Verbot in Frankreich: Graue Wölfe per Dekret aufgelöst

Frankreich hat die ultranationalistische türkische Organisation Graue Wölfe aufgelöst. Sie schüre Hass und sei an Gewaltaktionen beteiligt.

Ein bewaffneter Soldat steht einer Gedenkstätte in Lyon - Der Schriftzug Loup Gris ist mit gelber Farbe aufgesprüht.

Schmierereien an einer Gedenkstätte für die Opfer des Genozids an den Armenier*innen in Lyon Foto: Maxime Jegat/MAXPPP/dpa

PARIS taz | Wie von Innenminister Gérald Darmanin am Montag angekündigt, hat Frankreichs Ministerrat am Mittwoch die Aktivitäten der extremistischen türkischen Organisation Graue Wölfe offiziell untersagt und ihre Auflösung angeordnet.

Bei der in zahlreichen europäischen Ländern agierenden Vereinigung handele es sich in Frankreich um „eine besonders aggressive Gruppe“, erklärte Darmanin zur Rechtfertigung seiner Maßnahme, die er nach der Auflösung von radikalen islamistischen Vereinigungen nach den jüngsten terroristischen Attentaten aus Sicherheitsgründen als notwendig erachtet.

Die „Grauen Wölfe“ werden für verschiedene Zwischenfälle und öffentliche Provokationen im Kontext des armenisch-aserischen Konflikts um Bergkarabach verantwortlich gemacht. Ende Oktober hatten mehrere hundert Türken in Décines-Charpieu im Osten von Lyon und weiter südlich in Vienne demonstriert, um so die armenischen Bewohner herauszufordern oder einzuschüchtern.

In Décines wurde in der Nacht auf den 31. Oktober das Mahnmal zum Gedenken an den armenischen Völkermord von 1915 beschmiert. „RTE“ (Abkürzung für Recep Tayyip Erdogan), „Loup gris“ (Grauer Wolf) und „Nique l'Arménie“ (in etwa „Fick Armenien“) war mit gelber Farbe auf die Fassade gesprayt worden. Die Koordination der armenischen Organisationen in Frankreich sprach gar von einer organisierten „Jagd auf Armenier“.

Aktive armenische Diaspora

Schon am 24. Juli hätten türkische „Ultranationalisten“ in Décines eine Strafexpedition gegen die dort lebenden Armenier organisiert, berichtet die Zeitung Le Monde. In dem Vorort von Lyon stehen zwei armenische Kirchen, ein Kulturzentrum mit einem Mahnmal für den Genozid von 1915 und ein Radiosender der armenischen Gemeinschaft. Im Konflikt mit Aserbaidschan um Bergkarabach unterstützt die Diaspora in Frankreich mit Appellen, Geld, Material und auch Freiwilligen die ferne Heimat, während die Türkei Aserbaidschan hilft.

Die Bürgermeisterin von Décines, Laurence Fautra, hatte von den zuständigen Behörden Schutz der bedrohten Bevölkerung verlangt. Daraufhin wurden Militärs zu Straßenpatrouillen entsandt. Die Bilder von bewaffneten Uniformierten haben indes vor Ort eher schockiert als beruhigt.

„Wir leben doch nicht in einer Kriegszone, wir haben hier ein Mosaik von Kulturen, die bisher in Frieden zusammenlebten“, sagte Fautra, die hofft, dass das türkische Konsulat in Lyon seine Landsleute zur Zurückhaltung bewegen könne.

Die Zwischenfälle wegen des armenisch-aserischen Konflikts sind für die französische Regierung ein Anlass, eine in Europa auch für gewaltsame Aggressionen gegen türkische Oppositionelle und ausländische Gegner von Erdoğan berüchtigte rechtsextreme Vereinigung zu verbieten. In Frankreich war diese allerdings nie als eingetragener Verein zugelassen.

Islam im identitären Sinne

Ursprünglich wurden die Grauen Wölfe 1968 von einem türkischen Oberst als paramilitärische Organisation im Umfeld der ultranationalistischen Partei MHP gegründet. Die Grauen Wölfe sind „eine rechtsextreme türkische Bewegung im faschistischen Stil, die auf nationalistischen und ethnischen Elementen beruht. Der Islam ist darin eher in einem identitären Sinne von Bedeutung: Man ist Türke, also Muslim“, erklärte Jean Marcou, Professor an der Universität Grenoble und Experte für Politik im Mittleren Osten und Mittelmeerraum am französischen Radio France-Info.

Heute unterstützen diese Extremisten im In- und Ausland die nationalistische Politik Erdoğans. Darum dürfte das jetzt in Paris offiziell ausgesprochene Verbot die Spannungen zwischen dem türkischen Staatschef und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron noch verschärfen. Erdoğan hatte wegen der Mohammedkarikaturen zu einem Boykott französischer Güter aufgerufen.

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