piwik no script img

Zuwanderer verlassen SüdafrikaKein Gemüse, kein Friseur, kein Gärtner, kein Bauarbeiter

Über 160.000 afrikanische Zuwanderer sind aus Südafrika geflohen. Das hat drastische Auswirkungen – vom Kleinhandel in den Townships bis zu Großfarmen.

Aus Harare und Johannesburg

Savious Kwinika, Akani Chauke und Marcus Mushonga

Nach den ausländerfeindlichen Kampagnen der vergangenen Monate in Südafrika haben über 160.000 afrikanische Migranten das Land verlassen. Allein Simbabwe hat mittlerweile 108.360 Rückkehrer aufgenommen, wie aus den neuesten amtlichen Zahlen von dieser Woche hervorgeht. 46.890 kehrten offiziellen Angaben zufolge nach Malawi zurück.

An dritter Stelle liegt Mosambik, das 2.000 Rückkehrer meldet, allerdings nur die von der Regierung zurückgeholten – die Gesamtzahl der Rückkehrer wird auf rund 20.000 geschätzt. Nigeria hat 1.490 seiner Staatsbürger aus Südafrika repatriiert, Ghana 926. Weitere Rückkehrer vermelden Uganda, Lesotho, Kenia und die Demokratische Republik Kongo.

An Südafrikas verkehrsreichstem Grenzübergang Beitbridge nach Simbabwe wickelt das gemeinsam von Simbabwes Regierung und der UN-Migrationsorganisation IOM (International Organisation for Migration) betriebene „Beitbridge Reception and Support Centre“ jetzt täglich zwischen 1.000 und 2.400 Menschen ab. IOM, Hilfswerke und Behörden unterstützen sie dann mit Lebensmitteln, Obdach, Transport und Gesundheitsversorgung.

Die südafrikanische Hilfswerk „Gift of the Givers“ hat über 75.000 Mahlzeiten verteilt, unmittelbar brauchen die Leute auch Decken und Beratung über ihre Zukunft. 1.474 Menschen mussten in Beitbridge medizinisch behandelt werden, 416 Busse haben Rückkehrer bislang in ihre Heimatgemeinden im ganzen Land gebracht.

In KwaZulu-Natal ist Südafrikas Zuckerernte in Gefahr

Von den über 108.000 Rückkehrern aus Südafrika – mehr als ein Zehntel der dort lebenden Simbabwer – hat die simbabwische Regierung gut ein Drittel in organisierten Repatriierungen zurückgeholt, die anderen sind auf eigene Faust nach Simbabwe zurückgekehrt, manche auf dem Umweg über Botswana. Bislang haben sich 15.065 Rückkehrer als arbeitssuchend gemeldet, meist in den Bereichen häuslicher Dienste, Bauarbeit und Ackerbau.

In Südafrika werden entsprechend Arbeitskräfte knapp. In der bevölkerungsreichsten Provinz KwaZulu-Natal melden die Zuckerrohrplantagen einen enormen Arbeitskräftemangel, weil so viele weg sind. Pratish Sharma, Vorsitzender des „Maidstone Local Grower Council“ und Zuckerfarmer bei Tongaat, berichtet, dass manche Ernten nicht eingeholt werden können und große Teile der Produktion auf den Feldern zu verrotten drohen. Ein Farmer habe 100 Arbeiter verloren und nur 20 neue gefunden.

Radikale ausländerfeindliche Gruppen in Südafrika hatten „illegalen“ Zuwanderern eine Frist gesetzt, bis 30. Juni das Land freiwillig zu verlassen oder ab dann dazu gezwungen zu werden. Ausländerfeindliche Gewalt hat in diesem Zusammenhang mindestens vier Tote gefordert. Nicht nur Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus haben Südafrika verlassen, sondern auch andere, da manche Arbeitgeber keine Ausländer mehr beschäftigen wollen und viele Migranten Angst vor Schikanen durch selbsternannte Ordnungskräfte bekommen, die willkürlich Ausweise prüfen.

Das Versprechen, dass eine massive Ausreise von Zuwanderern mehr Arbeitsplätze für Einheimische schafft, in einem Land mit einer offiziellen Arbeitslosenquote von 32 Prozent, geht offenbar nicht auf. Wer Südafrika verlässt, nimmt seine Fähigkeiten mit, und in vielen Berufen ist es ausgesprochen schwer, dafür Ersatz zu finden.

In Soweto sind Gemüsehändler und Friseure weg

In Südafrikas Straßenverkaufsbuden, Frisiersalons, Schweiß- und Bauarbeiten dominieren afrikanische Zuwanderer, die meisten Südafrikaner blicken auf sie und ihre Arbeit herab. Nun wundern sie sich, wo die Leute geblieben sind.

Etwa in Protea Glen, ein Mittelklassenvorort von Soweto, dem größten Township von Südafrikas größter Stadt Johannesburg. Die Gemüsehändler an den Straßen, wo bislang jeder einkaufte, haben größtenteils dichtgemacht und sind nach Mosambik zurückgegangen. Sie waren immer die ersten auf den Großmärkten und öffneten ihre Verkaufsstände ganz früh, auch bei kaltem und schlechtem Wetter. Dafür finden sich nun keine einheimischen Südafrikaner.

Für Gemüse müssen sie nun in die modernen Shopping-Malls gehen, wo alles doppelt so viel kostet und normalerweise nur die begüterte Mittelschicht einkauft. Und in den Supermärkten „Shoprite“ und „Pick n Pay“ in Protea Glen gibt es hauptsächlich Kohl und Spinat, andere Gemüsesorten fehlen.

Draußen vor den Malls sind die Gehwege weitgehend leer. An den Mauern, vor denen einst Kleinhändler ihre Waren anboten, prangen noch Parolen wie „Please Go Home“, die die ausländerfeindlichen Gruppen dort im Zuge ihrer Einschüchterungskampagnen vor dem 30. Juni hinsprühten. Dem Aufruf wurde offensichtlich Folge geleistet, dort steht niemand mehr.

„Die Ausländer sind nach Hause gegangen oder können nicht mehr auf der Straße operieren, nun leiden die Einheimischen“, analysiert Passant Samuel Nthodi. „Es gibt jetzt kein erschwingliches Gemüse mehr. Die Supermärkte schlagen daraus Profit, denn man hat jetzt keine Wahl mehr, als dort überteuert einzukaufen.“

Nhlanhla Tholashe sucht derweil vergeblich einen Friseur. Sein Stammfriseur aus Mosambik ist nicht mehr da. „Seit heute Mittag bin ich auf der Suche“, sagt er am Abend. „Vielleicht muss ich nach Mosambik gehen, um mir die Haare schneiden zu lassen.“ Die ausländerfeindlichen Gruppen, findet er, sollten jetzt selber die Arbeit machen, die bisher die Migranten verrichteten – oder die Migranten zurückholen.

Die mosambikanischen Barbiere verlangten 30 bis 50 Rand (1,60 bis 2,60 Euro). Feinere südafrikanische Salons hingegen nehmen 150 bis 200 Rand (8 bis über 10 Euro), sehr viel für südafrikanische Verhältnisse. Das Friseurproblem ist jetzt besonders akut, weil am Dienstag das neue Schuljahr in Südafrika begonnen hat und die Jugendlichen alle frischgeschnitten zum Unterricht wollen.

Auch andere Sektoren sind betroffen. Eine Frau in Soweto, die anonym bleiben will, klagt, dass ihr Gärtner, der Unkraut jätet und den Hof reinigt, das Land verlassen hat. Sie hat einen südafrikanischen Ersatz gefunden, „aber er kam erst um 10 Uhr, obwohl wir 8 Uhr vereinbart hatten, und hat überhaupt nicht sauber gemacht“.

Bauarbeiter und Handwerker dringend gesucht

Soweto mit über zwei Millionen Einwohnern entwickelt sich rasant, es zählt inzwischen eigene wohlhabende Stadtviertel und expandiert Richtung Westen, über die Grenze der Provinz Gauteng hinaus nach North West Province. Bauarbeiter, Maurer, Maler, Schreiner, Klempner, Bodenleger und Handwerker aller Art sind schwer nachgefragt, und viele davon kommen aus dem Ausland.

Das liegt auch an Südafrikas Bildungssystem, das nach einhelliger Meinung von Experten und Arbeitgebern viel zu theoretisch ist und keine praktische Berufsbildung anbietet. Südafrikaner verlassen sich daher zumeist auf zugewanderte Arbeitskräfte für praktische Dinge.

Derweil kursieren Gerüchte, Südafrikas Regierung habe den Regierungen der Nachbarländer ein Ultimatum gesetzt, ihre Repatriierungsaktionen zu beenden, um den Abfluss von Arbeitskräften zu stoppen. Simbabwes Regierung trat dem jetzt offiziell entgegen.

„Wir hören nichtoffizielle Gruppen, die verschiedene Daten in den Raum stellen“, sagte Außenminister Amon Murwira nach einer Kabinettssitzung in der Hauptstadt Harare. „Ich will mal klarstellen: In unserer Kommunikation mit der Regierung Südafrikas und in unserer Arbeit gehen wir von der freiwilligen Rückkehr aller Simbabwer aus, die nach Hause kommen wollen, in Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Regierung. Zu keinem Zeitpunkt wurde uns eine Frist gesetzt.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

15 Kommentare

 / 
  • Ich hoffe sehr, dass die Wahlberechtigten aus Sachsen-Anhalt einen wachen Blick auf Südafrika haben und ihre Schlüsse daraus ziehen.



    Allein, mir fehlt der Glaube.

  • Das hört sich alles schrecklich an - die AfD in Sachsen-Anhalt und die Menschen, die sie wählen, sollten diesen Artikel lesen. Denn genau das wird ihnen dort blühen, sollte die AfD gewinnen.

  • Ich wünsche mir, dass wenn die Stimmung weiter kippt oder der Bundeskanzler mal wieder einen "raushaut", einen dreitägigen Generalstreik sämtlicher Menschen in Deutschland, die einen sog. Migrationshintergrund haben. Gerne auch von allen, die in 3. oder 4. Generation hier leben.

  • Ich verstehe nicht, warum trotz einer ANC-Regierung der Rassismus dieser alten, weißen Männer immer noch so enormen Einfluss und vor allem Wirkung hat.

  • Im ganzen Artikel kein Hinweis, ob und wie stark die Migranten dort ggf. auch ausgebeutet wurden. Vielleicht unabhängig des offensichtlichen Rassismus auch ein Thema?

  • können 160.000 Abwanderer einen derartig großen Impact haben? Anekodtisch sicher, aber aufs ganze Land gerechnet erscheint die Zahl zu gering und die Auswirkung zu stark.

    • @nutzer:

      Zieh mal 160.000 ausländische Pflegekräfte aus Deutschland ab...

      Wie auch immer. Es scheint fast überall auf der Welt zu gelten: Wirtschaftlicher Aufschwung führt zu Zuwanderung. Zuwanderung stärkt dann den wirtschaftlichen Aufschwung. In Folge sind Regionen mit geringer ethnischer Diversität meist ärmer. Wenn es einen Rechtsruck in wirtschaftlich starken Regionen gibt, führt das dann zu Abschwung. Die Frage ist, ob wirtschaftsschwache Regionen davon profitieren, weil dann wieder mehr Fachkräfte dorthin gehen... Das würde zumindest erklären, warum Russland in Europa die Rechtspopulisten fördert.

      • @Mitja Stachowiak:

        im Artikel steht aber, es geht lt Artikel hauptsächlich um Straßenhändler, Friseure etc. die haben eine andere Relevanz als Pflegekräfte.

    • @nutzer:

      Das haben sich die Rassisten wohl auch gedacht

      • @Fckafd Somuch:

        naja, es sind 10% die gehen, die haben bestimmt mit mehr Rückkehrern gerechnet.

      • @Fckafd Somuch:

        Das Wort Rassismus finde ich in dem Zusammenhang merkwürdig?

    • @nutzer:

      Man muss sich doch fragen ob die Zahl so stimmt, immerhin werden ja auch die Illegalen Einwohner in Südafrika nicht korrekt erfasst sein. Wievilele noch im Land sind, nur nicht mehr diesen Berufen nachgehen können und evtl. in die Kriminalität verdrängt werden ist noch eine andere Seite der Medaille.

      • @rgae:

        bestimmt sind das nicht die realen zahlen, ganz sicher sogar, aber man kann nur mit den Zahlen agieren die man hat und alle Kommentare hier beziehen sich auf diese Zahlengrundlage...

  • danke für den Artikel, die Übertragung von Ausländerfeindlichkeit und der Konsequenzen ins tägliche Leben ist wichtig und sollte prominent beschrieben werden - auch und gerade hier in Deutschland im Angesicht der kommenden Wahlen.



    Man kann das eins zu eins auf Deutschland übertragen. Angenommen, hier verlassen 400.000 ausländische Beschäftigte das Land, nicht vertrieben, sondern einfach gegangen. So abwegig ist das nicht: 260.000 sind es laut IAB bereits, zwei von fünf sind EU-Bürger und können jederzeit gehen.

    16,7 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland haben keinen deutschen Pass. In Reinigungsberufen 45 Prozent, in Gebäudereinigung und im Garten- und Landschaftsbau rund die Hälfte, in der Logistik 29, in der Lebensmittelherstellung 54 Prozent.

    Kein Gemüse, kein Friseur, kein Gärtner hieße bei uns: keine Krankenhausreinigung, kein volles Regal, keine Müllabfuhr, keine Grünpflege, keine Nachtschwester. Das Personalwachstum in der Pflege stammt seit 2022 ausschließlich aus dem Ausland.

    Am härtesten träfe es Ostdeutschland, obwohl der Anteil dort am niedrigsten ist. Das gesamte Beschäftigungswachstum der letzten zehn Jahre hängt dort daran.

    • @Frank Nitzsche:

      Und genau das ist das Problem? Die Ausländer, die in Beschäftigung sind, gehen und hinterlassen eine riesige Lücke. Die nichtbeschäftigten Ausländer bleiben...