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27.05.2026 , 13:48 Uhr
Die Gegenargumente arbeiten fast alle mit demselben Kurzschluss: Wer negative Folgen unkontrollierter Migration anspricht, behauptet angeblich, Migration insgesamt sei schlecht oder für sämtliche gesellschaftlichen Probleme verantwortlich. Genau das hat @Sybille Bergi aber gar nicht geschrieben.
Natürlich hätte Deutschland auch ohne 2015 Probleme bei Wohnraum, Infrastruktur oder Demografie. Daraus folgt aber nicht, dass zusätzliche ungesteuerte Zuwanderung diese Engpässe nicht weiter verschärfen kann. Mehr Nachfrage erhöht Druck, wenn Kapazitäten nicht schnell genug wachsen.
Ebenso können beide Aussagen gleichzeitig stimmen: Deutschland braucht qualifizierte Arbeitsmigration und Teile der Migration seit 2015 haben wirtschaftlich funktioniert. Trotzdem bleibt die Integrationsbilanz gerade bei Fluchtmigration gemischt. Erwerbsquoten allein lösen das Problem nicht, wenn viele Beschäftigungen im Niedriglohnbereich stattfinden und kommunale Folgekosten hoch bleiben.
Genau diese Ambivalenz wurde jahrelang moralisch überdeckt. Dadurch wurde aus einem pragmatischen Politikfeld ein kultureller Glaubenskrieg. Das ist doch unnötig.
zum Beitrag26.05.2026 , 22:13 Uhr
Ich halte es für analytisch zu bequem, die Dynamik allein als „Radikalisierung von innen“ zu beschreiben. Natürlich trägt die AfD Verantwortung für ihre eigene ideologische Entwicklung. Aber politische Systeme produzieren Resonanzräume nicht unabhängig von sich selbst.
Gerade kommunikativ wiederholen die Parteien der Mitte seit Jahren Muster, die schon in den USA gegenüber Trump sichtbar scheiterten: moralische Abgrenzung ersetzt Problembearbeitung, Wähler werden pädagogisiert statt repräsentiert, Kritik wird psychologisiert statt politisch beantwortet. Der frustrierte Bürger erscheint dann nicht als rational reagierender Akteur mit Interessen, sondern als „Abgehängter“, „Verführter“ oder latent autoritär Disponierter. Genau diese narrative Rahmung erzeugt Reaktanz.
Hinzu kommt ein massives Agenda-Setting-Problem. Themen wie Migration, Wohnraum, Infrastruktur, Energiepreise oder Sicherheitsgefühl wurden oft entweder technokratisch verwaltet oder moralisch übercodiert. Wer Kontrollverlust benannte, galt schnell als verdächtig. Dadurch entstand bei vielen weniger der Eindruck politischer Führung als kommunikativ organisierter Wirklichkeitsvermeidung.
zum Beitrag22.05.2026 , 17:21 Uhr
Natürlich arbeiten Menschen mit Migrationsgeschichte längst zentral in Krankenhäusern, Pflege oder Logistik. Das bestreitet niemand. Aber daraus folgt nicht, dass jede Form von Migration automatisch den Sozialstaat stabilisiert.
Gerade die Ökonomisierung der Debatte ist doch interessant: Migration wird fast nur noch danach bewertet, ob sie dem Arbeitsmarkt dient. Gleichzeitig profitieren von hoher und dauerhafter Zuwanderung oft genau jene Märkte, die ohnehin schon aus dem Gleichgewicht geraten sind. Arbeitgeber erhalten ein größeres Arbeitskräfteangebot im unteren Lohnsegment. Vermieter profitieren von wachsender Nachfrage bei knappem Wohnraum. Die unteren und mittleren Schichten konkurrieren stärker um Wohnungen, Kitaplätze und Infrastruktur. Der Hinweis auf „Staatsversagen“ erklärt deshalb nur die halbe Realität. Natürlich wurde zu wenig gebaut und investiert. Aber Kapazitäten wachsen nicht beliebig mit. Eine Gesellschaft braucht nicht einfach möglichst viel Migration, sondern tragfähige Integration, Qualifikation und soziale Kohärenz. Sonst stabilisiert man nicht den Sozialstaat, sondern vor allem billige Arbeitsmärkte. Wollen wir Linke uns ausgerechnet vor den Karren spannen?
zum Beitrag22.05.2026 , 07:51 Uhr
Der Kommentar arbeitet mit einer Behauptung, die für Deutschland so schlicht nicht belastbar ist: dass Migration im Regelfall mehr in die Sozialsysteme einzahle, als sie koste. Genau das hängt massiv von Bildungsstand, Qualifikation, Alter, Sprachkompetenz und Integrationsgeschwindigkeit ab.
Selbst migrationsfreundliche Institute unterscheiden deshalb klar zwischen qualifizierter Erwerbsmigration und Fluchtmigration. Deutschland braucht vor allem Menschen, die schnell produktiv in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Ein erheblicher Teil der Asylmigration erfüllt diese Voraussetzung gerade nicht.
Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen seit Jahren deutlich niedrigere Beschäftigungsquoten und gleichzeitig hohe Transferleistungsanteile bei vielen Asylherkunftsgruppen. Parallel steigen kommunale Kosten für Wohnraum, Schulen, Kitas, Verwaltung und Gesundheitsversorgung massiv. Das ist keine rechte Erzählung, sondern fiskalische Realität.
Problematisch ist deshalb vor allem die moralische Überhöhung der Debatte. Wer auf Belastungsgrenzen oder Integrationsprobleme hinweist, wird sofort in die Nähe von „Rassismus“ oder „völkischem Denken“ gerückt.
zum Beitrag19.05.2026 , 12:52 Uhr
Der Text beschreibt ungewollt etwas ziemlich Zeitdiagnostisches. Der Kollwitzmarkt funktioniert nicht deshalb, weil dort Menschen Kartoffeln kaufen. Er funktioniert, weil dort überhaupt noch Öffentlichkeit stattfindet. Fremde reden miteinander. Leute sitzen herum, schauen, trinken, flanieren. Das wirkt inzwischen fast ungewöhnlich.
Der reflexhafte Klassenhass vieler Kommentare greift deshalb zu kurz. Ja, vieles dort ist ästhetisierte Mittelschicht. Überteuerte Lebensmittel, performative Lockerheit, moralisch aufgeladener Konsum. Aber gleichzeitig entsteht dort etwas, das vielen Innenstädten längst fehlt: Aufenthaltsqualität.
Und ehrlich gesagt merkt man den Unterschied zu Märkten in Friedrichshain oder Kreuzberg durchaus. Dort gibt es oft mehr tatsächliche Durchmischung, mehr Lautstärke, mehr Improvisation. Aber eben auch mehr Ramsch, mehr soziale Härte und deutlich weniger kuratierte Ästhetik. Der Hermannplatz steht schließlich jedem offen. Die Frage ist nur, warum viele Menschen, sobald sie es sich leisten können, dann doch lieber weichgebettet zwischen Sauerteig und Aperol sitzen, statt Zitronen im Kilonetz für zwei Euro zu kaufen. Es lädt zur unangenehmen Reflexion ein.
zum Beitrag19.05.2026 , 12:41 Uhr
Der Erstkommentar wirkt auf mich vor allem unnötig simplifizierend. Schon die Grundannahme geht empirisch nicht wirklich auf. Björn Höcke ist für seine Anhängerschaft keineswegs bloß der geduldete „Wolf im Wolfspelz“. Viele erleben ihn gerade als authentisch, klar und repräsentativ für eigene kulturelle oder politische Empfindungen.
Und genau dort liegt der eigentliche Denkfehler. Was linke Milieus oder auch wir Frauen persönlich als unsympathisch, spröde oder unangenehm empfinden, kann für andere Milieus durchaus attraktiv wirken. Politische Wahrnehmung ist kein objektiver Sympathietest. Der Schluss vom eigenen ästhetischen oder moralischen Empfinden auf die Gesamtgesellschaft ist deshalb, ehrlich gesagt, eher schwach.
Menschen folgen politischen Figuren nicht primär wegen netter Gesten oder „Schwiegermuttertauglichkeit“, sondern weil sie sich in ihnen kulturell, emotional oder sozial repräsentiert sehen.
zum Beitrag12.05.2026 , 07:09 Uhr
Mich irritiert an solchen Texten weniger die Sorge selbst als das zugrunde liegende Menschenbild. Problematische Entwicklungen werden sehr schnell an „Männlichkeit“ rückgebunden, während Weiblichkeit implizit als moralisch weniger gefährdungsanfällig erscheint. Genau darin liegt für mich ein Denkfehler. Denn sowohl bei Männern als auch bei Frauen finden sich konditionale wie unkonditionale Ausdrucksformen des Sozialen, der Fürsorge, der Aggression oder der Selbstüberschreitung. Das Geschlecht erklärt vieles, aber nie den Menschen vollständig. Vieles von dem, was heute als „toxische Männlichkeit“ beschrieben wird, lässt sich ebenso als Folge sozialer Entfremdung, institutioneller Schwäche und kultureller Dauererregung lesen. Konkurrenzdruck, algorithmische Aufmerksamkeitsökonomien und fehlende Orientierung erzeugen Verrohung weit über Geschlechtergrenzen hinaus. Wer sich allem Äußeren verweigert, vergeht jedoch ebenso wie derjenige, der alles einlässt. Entwicklung entsteht durch Integration und Begrenzung. Die eigentliche Synthese läge deshalb nicht in der Moralisierung des Männlichen, sondern in einem gleichwertigen gemeinsamen Agieren unter Anerkennung der positiven Potentiale.
zum Beitrag07.05.2026 , 14:56 Uhr
Der moralische Appell ans individuelle Konsumverhalten greift zu kurz. Spieltheoretisch ist längst bekannt, dass Menschen nur begrenzt bereit sind, auf persönlichen Nutzen zu verzichten, wenn die eigentlichen Kosten ihres Handelns kollektiv und zeitlich verzögert getragen werden. Genau deshalb funktioniert moralische Beschämung selten dauerhaft.
Entscheidend wäre doch die Frage, warum die Deutsche Bahn Bahnfahren bis heute nicht attraktiv macht. Ich habe gerade für eine spontane Reise von Berlin nach Köln geschaut: Bahnfahrt für zwei Personen trotz Deutschlandticket rund 340 Euro, Flug hin und zurück etwa 170 Euro und das nicht einmal mit einer Billigairline. Solange diese Diskrepanz existiert, bleibt der Ruf nach freiwilligem Verzicht realitätsfern.
Die Lösung liegt nicht in moralischer Aufladung oder symbolischer Distinktion, sondern in funktionierender Infrastruktur: pünktliche Züge, faire Preise, garantierte Sitzplätze und ein Leistungsniveau, bei dem Menschen freiwillig sagen: Bahnfahren lohnt sich.
zum Beitrag07.05.2026 , 14:49 Uhr
Demokratie: Sie reagiert auf gesellschaftliche Gegenbewegungen, die auch durch die Art entstanden sind, wie queere Politik in den vergangenen Jahren geführt wurde. Genau darin liegt für mich das eigentliche Problem. Die starke moralische Aufladung, die permanente identitätspolitische Zuspitzung und ein erheblicher Mitteleinsatz haben in Teilen der Bevölkerung massive Aversionen erzeugt und rechten Kräften ein ideales Polarisierungsfeld geliefert. Hinzu kommen Szeneakteure, die längst weniger an gesellschaftlicher Verständigung interessiert scheinen als am eigenen Erhaltungswillen und deshalb immer lauter marodieren.
Wir müssen nur in die USA schauen, wohin eine solche Dynamik führt: in eine binäre Gesellschaftsordnung aus Zugehörigkeit oder Feindschaft, in kulturelle Dauererregung und politische Radikalisierung an den Rändern. Wenn wir als Linke daraus nichts lernen, werden wir selbst zum Schadpotenzial für die Anliegen, die wir eigentlich verteidigen wollten.
zum Beitrag