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Ungewöhnlicher AktivistDer Anwalt für marktbasierten Klimaschutz

Mathis Bönte verteidigte als Rechtsanwalt die Letzte Generation und warb in der FDP für Klimaschutz nach den Regeln der Partei. Wie war das?

So einen wollte die FDP vor die Tür setzen: Mathias Bönte als Anwalt vor Gericht Foto: Guido Kirchner/picture alliance

Wie ein Störenfried sieht Mathis Bönte eigentlich nicht aus: blonde kurze Haare, freundliches Lächeln, gebügeltes weißes Hemd. Doch der Münsteraner Anwalt stört die Gerichte, stört in seinem Freundeskreis, auch in der FDP hat er gestört. „Eigentlich bin ich eher ruhig, und es ist auch so, dass ich die Menschen, die ich dann störe, stellenweise auch eigentlich mag.“

Dass die Klimakrise ignoriert wird, ist für Bönte der Grund zum Stören. Früher hat sich der 43-Jährige selbst nicht besonders dafür interessiert. Doch dann gab es vor einigen Jahren im Ski-Urlaub diesen Moment, der ihn zum Nachdenken brachte. Beim Aprés-Ski in Ischgl, Österreich, wurde so ein Lied gesungen: „Wenn auch die Pole schmelzen und das Wasser steigt, Hauptsache, der Kuhstall bleibt.“ Bönte saß danach im Lift und ihn durchzuckte der Gedanke: „Oh Mann, wie lange kannst du überhaupt noch Ski fahren?! Das war meine erste Angst, die mit der Klimakrise verbunden war.“

Wieder zu Hause in Münster fängt er an, mit seiner Frau Dokus zu schauen, wissenschaftliche Artikel zu lesen. Ende 2018, als erste Fridays-for-Future-Demos stattfinden, wird Bönte klar: Der Klimawandel ist nicht wie andere politische Probleme, „sondern ein Problem, das muss gelöst werden, und wenn das nicht gelöst wird, ist es halt vorbei“. Er mischt sich unter die jungen De­mons­tran­t*in­nen in seiner Heimatstadt. Wenige Erwachsene laufen „ein bisschen verschämt in der letzten Reihe mit“. Bönte spricht eine der Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen an: „Ich bin Rechtsanwalt, kann ich euch irgendwie helfen?“

Er schafft sein Auto ab, verzichtet aufs Fliegen und vertritt zunehmend Kli­ma­ak­ti­vis­t*in­nen vor Gericht, insbesondere Mitglieder der Klimabewegungen Extinction Rebellion und der Letzten Generation. Unter ihnen ist auch Henning Jeschke, der die Letzte Generation mitbegründet hat. Bönte merkt, dass die Klimaprozesse den Gerichten unbehaglich sind: Wie umgehen mit jungen Aktivist*innen, die vorher nie straffällig geworden sind und durch zivilen Ungehorsam auf die Klimakrise aufmerksam machen?„Die Gerichte haben versucht, die Verfahren schnell einzustellen.“

Und jetzt: in die FDP

Doch Kli­ma­ak­ti­vis­t*in­nen zu vertreten, ist Bönte nicht genug. 2023 wird er Mitglied der FDP – mit einem einzigen Ziel: Er will in der Partei über den Emissionshandel aufklären. Die Liberalen leugnen nicht den Klimawandel. Sie wollen Klimaschutz aber nicht über Verbote erreichen, sondern darüber, dass der Markt es regelt. Und das ist ja die Idee des Emissionshandels: „EU-weit wird Jahr für Jahr die Menge an Benzin und Gas reduziert, die verkauft wird. Und wenn die Unternehmen ihre Zertifikate aufgebraucht haben, dann können sie auch kein Gas mehr verkaufen.“

Was Bönte sagen will: Benzin und Gas werden auf jeden Fall so teuer, dass Leute sich die fossilen Brennstoffe irgendwann nicht mehr leisten können und von selbst auf alternative Energien umsteigen würden. In der FDP fehlt ihm der Mut, darüber aufzuklären. „Und ich bin mir relativ sicher, hätten die Leute das verstanden, dann hätten die das Heizungsgesetz nicht mehr so schlimm gefunden.“

Bönte wird in der FDP der Unbequeme. Mal stellt er sich vor das Axel-Springer-Haus, wie ein Youtube-Video zeigt. Mal verknüpft er sich mit Ak­ti­vis­t*in­nen von Extinction Rebellion, erstellt Flyer und ein Demoschild, besorgt sich ein knallgelbes Polohemd mit dem FDP-Logo und fährt zu einer Wahlveranstaltung der Liberalen in Bayern mit Christian Lindner.

Der Rausschmiss

Dort steuert ein Mitglied der Münchener FDP direkt auf Bönte zu und lässt sich sein Einlassbändchen zeigen. „Dann riss der mir das ab und sagte: Sie gehen jetzt raus! War ich total perplex. Das war eine komplett kuriose Situation, und ich habe gesagt: Warum werde ich denn jetzt hier rausgeschmissen? Ich bin FDP-Mitglied, ich habe sogar so ein Polohemd an – Sie gehen jetzt raus! Keine Begründung genannt, nichts.“

Nach dem Vorfall tritt Bönte nicht sofort aus. Doch als die FDP im November 2024 die Koalition verlässt und die Zustimmung zur Partei vor der vorgezogenen Bundestagswahl schwindet, sieht er hier keine Zukunft mehr. Geschweige denn eine Möglichkeit, irgendetwas zu bewegen.

Auch in seinem Freundeskreis versucht Bönte, das Thema Klima hochzuhalten. Unter seinen Studienfreunden befinden sich SUV-Fahrer und Liebhaber von häufigen Fernreisen. Zu einem Geburtstag wünscht sich Bönte von ihnen Zertifikate, um Bäume zu pflanzen. „Ich habe die Bäume bekommen. Die haben gesagt, finden wir gut, aber wollten sich nicht mehr über die Klimakrise unterhalten.“

Bönte lässt sich aber nicht entmutigen, weiter Aufmerksamkeit für die Klimakrise zu schaffen. Zurzeit schreibt er bei einem Münsteraner Online-Magazin Kolumnen zum Klimaschutz und berät als Anwalt nun auch ein Start-up für nachhaltige Landwirtschaft.

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