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Bremer V-Mann-SkandalWie Spiegel und CDU die Gewaltenteilung angreifen

Eiken Bruhn

Kommentar von

Eiken Bruhn

Medien und Politik drängen in Bremen einen linken Rechtsanwalt zum Rücktritt von seinem Amt als stellvertretender Richter. Der hatte nur seine Arbeit gemacht.

Aktionen wie diese vor dem ehemaligen Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg gehen auf das Konto der Interventionistischen Linken Foto: Georg Wendt/dpa

W ie war das mit der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Justiz? Im rot-grün-rot regierten Bremen wird dieser Verfassungsgrundsatz gerade trumpmäßig als Auslegungssache interpretiert: Exekutive und Legislative greifen beherzt in die Judikative ein, unterstützt von Medien, die auch als „vierte Gewalt“ bezeichnet werden, weil sie die anderen drei kontrollieren sollen. Von Kontrolle kann gerade keine Rede sein, von Gewalt umso mehr.

Was ist passiert? Alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft sowie der Präsident des Senats, der Volljurist Andreas Bovenschulte, hatten einen Bremer Rechtsanwalt gedrängt, von seinem Ehrenamt als stellvertretender Richter am Bremer Staatsgerichtshof, dem Landesverfassungsgericht, zurückzutreten. Anatol Anuschewski, Fachgebiet Migrationsrecht, kam dem am Dienstag nach. Zuvor hatten Medien sechs Tage atemlos über seinen „Fall“ berichtet, ohne die Lesart der Bremer CDU infrage zu stellen. Die tut so, als sei der Staatsgerichtshof mit Anatol Anuschewski von Linksextremisten unterwandert.

Auf die Idee gebracht hatte sie ein Artikel des Spiegel von vergangener Woche. In diesem geht es um die mutmaßliche Anwesenheit des Rechtsanwalts bei der Enttarnung eines Mannes, der für den Verfassungsschutz mehr als acht Jahre Bremer linke Gruppen ausspioniert haben soll, darunter die Interventionistische Linke (IL).

Deren Mitglieder konfrontierten den V-Mann am 6. Januar in seiner Wohnung mit ihrem Verdacht, den er bestätigte, wie sie auf ihrer Website schreiben. Die IL ist ein bundesweiter Zusammenschluss von „radikalen Linken“, die den Kapitalismus nicht verbessern, sondern abschaffen wollen. Sie beteiligen sich an Protesten gegen Kohleabbau, setzen sich für Geflüchtete und gegen Nazis ein.

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Weil sie zwar nicht zu Gewalt aufruft, diese aber auch nicht pauschal ablehnt, nennt der Bremer Verfassungsschutz die IL „gewaltorientiert“. Eine Beteiligung an Straftaten kann er der Gruppe nicht nachweisen, auch nicht nach jahrelangem Einsatz des V-Manns. Zu wie viel Gewalt jede Person, die schon einmal ein IL-Plenum besucht hat, bereit wäre, ist aber nicht entscheidend für den Vorwurf, den zuerst der Spiegel Anatol Anuschewski gemacht hat. Das Medium skandalisiert, dass er bei der Konfrontation des V-Manns dabei gewesen sein könnte.

Verstoß gegen die Schweigepflicht

Gesteckt hatte das vermutlich der Verfassungsschutz zwei Spiegel-Journalisten, als Rache für den aufgeflogenen Spitzel. Die beiden hatten Anuschewski nach eigener Darstellung in seiner Kanzlei heimgesucht und Auskunft begehrt über seine Rolle bei der Enttarnung. Und was macht ein Anwalt, der ohne Einverständnis der Man­dan­t:in­nen über sie reden soll? Genau, er hält die Klappe, weil ein Verstoß gegen die Schweigepflicht eine Straftat wäre.

Aber die Bremer Po­li­ti­ke­r:in­nen nehmen ihm nicht krumm, dass er sich ans Strafgesetzbuch gehalten hat, sondern vielmehr die Auswahl seiner Mandanten. Das wiederum alarmierte Ju­ris­t:in­nen aus Bremen und anderen Orten.

In gleich drei offenen Briefen warnten sie am Dienstag davor, Rechts­an­wäl­t:in­nen vorzuschreiben, wen sie zu vertreten haben – denn das wäre ein Verfassungsbruch. Weil sie ihre anwaltliche Unabhängigkeit in Bremen für gefährdet hält, trat am Donnerstag eine weitere stellvertretende Richterin am Staatsgerichtshof zurück, die Fachanwältin für Strafrecht Lea Voigt aus einer der renommiertesten Kanzleien der Stadt.

Die Bremer CDU hat unterdessen Misstrauensanträge gegen die beiden linken Se­na­to­r:in­nen in der Regierung gestellt, weil die Linke Anatol Anuschewski zwar jetzt auch den Rücktritt nahegelegt, ihn aber 2019 für das Amt des Verfassungsrichters vorgeschlagen hatte. Das geht sogar den Rechtspopulisten vom Bündnis Deutschland im Landtag zu weit. Sie würden die Anträge anders als die FDP nicht unterstützen, schreiben sie in einer Pressemitteilung. Den Senatorinnen sei persönlich nichts vorzuwerfen.

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Eiken Bruhn
Redakteurin
Seit 2003 bei der taz als Redakteurin. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; SG-zertifizierte Systemische Beraterin; in Weiterbildung zur systemischen Therapeutin.
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13 Kommentare

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  • Hat jemand was anderes von der rechtslastigen CDU erwartet. Die CDU ist so lange verfassungstreu wie es ihr nützt.

  • Zwar hat sich die "Bürgerschaft Bremen" das Denkmal "Die Bremer Stadtmusikanten" vor die Hütte gestellt - aber um die Bedeutung des Märchens wissen sie nichts. "Es ist eines der Märchen in der Grimm’schen Sammlung, „das auf die sozialutopischen Wünsche der Unterschicht in der bürgerlichen Gesellschaft“ eingeht." Statt dessen setzen Sie auf "faule" Instrumente, wie Verfassungsschutz, der einen psychisch labilen Menschen mißbraucht.

  • Die Trumpmethoden sind längst auch in D angekommen oder werden aus DDR- und/oder NS-Zeiten hervorgekramt. Rechtsruck? Na klar, alles was nicht stramm rechts ist, das ist volksgefährdend. Wenn schon der Spiegel -eine ehemals würdige Vertretung der freien Presse- dieses Treiben mitmacht, was ist dann noch alles möglich hier bei uns?

  • Wie in dem Andern angeblichen "Skandal" Artikel werden hier erneut einseitige und falsche Behauptungen aufgestellt! Im vorherigen Artikel gab es genügend Kommentare welche mehr Informationen geben weshalb es gut ist dass er zurückgetreten ist.

    taz.de/Bremer-V-Mann-Skandal/!6153435/



    www.weser-kurier.d...4igqe6nl4k467e2czq



    www.weser-kurier.d...j48qmvmib164kgq84r

  • Warum braucht eine 700000 - Kommune überhaupt einen eigenen Staatsgerichtshof und eigenen Rundfunk und ein Parlament, das



    35 Mio Euro p.a. kostet und sich das alles über den Länderfinanz-



    Ausgleich bezahlen läßt - ein teurer Anachronismus.

  • geht es eigentlich noch darum, was recht oder unrecht ist? oder geht es nicht vielmehr längst darum, einst 'normale' dinge - wie linke meinungen parteipolitisch zu skandalisieren, kriminalisieren und aus jeder mücke einen mega-aufgebauschten elefanten zu zaubern?

  • Immer wieder diese Aktionen, wo die CDU beweist, wie sie mit Linken umgehen möchte. Ich hab solche Angst vor diesen Menschen. Das sind doch die selben Handlungsmuster wie bei den Trump-Faschisten!

    Auch diese V-Mann Offenbarung macht mir Angst. Wie weit ausgebaut sind die Nachrichtendienste eigentlich? Wem kann man denn vertrauen, wenn so etwas geschieht? Der Geheimdienst der DDR ist bei seiner Auflösung aufgeflogen, und heraus kam: Die haben sich alle gegenseitig bespitzelt. Wenn man das so machen kann, warum sollte das hier anders sein und welche Garantie habe ich dann, das es anders ist wenn es sowieso geheim ist?

    An das Recht hält man sich bei Bedarf halt einfach nicht. So wie in diesem Fall.

    Bevor ich mich hier nur auf die CDU festlege: Für die Aktion gehört auch Herr Bovenschulte vor Gericht. Den V-Mann hätte man nie beschäftigen dürfen. Die daraus resultierende Angst in linken Kreisen ist eine schwerstwiegende Beschädigung des Rechtsstaates und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und weil Bremen nunmal ein Stadtstaat ist noch einmal in besonderem Ausmaß. Städte = Sekten? Hier werden unerträgliche Zustände beschworen.

  • Wenn ich mir die Befindlichkeiten der beteiligten Verfassungsschutzmenschen so durch den Kopf gehen lasse, erinnert mich das doch sehr an alte Zeiten. Und diese werden die Tage wieder sehr stark politisch aufgewärmt. Weil eine Fassade Farbspritzer erfährt wird gleich versucht eine NGO kalt zu stellen. Hätte ihc das bei meinem Hau letztes Jahr auch machen sollen, als ich keine Unterstüptzung von der Polizei erfuhr, aber Hinweise auf den Täter aus dem rechten Spektrum hatte.



    Meine Güte, als gäbe es diser Tage nichts Wichtigeres wärend Menschen nur 3.00 km von uns entfernt in einem Terrorkrieg dahingeschlachtet werden und in unserem Land dazu nur heiße Luft verbreitet wird. Das war damals anders gedacht wenn die dritte und vierte Generation mal die Verantwortung für unser Land übernehmen muß, weil die braunen Schlächter wieder an die Oberfläche gespült werden.

  • Ja witzig. Gerade ist in der ZEIT ein Kommentar von Fratzscher, warum die AfD eine Gefahr für Wirtschaft und Demokratie ist. Einer der Punkte ist natürlich der Angriff auf die Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit der Justiz. Da schrieb ich noch: und in der nächsten Folge dann, warum die cdU/csU eine Gefahr dafür ist. Mit den selben Gründe.



    Warum die Menschen immer noch glauben, die cdU sei "christlich" oder "demokratisch" kann nur noch mit gedankenloser Gewohnheit erklärt werden. Der oberste Hüter des Rechtsstaates, der Innenminister, scheißt auf Gerichtsurteile und Gesetze (auf Menschenrechte sowieso), die cdU im Bundestag diskreditiert das Verfassungsgericht auf das Übelste, eine rechtspopulistische Hetzkampagne gegen machtlose Schichten jagt die nächste und die Menschen erzählen Märchen von einer cdU, die angeblich "Mitte rechts" sei. Ich lach mich tot.

    • @Jalella:

      Danke, sehr einverstanden,

  • W ie war das mit der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Justiz?

    Unabhängikkeit der Justiz? Seit der Aktion im BT wissen wir alle, damit ist, war und wird es nicht weit sein. Erklärt auch das ein oder andere Urteil.

  • Merkwürdige Haltung einer rot-grün-roten Regierung.

  • Mir ist nicht klar, ob ein ehrenamtlicher Richter genau so unabhängig ist wie sein beamteter Kollege, falls ja, wurde er nicht zum Rücktritt gedrängt, weil das unmöglich ist sondern er hatte einfach nicht die nötige Standhaftigkeit für dieses Amt.