäre ein Bündnis mit den Feinden Israels doch deutlich vorteilhafter. Aus rein wirtschaftlichen Interessen ist es schlicht unlogisch, es sich für 10 Mio. Israelis mit fast 2 Mrd. Muslimen (in tw. sehr ressourcenreichen Staaten) zu verscherzen.

    Und zudem werden in 20 Jahren Muslime Deutschland deutlich stärker prägen, so dass eine pro-israelische Haltung innen- wie außenpolitisch immer risikoreicher für die dt. Regierung sein wird.

  • ".. sehe sie den Schritt ihres Wertepartners ...", sorry, aber WELCHE Werte? Diese israelische Regierung tritt jüdische und christliche Werte mit den Schuhen. Die sind so scheinheilig wie deren Helfershelfer auf der anderen Seite des Ozeans. So tun als sei man, aber die Werte in den Dreck treten!

  • Das ist zwar richtig, damit sind aber die Aktivitäten der "üblichen Akteure" zwar vielleicht "vergebens" aber nicht sinnlos. Zum einen gibt es Gründe, an "Moral" festzuhalten, auch wenn sie für die gegenwärtige Bundesregierung nichts gilt. Zum anderen bleibt es wichtig – auch im Sinne des Hinarbeitens auf einen künftigen Wechsel – öffentlich zu zeigen, dass diese rassistische Politik nicht von allen geteilt wird.

  • Diese Betrachtung von Pauline Jäckels unterstreicht allerdings die Maximen der Verantwortlichen in der EU und auch in Deutschland:



    Das wirtschaftliche Geschehen ist dem der Menschenrechte, der Fairness, des Völkerrechts nachgeordnet. Das ist -sorry- heuchlerisch. Entweder haben wir "westliche Werte" die sich über den Profit hinaus erstrecken oder wir vergessen das möglichst schnell und agieren lieber offen und ehrlich nur für's Geld.

    • @Perkele:

      Entweder oder ... beides.



      Bisher war es profitabler, das A-Gieren für's Geld mit den "westlichen Werten" zu verschleiern. Das lehrte schon Machiavelli: wer Macht über das Volk haben will, muß als erstes lernen, was anderes zu sagen als er meint.



      Sun Tzu erklärt in Die Kunst des Krieges, wie man Kriege gewinnen kann, ohne sie führen: durch Täuschung, Lüge, Betrug. Trump, Putin, Xi, Netanjahu, Erdogan, Thiel, Zuckerberg, Musk, Bezos, ... sind die winzige Spitze des gigantischen Eisbergs an mehr oder weniger Mächtigen, deren Macht darauf beruht, daß man ihre Lügen glaubt und verbreitet.



      Die Sehnsucht der Menschheit nach ehrlichen, wohlwollenden, wahrhaftigen, aufrechten, verantwortungsbewußten Regierenden ist soo groß, ...

      • @Selbstauslöser:

        Ja, das ist richtig. Und dennoch, wir müssen ja nicht immer wieder die gleichen Fehler wiederholen, zumal in vollem Bewusstsein dessen was wir tun. Doch die menschlichen Eigenschaften "Ehrlichkeit" und "Gier" haben ein glasklaren Favoriten und das ist nicht die Ehrlichkeit....

        • @Perkele:

          Dank, Zustimmung, und kleine Erweiterung: wir müssen unsere Fehler nicht wiederholen, zumal in vollem Bewusstsein dessen, was wir SIND. Das ist es, was wir vergessen haben, woran wir uns erinnern müssen, um unsere Gier und die daraus folgenden Ängste bis zum Haß aufzulösen, und dann endlich das Richtige zu tun. Sonst haben wir keine Zukunft.