Cello Konzert in einem Kuhstall

Neues Publikum: Dänische Studierende spielen im April 2021 Cello für Kühe Foto: Carsten Snejbjerg/YNT/redux/laif

Veränderungen durch die Pandemie:Was bleibt nach Corona?

Covid-19 hat unser Leben verändert. Ein Blick auf acht Bereiche, in denen das Neue die Pandemie überdauern könnte.

15.5.2021, 09:48  Uhr

Corona tritt – zumindest in unseren Breiten – in eine neue Phase ein. Mehr und mehr Menschen werden geimpft, erste Versuche sind zu beobachten, das alte Leben aus der Zeit vor der Pandemie wieder zurückzugewinnen: Cafés öffnen ihre Terrassen, die Frage, was Geimpfte und Genesene künftig gegenüber Nichtgeimpften tun dürfen, ist konkret geworden. Zeit also, eine Bilanz zu ziehen: Wir arbeiten ­anders, wir gehen anders miteinander um, wir bewegen uns anders, wir erleben, wie sich Altgewohntes neu denken lässt. Was davon könnte bleiben?

Die Wissenschaft

Was wäre man ohne sie gewesen – ohne Christian Drosten, Viola Priesemann, Isabella Eckerle, Michael Meyer-Hermann und Karl Lau… aber nein, der ist ja Politiker. Es waren aber die Wissenschaftler:innen, die der Öffentlichkeit in der Pandemie geholfen haben zu verstehen, was gerade passiert. Die Rede und Antwort standen, erklärten, oft auch Konsequenzen benannten. Nie zuvor hat die Wissenschaft eine so zentrale Rolle für die Bevölkerung gespielt, ist die Bedeutung der Forschung so sichtbar geworden. Nicht selten ist nun zu hören, dass die Akzeptanz gegenüber der Wissenschaft an Corona genesen ist.

Aber man darf sich nichts vormachen. Das Virus hat nicht nur geeint, es hat auch massive Verständigungsprobleme und falsche Rollenvorstellungen im Verhältnis Öffentlichkeit und Forschung offengelegt, an denen in Zukunft zu knabbern sein wird. Die Wissenschaft hat zu lange versäumt, ein halbwegs realistisches und selbstkritisches Bild von sich zu vermitteln und damit die Gesellschaft zu wappnen für das Labyrinth der pandemischen Erkenntnissuche.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Das rächt sich jetzt. Vor allem zwei Dinge blieben von Teilen der Öffentlichkeit unverstanden. Da ist zuerst die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse, die oft zu Widersprüchen führt und keinesfalls dazu taugt, endgültige Schlüsse zu ziehen. Ein Beispiel ist die Debatte um Kinder als „Pandemietreiber“. Aus einem Wirrwar ungeprüfter, vorpublizierter Studien, Preprints genannt, pickten sich Schul­öffnungsbefürworter:innen genauso Belege für ihre Position heraus wie die Geg­ne­r:in­nen von Schulöffnungen.

Die Folge waren verhärtete Fronten, aber kein Erkenntnisgewinn. All jene offenen Fragen, die normalerweise im wissenschaftlichen Prozess diskutiert werden und damit eine Sortierfunktion im Wust der Studien ausüben, fielen in dieser öffentlich geführten Diskussion einfach weg. Kein Wunder, es fehlte ja jede Erfahrung mit solchen Vorläufigkeiten.

Ein zweiter Umstand wiegt womöglich noch schwerer: der, dass Wis­sen­schaft­le­r:in­nen Menschen sind. Nicht jeder Mensch ist selbstlos und klug. Auch manch Pro­fes­so­r:in ist eitel, obgleich mäßig kompetent – und drängt ins Fernsehen, wenn sich die Chance bietet. So entstehen Expert:innen, die keine sind, und die qua Titel dennoch in Position gebracht werden, wenn For­sche­r:in­nen mit Kenntnis und Erfahrung unangenehme Tatsachen aussprechen. So werden Expertenkriege stilisiert, die keine sind.

Die wissenschaftlichen Organisa­tio­nen werden sich nach der Pandemie nicht darauf ausruhen können, einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Virus geleistet zu haben. Selbst wenn Letzteres fraglos Tatsache ist.

Kathrin Zinkant

Das Miteinander

Wenn es in Beziehungen Konflikte gibt, dann dreht es sich meist um Fragen der Macht oder um solche von Nähe und Dis­tanz. Häufig sind zu viel Nähe und zu wenig Distanz das Problem. Und dieses Problem ist uns in der Coronazeit abhanden gekommen, so wir nicht „­einem Haushalt“ entstammen und einander ständig auf der Pelle hocken: Anstatt einander die Hände zu reichen, touchieren wir uns mit harten Knochen. Den Knöcheln oder den Ellbogen.

Distanzierter, steifer geht’s nicht, außer man ist Hamburger Pfeffersack oder ostfriesischer Leuchtturmwärter. Und das ist wirklich ein Drama, hatten wir uns doch hierzulande gerade erst erfolgreich mediterranisiert. Legendär die Usus gewordenen ellenlangen Begrüßungs- und vor allem die Abschiedsrituale in Freundes- und sogar Kolleg:innenkreisen. Ein einziges, endloses Gedrücke, sich in den Arm nehmen und sanft an der Schulter berühren in engen Hausfluren und auf den Bürgersteigen vor gastronomischen Einrichtungen, im Winter auch unter dem Heizpilz.

Nun reicht es also nicht einmal mehr für einen ostdeutsch-protestantisch-proletarischen Händedruck. Ganz zu schweigen von Münchner Gesellschaftsküssen, die angesichts der auftretenden Aerosolwirbel fast schon als justiziabel gelten.

Was kommt als Nächstes? Die Rückkehr zu militärischen Begrüßungsformen aus der Kaiserzeit? Salutieren? Sich an den Hut tippen? Den rechten Arm hochreißen?

Als wir noch nicht von Öffnungsorgien träumten, hatten wir einfach welche. Schubberten aneinander bei überfüllten Konzerten, drängten uns durch Mengen feuchtwarmer Körper auf Tanzflächen und inhalierten fröhlich die Alkohol gesättigten Ausdünstungen der Nachbar-Nachtschwärmer:innen in schlecht gelüfteten Etablissements. Menschen, die wir gelegentlich und in gegenseitigem Einvernehmen auch drückten/knutschten/ableckten.

Nach einem Jahr Social Distancing können wir uns über zu viel Nähe nicht mehr beklagen. Vielleicht haben wir gelernt, auch bei einem „harmlosen“ Schnupfen in Zukunft zu Hause zu bleiben, anstatt ins Büro zu rennen. Aber ansonsten: Ringelpiez mit Anfassen! Bitte möglichst bald. Und viel.

Martin Reichert

Die Arbeitswelt

Die Coronakrise zeigt Millionen von Angestellten und vielen Ar­beit­geber:innen: Arbeiten kann man auch zu Hause. Die Pandemie hat zu einer enormen Stärkung des Homeoffice geführt – und laut Studien steigen Arbeitszufriedenheit und Produktivität von Beschäftigten dort. Davon profitieren auch Unternehmen. „Beschäftigte schätzen die Selbstbestimmung als größten Vorteil“, sagt die Soziologin Ivonne Lott von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Ivonne Lott, Soziologin

„Frauen nutzen Homeoffice anders als Männer. Weil sie immer noch den Löwenanteil der Sorgearbeit tragen, ist ihr Arbeitsalltag zersplitterter“

Das gilt allerdings nur, wenn die Arbeit zu Hause freiwillig und nicht verordnet ist. Die größere Flexibilität ist ein wichtiger Punkt: Wer im Home­office ist, kann schnell reagieren, wenn das Kind krank von der Kita abgeholt werden muss und keine lange Anfahrt nötig ist. Frauen nutzen Homeoffice anders als Männer, weiß die Soziologin. „Weil Frauen immer noch den Löwenanteil der Sorgearbeit tragen, ist ihr Arbeitsalltag zersplitterter“, berichtet sie.

Doch die neue Arbeitswelt hat auch eine Kehrseite. „Fehlt die räumliche Trennung, schwappt die Arbeit schnell ins Privatleben“, sagt Lott. Beschäftigte können schlechter abschalten, der Kontakt zu den Kol­le­g:in­nen fehlt.

Um das Positive nach der Pandemie zu erhalten, muss eine gute Mischung zwischen Präsenz­arbeit und Homeoffice gefunden werden, sagt Lott. Sie plädiert dafür, das Recht auf Homeoffice zu verankern, damit die Arbeit von zu Hause aus als etwas Normales empfunden wird. Denn nur dann können Beschäftigte entspannt arbeiten und fühlen sich nicht unter Recht­fertigungsdruck. Betriebliche Regelungen sind erforderlich, etwa um eine gute Balance zwischen Privat­leben und Arbeit zu gewährleisten.

Besprechungen via Internet sind seit 20 Jahren möglich, haben aber erst jetzt weite Verbreitung gefunden. Nach Corona werden Videokonferenzen Geschäftsreisen ersetzen. Künftig wird in Deutschland im Vergleich zu 2019 ein Drittel aller Dienstreisen entfallen, erwarten Wis­sen­schaft­le­r:in­nen des Berliner Borderstep-Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit. Sie haben im Auftrag des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) Geschäftsleute befragt, wie oft sie bisher aus dienstlichen Gründen gereist sind und was sie für die Zukunft erwarten. Da die meisten Dienstreisen mit dem Auto oder dem Flugzeug erfolgen, würde bei einem Rückgang um ein Drittel ein CO2-Ausstoß von 3 Millionen Tonnen vermieden, sagen die Forscher:innen.

Anja Krüger

Die Live-Politik

Wer früher Phoenix guckte, hatte auch ein Abo von c’t („Magazin für Computertechnik“), trug Bundfaltenhosen und sammelte Spielzeugpanzer. Alle anderen interessierten sich nicht für die Live-Übertragungen aus den Plenarsälen von Schwerin oder Berlin. Ich konnte stundenlang die russische Invasion in Grosny während des Ersten Tschetschenienkrieges in mitternächtlichen TV-Livestreams gucken. Aber ich entwickelte Antikörper und Abwehrsymptome, wenn ich Be­rufs­po­li­ti­ke­r:in­nen mit ihren rudernden Armen, kieksenden Stimmen und drohenden Zeigefingern sprechen hörte, die ihre Sätze immer mit einem donnernden „meine Damen und Herren“ beendeten.

Heute aber bin ich polytoxikomaner PK-Junkie. Durch die unfreiwillige Teilnahme an drei Ausnahmezuständen (Brexit, Trump, Corona) sind Leute wie ich zu Bingewatchern von Plenardebatten, parlamentarischen Anhörungen und Ausschusssitzungen geworden. Die Livestreams des britischen Parlaments, des Weißen Hauses, des Bundestags, der Bundespressekonferenz oder die Pressekonferenzen der Ministerpräsidentenkonferenzen – ich sauge alles ein.

Das pandemische Politik-Bingen bietet alles, was gute Politserien auch bieten: neben ambivalenten Charakteren (Armin, Markus, Manuela) brutale Machtkämpfe („Ich kann das“), tolle Cliffhänger (stundenlanges Starren auf ein leeres Podium, wo die Kanzlerin die neuen Maßnahmen bekannt geben soll), true crime (Maskenaffäre, Toilettenpapierhandel) und Kitsch („Tschüß. Mach’s gut und see you“).

Allerdings hat das pandemische Politik-Bingen sehr viel mit der Faszination von Verkehrsunfällen zu tun. Nicht, weil die Be­rufs­po­li­ti­ke­r:in­nen so tolle Sachen sagten, machten und um Entschuldigung und Nachsicht baten, wurde man zum schwerstabhängigen PK-Konsumenten. Es war viel eher das fassungslose Entsetzen darüber, dass nicht nur Wis­sen­schaft­le­r:in­nen weniger wissen, als man so dachte, sondern dass Be­rufs­po­li­ti­ke­r:in­nen noch viel weniger wissen, als man so dachte.

Dass Po­li­ti­ke­r:in­nen trotz jahrelanger Beteuerungen, für eine Pandemie gerüstet zu sein, nicht wussten, was zu tun ist, ist aber nur ein Unfall mit leichten Verletzungen. Der folgenreichere Crash liegt in der Erkenntnis, dass Po­li­ti­ke­r:in­nen nicht wissen, wie sie diese Unsicherheit so kommunizieren, dass sich der Respekt selbst der wohlwollendsten ihrer Verfolger nicht in Spott, Verachtung und Bekämpfung verwandelt. Das Ergebnis ist, dass ein fränkischer Hallodri es geschafft hat, eine Umfragemehrheit davon zu überzeugen, dass er der Einzige ist, der von Anfang an wusste, wie man den Laden zusammenhält.

Während ich dieses Textchen schreibe, habe ich einen Livestream angeschaltet, der die PK der CSU-Fraktionsklausur überträgt. Ich hoffe, dass ich diese Sucht auch wieder abschalten kann. Denn vielleicht ist der fränkische Hallodri nur deswegen so erfolgreich, weil Leute wie ich ihn im Livestream verfolgen. Vielleicht werden Leute wie er erst wieder an Umfragewerten einbüßen, wenn Leute wie ich wieder weniger Pressekonferenzen und Ausschusssitzungen bingen.

Doris Akrap

Der Straßenverkehr

Das Wesen der Pop-up-Bikelane ist es, dass sie plötzlich auftauchte, wie über Nacht, und wahrscheinlich kam sie wirklich über Nacht, denn Straßenarbeiten werden ja für gewöhnlich nachts erledigt, um den Autoverkehr nicht zu behindern. Hier war es nur so, dass nach dieser Nacht, in der die Pop-up-Bikelane kam, der Autoverkehr sich dauerhaft würde einschränken müssen.

So schnell kamen diese Lanes, dass die Zeit sogar zu knapp war, einen passenden deutschsprachigen Namen zu finden, deshalb benutzen nun alle den englischen Begriff. Aufgeploppte Fahrradspur würde passen, aber dafür ist es jetzt zu spät, zumal diese Straßenräume, die mittels gelber Linien oder rot-weiß gestreifter Baken dem Autoverkehr abgeknapst wurden, zumindest in Berlin verstetigt werden. Die bleiben, und damit ist klar, dass die Mobilität mittels Fahrrad eindeutig gewonnen hat durch die Corona­pandemie.

Wobei natürlich auch der Autoverkehr gewonnen hat, so muss man es sehen. Der hat zwar nun weniger Platz, aber die Räume sind klarer verteilt, Räder und Autos kommen sich nicht mehr so leicht ins Gehege, das schafft weniger Streit, weniger Stress, weniger brenzlige Situationen – mehr Sicherheit für alle.

Ein Mann mit Maske schaut durch ein Loch in der Märklin Eisenbahn-Landschaft

Neue Hobbys: In der Pandemie fand das Modellbahn-Unternehmen Märklin neue Kun­d:in­nen Foto: Felix Schmitt/NXT/redux/laif

Es war Felix Weisbrich, der inzwischen weltberühmte Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, der die Idee hatte, angesichts der coronabedingt geltenden Abstands­regeln den Raum für die steigende Anzahl von Radfahrern zu vergrößern. Ein Verwaltungsmann also, der aufgrund tiefer Kenntnis diverser Gesetzestexte einen schließlich auch gerichtsfesten Weg fand, das zu tun, wofür „die Politik“ in langwierigen Prozessen unendlich viel mehr Zeit benötigt hätte.

Selten hat jemand aus einer Krisensituation heraus so klug und der Zukunft zugewandt gehandelt wie Weisbrich. Vielleicht ist so etwas beispiel­gebend auch für andere Amtsleute.

Felix Zimmermann

Die Maske

Wer den kulturellen Chauvinismus der westlichen Welt verstehen will, soll sich den Eiertanz ums Maskentragen anschauen. Da waren sich noch im Frühjahr 2020 Leute wie Michael Ryan, der Nothilfedirektor der Weltgesundheitsbehörde WHO, aber auch Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, und der Gesundheitsminister Jens Spahn sicher, dass es nichts bringt, in einer Pandemie Mund und Nase zu bedecken. Was sie damit zum Ausdruck brachten: Länder wie China, Japan, Korea, wo es selbstverständlich ist, Mund und Nase zu bedenken, wenn man erkältet unterwegs ist, zählen nicht. Wie man so etwas nennt? Kulturelle Arroganz wohl.

Das wirklich Gute: Millionen Frauen weltweit haben sich dennoch hingesetzt und Mund-Nasen-Bedeckungen genäht, trotz solch unbewiesener Behauptungen bezüglich deren Nutzlosigkeit. Die Frauen haben es getan, weil sie etwas tun wollten, um ihre Familien zu schützen, weil sie gesehen haben, wie sehr die Krankenschwestern in den Hospitälern unter dem Maskenmangel litten.

Erst als die ersten Studien nachgewiesen hatten, dass Masken schützen, änderte sich die Rhetorik von Politiker:innen, dem RKI, der WHO. Und was kriegten die Studien raus? Mund-Nasen-Bedeckungen schützen erheblich. Sie schützen nicht nur die anderen, sondern auch die Leute, die sie tragen. Die Selbstgenähten der Frauen schnitten dabei so gut ab wie medizinische Masken, wenn sie aus Baumwolle oder Seide und mehrlagig waren.

Das wiederum hat die Politiker hierzulande nicht davon abgehalten, im Laufe der Pandemie anzuordnen, dass nur noch industriell gefertigte OP-Masken, die den selbstgenähten in der Wirkung bestenfalls gleich sind, oder FFP2-Masken getragen werden dürfen.

Der Vorteil für einige Politiker der CDU dabei: Sie konnten mit diesen Masken dank Provisionen viel Geld verdienen. Im Umkehrschluss haben sie damit die Leistungen der nähenden Frauen klein gemacht. Aber das gehört zum westlichen Kulturchauvinismus dazu, dass Leistungen von Frauen weniger zählen.

Wie wirksam das Maskentragen und die Hygienemaßnahmen sind, zeigt sich nun zudem daran, dass die normale Influenza dieses Jahr so gut wie ausgeblieben ist. Laut RKI gab es in der laufenden Grippesaison 2020/2021 bis Ende April 541 Influenza-Fälle. Vor einem Jahr waren es über 185.000.

Daraus könnte abgeleitet werden: Wer in Zukunft eine Erkältung oder Grippe hat, soll, so er oder sie unterwegs ist, Nase und Mund bedecken. Gut möglich, dass es in den westlichen Ländern jedoch nicht so weit kommt. Weil das erneut einen Kniefall vor der Kultur Asiens bedeutete. Es sei denn, dass auch dieses Mal die Frauen ihre selbstgenähten Masken hervorholen und sich und andere damit schützen. Unter dem Hashtag #FrauenhörennichtaufMänner sollte das die Runde machen.

Waltraud Schwab

Die kulturelle Teilhabe

Kunstwerke haben auch im Zeit­alter ihrer technischen Reproduzierbarkeit eine Rest-Aura. Das jedenfalls bewirkten etwa 100 Jahre nach dem Benjamin’schen Diktum über den Aura-Verlust der Kunst die pandemiebedingten Einschränkungen. Allein die Erinnerung an Ausstellungen, Theaterstücke oder Konzerte trieb Tränen der Rührung in die Augenwinkel – ein indirekter Aura-Beweis.

Kunstbegegnungen, wie wir sie kannten, fanden weitgehend nicht statt. Den Ausstellungshäusern traute die kulturferne Politik nicht zu, die auch in Normalzeiten oft überschaubaren Publika in meist mit sehr viel Luft gefüllten Sälen unter Wahrung aller Abstandsregeln zu empfangen.

Theater und Konzertveranstalter waren noch stärker erschüttert. Denn ihre Kunstformen setzen meist auf Versammlungen von eher vielen Menschen Schulter an Schulter, Mund an Nacken. Diese Not führte zur Entwicklung diverser digitaler Bühnen: Live­kommunikation mithilfe von Messengerdiensten und Videokonferenzen, Aufführungen in virtueller und erweiterter Realität. Geteilte Zeit statt gemeinsam besuchter Ort war hier oft das Motto. In Hybridmodellen, mit Handy oder Laptop zu Hause, unterwegs oder in einem Theaterbau wären solche Praktiken auch über die Pandemie hinaus reizvoll.

Das größte Potenzial verspricht für das Theater die erweiterte Realität. Bühnen- oder Stadträume können digital überschrieben werden. Das klassische Format des Audiowalks erfährt so seine dreidimensionale Erweiterung.

Abzusehen ist, dass die alte Bühnen- und Konzertrealität mit ihrem ausdifferenzierten System an geförderten Institutionen, privatwirtschaftlich agierenden Un­ter­neh­me­r*in­nen und frei flottierenden Künst­le­r*in­nen nach der ultimativen Öffnung so nicht wiederkehrt. Zwei Unsicherheitsfaktoren belasten die Branche: Wie viele Leute trauen sich überhaupt wieder in geschlossene Räume mit vielen anderen? Und als wie wichtig wird nach dem postpandemischen Kassensturz Kulturförderung eingeschätzt? Angesichts des marginalen Stellenwerts von Kultur schon während der Pandemie droht eine neue Kahlschlagswelle. Und der Mensch selbst läuft Gefahr, als Kulturwesen zu verkümmern.

Tom Mustroph

Die Arznei-Entwicklung

Als der Krebsforscher und Biontech-Gründer Uğur Şahin Ende August 2020 nach der Zukunft der Arzneimittel­entwicklung gefragt wurde, war das neue Coronavirus gerade mal acht Monate bekannt – und das Covid-Vakzin des Mainzer Unternehmens schon fast auf dem Weg zur Zulassung.

Impfstoffe sind eine, wenn nicht die Erfolgsgeschichte der Pandemie. Ein Exempel, geboren natürlich aus der Not

Impfstoffe sind eine, wenn nicht die Erfolgsgeschichte der Pandemie. Corona hat die Translation von Forschung in die Klinik, die sonst bis zu 15 Jahre Zeit erfordert, auf die Dauer von einem Jahr zusammenschnurren lassen. Ein Exempel, geboren natürlich aus der Not.

Dennoch ist klar, dass dieses Beispiel für die Pharmaindustrie Folgen haben wird. Zumindest steht nicht nur für Şahin fest, dass die Entwicklung von Arzneimitteln schneller werden muss. Kontrolle ja, natürlich. Aber ­weniger bürokratische Hürden, mehr Ressourcen, weniger Wartezeiten im Zulassungsverfahren – damit könnte es in Zukunft schneller gehen, und das nicht nur bei der Entwicklung von Impfstoffen.

Für hochentwickelte Industrie­staaten mag diese Perspektive so funktio­nieren, zumal neue Technologien hier schon existieren und auch umgesetzt werden können. Dennoch zeigt die Krise aktuell sehr deutlich, woran es mangelt und weiter mangeln wird, wenn allein der Translations-Turbo eingelegt wird.

Indien etwa befindet sich seit März im pandemischen Ausnahmezustand mit offiziell Hunderttausenden Neu­infektionen täglich, Dunkelziffer unbekannt. Befördert wird die zweite Welle nicht zuletzt dadurch, dass das Land mit der weltweit viertgrößten Produktion von Covid-Impfstoffen fast keine Coronavakzine für seine Bevölkerung hat.

Nicht einmal zehn Prozent der In­de­r:in­nen sind einfach geimpft, mehr als neunzig Prozent der knapp 1,4 Milliarden Menschen dort sind dem Virus schutzlos ausgeliefert. Zu allem ­Überfluss verbreitet sich in Indien eine mutmaßlich sehr ansteckende Variante von Sars-CoV-2 besonders ­rasant. Viele andere Entwicklungs- und Schwellenländer erleben ähnliche Gemengelagen aus starker Virusverbreitung, Mutantenbildung und zugleich sehr niedriger Impfquote.

Für Gerechtigkeit, was den Zugang zu Arzneien angeht, nicht nur während einer Pandemie, sind deshalb auch politische und wirtschaftliche Veränderungen nötig, die sich auch nicht in der zeitweisen Aufhebung des Patentschutzes erschöpfen können.

Denn was soll ein Staat wie Indien mit einem Kochrezept für einen modernen, aber empfindlichen Impfstoff wie jenem von Biontech – wenn weder die nötigen Rohstoffe, noch Spezial­labors noch Kühlketten für Herstellung und Transport im Land selbst verfügbar sind?

Kathrin Zinkant

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben