Ulrike Herrmann über Krieg und Ökonomie: „Europa muss fähig sein, sich allein zu verteidigen“
Die Wirtschaft ist ein unterbelichteter Faktor im Krieg, sagt taz-Redakteurin und Buchautorin Ulrike Herrmann. Sie plädiert für Aufrüstung.
taz: Ulrike Herrmann, Dein neues Buch heißt „Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet.“ Kannst Du Dich noch erinnern, wie die Idee entstand?
Ulrike Herrmann: Die Buchidee entstand im Frühjahr 2022 – direkt nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine. Ich konnte es gar nicht fassen, dass Putin einen so großen Krieg beginnt, denn Russland ist zu arm für diesen Konflikt. Aber in der Berichterstattung tauchten ökonomische Aspekte fast gar nicht auf. Es ging vor allem um Militär, Diplomatie, Politik. Die Wirtschaft fehlte.
taz: Jetzt steht aktuell ein Kriegsherd im Fokus, der im Buch noch gar nicht auftaucht: Der Iran. Wie passt der zu Deinen Thesen?
Herrmann: Auch im Iran wird die Wirtschaft den Krieg entscheiden – weil Teheran das Öl zur Waffe macht, indem es die Straße von Hormus schließt. Jetzt fehlen zwanzig Prozent der globalen Ölförderung. Trump hat diese Gefahr offenbar vorher nicht gesehen, was nochmal zeigt, wie oft die Wirtschaft ignoriert wird.
Im taz Salon „Geld als Waffe“ stellt Ulrike Herrmann ihr neues Buch vor. Und zwar am
12. 5. 2026, 19 Uhr im Kulturzentrum Faust in Hannover und im Livestream
9. 6. 2026, 17 Uhr und 20 Uhr im hansa 48 in Kiel
11. 6. 2026, 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus in Bremen
Tickets unter taz.de/taz-Salon-ueber-Kriegswirtschaft/. Dort findet sich auch der Link zum Livestream.
Im Buch beschäftigst Du Dich intensiv mit Russland und China. Warum diese beiden?
Herrmann: Diese Konstellation ist für uns in Europa am gefährlichsten. China und Russland wollen andere Länder erobern – und arbeiten dabei indirekt zusammen. Russland attackiert die Ukraine und könnte auch Nato-Gebiet angreifen, China bedroht Taiwan. Dieses Szenario erinnert entfernt an den Zweiten Weltkrieg. Damals führten das Deutsche Reich und Japan gleichzeitig Krieg, was die USA geschwächt hat, weil sie auf zwei Kriegsschauplätzen präsent sein musste. Dieses Problem wiederholt sich jetzt. Da sich die USA vor allem auf China konzentrieren, muss Europa fähig sein, sich allein gegen Russland zu verteidigen. Das gilt auch, wenn Trump nicht mehr US-Präsident ist.
taz: Du unternimmst auch einen großen Ritt durch die russische und die chinesische Geschichte. Warum ist Dir der wichtig?
Herrmann: Das heutige Russland und China versteht man gar nicht ohne ihre historische Entwicklung. Ein Beispiel: Russland ist das größte Land der Erde und hat enorme Mengen an Rohstoffen – trotzdem war es immer rückständig. Wie kann das sein?
taz: Was mir vorher nicht klar war: Wie sehr die Kriegsschauplätze alle vernetzt sind.
Herrmann: Stimmt. Diese engen Verflechtungen zeigen sich jetzt auch im Iran: Die Patriot-Luftabwehrraketen sind so knapp, dass die USA einige Systeme aus dem Pazifik in den Nahen Osten verlegen mussten. Das könnte einen chinesischen Angriff auf Taiwan wahrscheinlicher machen.
taz: Die EU muss aufrüsten, sagst Du. Und zwar gemeinschaftlich. Was bedeutet das für unsere Wirtschaft?
Herrmann: Momentan fehlen in Europa fast alle wichtigen Waffen, um uns zu verteidigen. Wir haben keine Drohnen, keine Abwehrdrohnen, kaum Raketen und Marschflugkörper und auch viel zu wenig Luftabwehr. Wir müssen also nachrüsten, was wir uns aber mühelos leisten können. Um es etwas zynisch auszudrücken: Unser Glück ist, dass Russland vergleichsweise arm ist. Die Nato muss gar nicht viel Geld aufwenden, um Putin abzuschrecken. Bis 2035 sollen die Wehretats auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen – so viel hat man unter Willy Brandt auch in die Bundeswehr gesteckt.
taz: Welche Deiner Thesen hat bisher den heftigsten Widerspruch ausgelöst?
Herrmann: Natürlich gibt es immer noch Menschen, die auf Verhandlungen mit Putin hoffen. Das kann ich verstehen, halte es aber für eine Illusion. Putin muss immer weiter Krieg führen, weil ein Frieden für ihn zu gefährlich wäre. Erst im Frieden würde sich zeigen, wie teuer der Krieg war. Die Inflation wäre weiterhin hoch, und zudem wären Millionen arbeitslos, weil sie an der Front und in der Rüstungsindustrie nicht mehr gebraucht würden. Dieses Chaos will Putin nicht riskieren.
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