Umweltaktivistin über Autobranche

„Eine kriminelle Industrie“

Das Bündnis „Sand im Getriebe“ will die Automesse IAA blockieren. Sprecherin Tina Velo plädiert für ein Verkehrssystem, das allen zugänglich ist und die Luft rein hält.

Ein Auto in schrillen Farben steht in einem Glaskobus, Journalistinnen und Journalisten fotografieren es.

„Elektromobilität geht nicht an die Wurzel des Problems“, sagt Tina Velo Foto: dpa

taz: Der Kohleausstieg wird zwar dauern, ist aber beschlossene Sache. Muss sich die Klimabewegung jetzt den nächsten Gegner suchen?

Tina Velo: Der Kampf gegen Braunkohle ist weiterhin wichtig. Aber Braunkohle ist auch nur ein Feld von vielen. Es wird Zeit, dass sich die Klimagerechtigkeitsbewegung weitere Themenfelder erschließt. „Sand im Getriebe“ hat entschieden, sich dem Verkehrssektor zu widmen. Da ist in den letzten Jahrzehnten gar nichts passiert.

Wer ist „Sand im Getriebe“?

Ein Bündnis politisch Aktiver, einige kommen von Ende Gelände, einige von Extinction Rebellion, einige aus lokalen Verkehrsinitiativen. Unser Ziel ist es, im September die Internationale Automobil-Ausstellung IAA zu blockieren.

33 Jahre, ist Sprecherin von „Sand im Getriebe“ und langjährige Aktivistin der Klimagerechtigkeitsbewegung.

Warum jetzt die Autoindustrie?

Verkehr ist der einzige Bereich in Deutschland, in dem die CO2-Emissionen weiter steigen, und einer der maßgeblichen Gründe, warum Deutschland seine Klimaziele nie erreichen wird. Mobilität ist außerdem das Feld, wo am wenigsten Fortschritt zu sehen ist. Der Dieselskandal hat gezeigt, mit was für einer kriminellen Industrie wir es zu tun haben.

Im Vergleich zur Kohleindustrie dürfte es beim Kampf gegen Autos mit dem Rückhalt in der Bevölkerung wesentlich schwieriger werden.

Ich glaube, die Liebe der Deutschen zum Automobil wird deutlich überschätzt. Es ist vielmehr eine Abhängigkeit. Dass die aufrechterhalten wird, ist wiederum eine politisch-wirtschaftliche Entscheidung. Aber wir haben uns ja mit dem Ziel IAA für einen Ort entschieden, der nicht die einzelnen Autofahrer trifft, sondern wo sich die politisch Verantwortlichen und die Industrie tummeln.

Wofür steht die IAA?

Es ist die Glitzer- und Glanzmesse dieser zerstörerischen Branche und ein Sinnbild für „business as usual“: Die Autoindustrie will weiter dicke Autos verkaufen und reproduziert ein ekelhaftes Geschlechterbild, wo sich halbnackte Frauen auf Kühlerhauben räkeln. Es ist die Spitze des Eisbergs eines kranken Verkehrssystems. Deswegen wollen wir die IAA lahmlegen.

Was haben Sie vor?

Genaue Details können wir noch nicht verraten, aber es wird vom 13. bis zum 15. September ein ganzes Protestwochenende in Frankfurt am Main geben. Am Freitag wird es Infoveranstaltungen zur Verkehrswende geben, am Samstag veranstalten Greenpeace, Campact, die Deutsche Umwelthilfe, der BUND und die andere NGOs eine Fahrradsternfahrt und eine Demo in der Innenstadt. Am Sonntag werden wir dann als „Sand im Getriebe“ die IAA blockieren.

In diesem Jahr wird Elektromobilität auf der Messe ein großes Thema sein. Ein Fortschritt, oder?

Nein. Das ist ein typischer Lösungsversuch des grünen Kapitalismus: nämlich genauso weiterzumachen wie bisher, nur mit einem anderen Antriebssystem, das marginal ökologischer ist. Es geht nicht an die Wurzel des Problems: dass unser Verkehrssystem auf individuellen Motoren basiert. Wir brauchen ein Verkehrssystem, das allen zugänglich ist, mit dem wir uns in Städten und Gemeinden frei bewegen und saubere Luft atmen können. Das ist mit Autos nicht möglich, egal ob Elektro- oder Verbrennungsmotor.

Okay, aber das erreicht man weder von heute auf morgen noch durch eine Messe-Blockade.

Aber die Hauptaufgabe von so­zia­len Bewegungen ist es auch nicht, Lösungen zu präsentieren, sondern den Finger in die Wunde zu legen. Uns ist wichtig zu zeigen, dass es viele Menschen gibt, die absolut nicht mit dem Verkehrssystem einverstanden sind.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben