piwik no script img

Warkens SparpaketRiskanter Rückschritt

Kommentar von

Sofia Zharinova

Die Hautkrebsfrüherkennung könnte bald aus dem Leistungskatalog gestrichen werden. Warum diese Entscheidung am Ende teuer werden kann.

Bisher Kassenleistung: Hautkrebsscreening Foto: imagebroker/picture alliance

N ina Warken spart an der falschen Stelle. Die Bundesgesundheitsministerin will im Rahmen des Sparpakets das Hautkrebsscreening als Kassenleistung abschaffen. Das ist absolut kontraproduktiv: Kurzfristig mag das Geld sparen, langfristig wird es jedoch teurer.

Seit 2008 können gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren alle zwei Jahre am Hautkrebsscreening teilnehmen. Warkens Argumentation, das Hautkrebsscreening sei anlasslos und die Zahl gefährlicher Hautkrebserkrankungen sei nicht zurückgegangen, greift zu kurz. Zwar ist die Zahl der Neuerkrankungen nach Einführung des Screenings im Jahr 2008 gestiegen. Doch das spricht nicht gegen das Screening, sondern für seinen eigentlichen Zweck: Es soll Krebs nicht verhindern, sondern ihn frühzeitig erkennen.

Entscheidend ist, dass rund 67 Prozent der Hautkrebsfälle seitdem in einem frühen Stadium entdeckt werden. Das bedeutet geringere Behandlungskosten und eine bessere Lebensqualität für die Betroffenen. Dass Einsparungen an dieser Stelle langfristig teurer werden, zeigen auch die Zahlen. Im Jahr 2023 erkrankten in Deutschland rund 27.000 Menschen an schwarzem Hautkrebs. Hinzu kamen etwa 230.000 Neuerkrankungen an weißem Hautkrebs.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Damit ist Hautkrebs fünfthäufigste Krebsart in Deutschland. Weißer Hautkrebs ist zwar meist weniger aggressiv, kann aber dennoch schwerwiegende Folgen haben, besonders bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Beim schwarzen Hautkrebs bilden sich in fortgeschrittenem Stadium deutlich häufiger Metastasen. Diese zu behandeln ist teuer. Die Jahrestherapiekosten für ein Medikament wie Nivolumab liegen bei rund 76.000 Euro pro Patient:in, während ein Hautkrebsscreening unter 100 Euro kostet.

Wer beim Hautkrebsscreening spart, spart also nur kurzfristig. Langfristig werden Kosten in deutlich teurere Behandlungen verschoben – und es wird in Kauf genommen, dass aus einem früh erkennbaren Befund eine lebensbedrohliche Erkrankung werden kann. Das ist keine nachhaltige Gesundheitspolitik, sondern ein riskanter Rückschritt.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

8 Kommentare

 / 
  • Die Realität ist jetzt das man gar kein Termin bekommt, sogar wenn man in der Risikogruppe ist (Baumpflege, Raum Freiburg). Ich gehe gar nicht mehr hin, auch nicht mit ernsthafte problemen, weil die sowieso keine Zeit habe meine Beschwerden ernst zu nehmen ( ich war bei 2 verschiedene, immer ein halbes Jahr Wartezeit). Da wird einfach nach das abc Schema gehandeld (Anschauen, Beobachten, Cortison) und das kann ich Zuhause auch xD. Also, ich begrüße die Reformen, weil etwas muss passieren.

  • Das ist wie viele Sparmaßnahmen. Was auf die Schnelle, kurze Sicht, Einsparungen verspricht, ergibt bei ganzheitlicher Betrachtung später enorme Folgekosten. Manchal muß Mensch vor sich selber geschützt werden.

  • Die Vorsorge scheitert schon bei dem Versuch, einen Termin bei einem Dermatologen zu bekommen.

  • Dem kann man nur zustimmen. Danke für den Artikel. Es ist wie seit Jahrzehnten: Statt die grundlegenden Probleme zu lösen, wird an der falschen Stelle gespart.



    Das grundlegende Problem scheint mir zu sein, ob die Besitzenden, Beamten und Gutverdiener sich angemessen an den Kosten der Gemeinschaft beteiligen wollen – oder ob wir überall eine Zweiklassengesellschaft bekommen: eine öffentliche, die nicht mehr richtig funktioniert, und eine für diejenigen, die es sich leisten können.



    Das gilt für Bildung, Kunst, Gesundheit, Altersvorsorge, Infrastruktur, Pflege und vieles mehr. Das ist der Kern. Diese Regierung scheint den Weg konsequent zu Ende gehen zu wollen, der schon unter Helmut Schmidt begonnen wurde.

  • Wie kann eine Bundesgesundheitsministerin nicht wissen, was ein Krebsscreening bedeutet und den Unterschied zwischen Vermeidung und Früherkennung von Krebs nicht kennen? Oder, was ich viel eher glaube, so tun, als wüsste sie es nicht?



    Ich bin entsetzt. Als Brustkrebspatientin (2023) weiß ich sehr gut, wie teuer so eine Behandlung werden kann, denn auch für GKV-Menschen ist wegen der Zuzahlung genau aufgeschlüsselt, was allein die Chemotherapie gekostet hat.



    Diese Ignoranz von Warken ist einfach eine Katastrophe.

  • Ich habe das bisher immer selber bezahlt? Kostet auch nicht viel. Ist es idiotisch das es nicht bezahlt wird ja. Aber sollte jeder das Geld für aufgetrieben kriegen.

  • Auf ganzer Linie baut die Union den Sozialstaat ab. Und das ganze mit Beteiligung der SPD.

    Am Ende werden die Menschen mit wenig Geld elendig zu Grunde gehen während die Reichen gesund und munter ihren E-SUV mit dem eigenen Solarstrom laden.

    Die Union und die SPD sind in dieser Regierung die Totengräber Deutschlands.

  • Zumal jetzt die Generation X, also die, die sich ausgiebig gesonnt und ins Sonnenstudio gegangen ist, ins entsprechende Alter kommt.



    Sonnenstudios, deren Nutzung in den 80ern teils in Boulevard-Zeitschriften empfohlen wurden: gegen Akne, Neurodermites, und zur „Vorbereitung“ auf die Urlaubssonne.



    Das war auch die Zeit von, nach Kokos-und Sandelholz duftenden Körperölen ohne jeglichen SPF, für die ganz tiefe Bräune.

    Ausgerechnet jetzt das Screening abzuschaffen um zu Sparen klingt schon ganz schön zynisch.