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Auf dem Berliner Kollwitzmarkt lässt es sich leben Foto: Lucia Jost

Wochenmarkt in Prenzlauer BergKontrollierte Vielfalt

Der Kollwitzmarkt gilt vielen als Endgegner der Gentrifizierung. Hier treffen Wohlhabende aber auch Berliner Randexistenzen. Ein Marktbesuch.

Aus Berlin

Susanne Messmer

A m Rand des Kollwitzmarktes steht ein blitzblanker Benz R107 mit Frankfurter Kennzeichen. Siebzigerjahre-Chrom, Zigarette-im-Aschenbecher-Ästhetik. So ein Auto kostet heute schnell 80.000 Euro, vom Sprit gar nicht zu reden. Ein paar Meter weiter steht ein Rolls-Royce einer Berliner Luxus- und Sportwagenvermietung. Weißer Hochzeitsstrauß auf der Motorhaube. Tagesmiete: 2.999 Euro. Spätestens hier startet normalerweise der Klassenhass.

Wir befinden uns auf dem Wochenmarkt auf dem Kollwitzplatz im Herzen von Berlins schicken Ortsteil Prenzlauer Berg. Es ist kurz nach zehn, die Sonne schiebt sich langsam durch die Wolken, die ersten Leute bestellen ihren Latte, über den Platz ziehen Fisch-, Obst- und Sesamgerüche. Der Markt wurde viel beschrieben und oft verspottet: als Freiluftzoo der Besserverdienenden. Als Wellnessbereich der Gentrifizierung.

Und trotzdem lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen. Denn zwischen Sauerteigbrot, Kuhmilchkäse aus dem Burgund und Schinken aus spanischer Eichelmast wird etwas sichtbar, das weit über Prenzlauer Berg hinausweist: die Frage, warum Menschen sich überhaupt noch freiwillig unter andere Menschen mischen, obwohl inzwischen fast alles digital, kontaktlos und allein funktioniert.

Auf den ersten Blick bedient der Kollwitzmarkt an diesem Samstagvormittag jedes einzelne Klischee. Der grüne Spargel aus Italien und der Blumenkohl aus Ägypten kosten ungefähr ein Drittel mehr als im Rewe. Die Maultaschen liegen beim doppelten Preis. Die Tortelloni in der Variante Steinpilz mit Honig kosten 3,90 pro hundert Gramm. Wer zu zweit satt werden will, landet schnell bei zwanzig Euro, eher mehr.

Trotzdem stehen die Leute Schlange. Sie lassen sich Gemüse sorgfältig in braunes Papier wickeln und legen es vorsichtig in ihre Korbtaschen. Manche tragen Leinenhemden in Farben, die vermutlich Sand oder Salbei heißen. Andere führen Hunde spazieren, die aussehen, als würden sie ausschließlich Quark bekommen.

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Viele trinken um elf Uhr das erste und um zwölf das dritte Glas Weißwein oder Aperol Spritz. Manche lachen mit weit aufgerissenem Mund, als wäre selbst Lockerheit inzwischen eine Form von Leistung. Ein Mann mit Panamahut bestellt zwölf irische Felsenaustern und Champagner für 64 Euro. „Wer will denn halb lebendige Tiere essen?“, murmelt ein anderer im Vorbeigehen.

Eine Bühne für den Prenzlauer Berg im Wandel

Der Kollwitzmarkt funktioniert wie eine Bühne, auf der Prenzlauer Berg sich selbst beim Leben zusieht, während im Hintergrund jener soziale Austausch weiterarbeitet, der diesen Stadtteil innerhalb von zwei Jahrzehnten fast vollständig umgebaut hat.

Früher war dieser Kiez Durchgangsstation. Heute bleibt, wer es geschafft hat

Tatsächlich hat er sich radikaler verändert als viele, die hier auf dem Markt einkaufen, ahnen. Der Soziologe Thomas Dörfler beschreibt Prenzlauer Berg vielleicht am genauesten als Labor der Nachwendezeit. In den Achtzigerjahren lebten hier Künstler*innen, Dissident*innen, Leute aus der DDR-Gegenkultur, viele in heruntergekommenen Altbauwohnungen mit Kohleöfen und geteiltem Klo auf halber Treppe. Nach der Wende kamen zuerst die Kreativen aus dem Westen, später die urbanen Mittelschichten, die Bobos, soll heißen bourgeoisen Bohemians, Yuppies oder Lohas, was für „Lifestyle of Health and Sustainability“ steht.

Auf dem Markt gibt es was zu essen... Foto: Lucia Jost
...und auch mal was zu trinken Foto: Lucia Jost

Etwa die Hälfte der alten Bewohner*innen verschwand, eine neue Hälfte zog ein.

Die Zahlen erzählen dieselbe Geschichte. Prenzlauer Berg ist einer der reichsten Ortsteile Berlins und am reichsten sind die Menschen dort am Kollwitzplatz. Die Arbeitslosenquote liegt hier nur bei 2,1 Prozent, das durchschnittliche Gehalt bei knapp 6.000 Euro. In sozial schwächeren Vierteln wie Neukölln liegt die Arbeitslosenquote in manchen Quartieren bis zu zehnmal höher und das durchschnittliche Gehalt bei weit unter 3.000 Euro. Gleichzeitig stabilisiert sich der Prenzlauer Berg immer stärker: Mehr als 61 Prozent der Bewohner*innen wohnen seit mindestens fünf Jahren an derselben Adresse. Früher war dieser Kiez Durchgangsstation. Heute bleibt, wer es geschafft hat.

Was es gekostet hat, das zu schaffen, meint man in vielen der Gesichter zu sehen, die sich hier amüsieren: Diese angespannte Müdigkeit, als kämen sie entweder gerade aus einem Zoom-Meeting oder müssten in zwanzig Minuten ins nächste. Diese guten Zähne. Diese teuren Brillen. Drei junge Leute freuen sich überschwänglich über Eier aus Brandenburg und über einen Thüringer Wurststand mit frischer Blutwurst, als hätten sie so etwas noch nie gesehen.

Amerikanischer Akzent, freundlich, entspannt

Und trotzdem kippt das Bild ständig. Unweit vom Wurststand sitzt ein Paar um die Fünfzig in Second-Hand-Klamotten auf kleinen Hockern. Amerikanischer Akzent, freundlich, entspannt. Sie wohnen direkt am Platz, finden es hier „gemütlich“, wie sie sagen, und vermutlich ist es das auch im Vergleich zu New York oder San Francisco. Beide arbeiten viel. Samstags gehen sie trotzdem runter auf den Markt und lassen das Handy in der Wohnung. „Dann trifft man wenigstens Menschen“, sagen sie. Wind egal. Regen egal. Jeden Samstag hier.

Eine junge Frau führt Besuch aus Münster herum und trinkt Aperol Spritz. „Den Wocheneinkauf könnte ich mir hier niemals leisten“, sagt sie, erwähnt ihren alten Mietvertrag und lacht ziemlich ehrlich dabei.

Auf dem Markt finden man zur Würzung des Lebens das passende Kraut... Foto: Lucia Jost
...und noch ein Tässchen Mokka, für den guten Geschmack Foto: Lucia Jost

Dann steht da ein Typ mit Basecap und Dreitagebart. Gebürtiger Prenzlauer Berger. Zwischendurch nach Moabit gezogen, inzwischen zurück. „Alle tun immer so, als wäre das hier komplett verloren“, sagt er. „Dabei finde ich den Kiez entspannter als seinen Ruf.“ Er zeigt auf einen kleinen Stand mit seltsamen Seifen.

Vulvaförmige Seifen und Kakerlaken aus Kronkorken

Dort verkauft die Berliner Künstlerin LeKrek vulvaförmige Seifenstücke für 17 Euro pro Exemplar. Inspiriert von Mithu Sanyals viel diskutiertem Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“, erzählt sie. Jede Form basiert auf dem Abdruck einer echten Person. Kleine nachhaltige Skulpturen, die sich langsam beim Duschen auflösen. „Wir müssen das Organ sichtbar machen“, sagt sie. Und dass sie Kunst außerhalb von Museen machen möchte, feministische Kunst, die man einfach aufbrauchen kann.

Ein paar Meter weiter verkauft Peter, der seinen Nachnamen unwichtig findet, Bleistiftzeichnungen „ohne Absetzen“, wie er sagt und Drahtskulpturen. Kleine Kakerlaken aus plattgedrückten Kronkorken von Cola-Flaschen zum Beispiel. Cokeroaches nennt er sie. Kakerlaken als Symbol für Verfall, Überleben und Berliner Zähigkeit. „Du siehst auf’m Kolle Leute, wo du denkst: schicke Klamotten“, sagt er. „Und dit hat Stil. Die würden niemals Gucci zeigen.“

Und plötzlich beginnt der Klassenhass zu stottern. Denn auf dem Kollwitzmarkt passiert noch etwas anderes, das sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Leute mit ziemlich viel Geld finanzieren hier ganz nebenbei Existenzen quer, die in anderen Städten längst verschwunden wären: Künstler*innen, kleine Produzenti*nnen, Menschen also, die in den Hochglanzbroschüren über kreative Städte zwar ständig auftauchen, deren tatsächliche Lebensrealität aber meistens prekär bleibt. Eine Art informelle Umverteilung.

Ein therapeutisch aufgehellter Endzustand kapitalistischer Vereinsamung.

Marktleiterin Steffi Hendewerk kennt und fördert dieses System sehr präzise. Sie hat den Markt von ihrem Mann Philipp Strube übernommen, einem frühen Prenzlauer-Berg-Pionier aus Nachwendezeit, der Ende der Neunzigerjahre einen der ersten Feinkostläden im Kiez aufbaute und später den Markt. Viele Händler*innen leben bis heute ausschließlich von diesem Ort. Achtzig der ungefähr hundert Stände sind seit Jahren in denselben Händen. „Die Aperolstände sind nötig“, sagt Hendewerk. Sie finanzieren die kleineren Stände mit. Mehr davon wolle sie trotzdem nicht. „Die Mischung muss stimmen.“

Tatsächlich funktioniert der Markt an dieser Stelle nicht nur wie eine Distinktionsmaschine, sondern wie eine Art Erlebnismarkt für eine saturierte Großstadtbevölkerung, die sich nach analogem Leben sehnt. Leute, denen nachgesagt wird, dass sie gern unter sich bleiben, sitzen plötzlich mit anderen Menschen an Bierbänken und reden über Honig, die AfD in Thüringen oder Iran. Sie treffen Milieus aus anderen Schichten, Zeiten, Breitengraden: Philippinisch am Stand mit gebratenen Nudeln. Japanisch beim Kohlpfannkuchen, Uigurisch bei den Teigtaschen, Arabisch bei den syrischen Süßigkeiten, Feminismus bei den Seifen und Selbstausbeutung bei der Drahtkunst.

Natürlich bleibt das alles eine sehr kontrollierte Form von Vielfalt. Niemand wird auf dem Kollwitzmarkt ernsthaft mit sozialem Elend konfrontiert. Dafür sind die Preise zu hoch. Aber immerhin entsteht hier noch dosierte Reibung. Es gibt Gerüche. Gespräche. Kleine Irritationen. Das ist in vielen Innenstädten längst nicht mehr selbstverständlich.

Gegenmodell zur austauschbaren Innenstadt

Denn klassische Einkaufsstraßen verlieren seit Jahren ihre Funktion. Kaufhäuser sterben. Auch Shoppingmalls kämpfen gegen Onlinehandel und hohe Betriebskosten.

Innenstädte verwandeln sich vielerorts in austauschbare Zonen aus Kettenläden, Leerstand und Systemgastronomie, durch die Menschen zwar hindurchlaufen, in denen sie sich aber kaum noch wirklich aufhalten. Der Kollwitzmarkt wirkt dagegen fast wie ein Gegenmodell. Beweglich, improvisiert, temporär. Keine Rolltreppenmusik. Keine sterile Mall. Stattdessen Gedränge, Wetter, Fettgeruch, Menschen.

Die Leute kaufen sich soziale Nähe in biologisch abbaubaren Verpackungen, anstatt sich einfach in den Park zu setzen

Und trotzdem ist das Ganze natürlich widersprüchlich bis zum Anschlag. Denn der Kollwitzmarkt ist und bleibt eben auch eine freundlich duftende Oberfläche der Gentrifizierung. Ein therapeutisch aufgehellter Endzustand kapitalistischer Vereinsamung. Die Leute kaufen sich hier keine Kartoffeln. Sie kaufen sich soziale Nähe in biologisch abbaubaren Verpackungen, anstatt sich einfach in den Park zu setzen, miteinander zu reden und das Geld, das sie so sparen, an soziale Projekte zu spenden. Aber natürlich funktioniert das so einfach nicht.

Kurz vor zwei steht eine mittelalte Frau mit raspelkurzen Haaren und blutrotem Lippenstift beim Imker Olaf Nils Dube. Elegant angelt sie vier Pfandgläser aus ihrer winzigen Tasche und lacht mit hoffnungslos verrauchter Stimme. Hinter ihr öffnet jemand die nächste Flasche Crémant. Vor ihr erklärt Dube gerade den Unterschied zwischen Demeterhonig und Industriehonig. Früher arbeitete er im Büro. Bauer konnte er ohne Kapital nicht werden. Also wurde er Imker.

„Du denkst erst: Was für ’n Schnösel“, sagt er, als die Frau weg ist. „Und dann erzählt dir plötzlich jemand von einem Schicksalsschlag, von einer Krebserkrankung oder irgendeiner anderen Geschichte. Und plötzlich wandelt sich dieses Bild ganz massiv. Das ist eine gute Erfahrung.“

Der Mercedes aus Frankfurt steht immer noch am Rand des Marktes. Sehr teuer. Sehr absurd. Aber zwischen Honiggläsern, Drahtkakerlaken und vulvaförmigen Seifen wirkt selbst dieses Auto plötzlich eher wie Teil einer seltsamen Berliner Übergangszeit. Einer Zeit, in der die Stadt zwar immer glatter, teurer und kontrollierter geworden ist, gleichzeitig aber verzweifelt nach Orten sucht, an denen Fremde noch miteinander ins Gespräch kommen.

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