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9. Mai in RusslandKeine Siegesparade

Russlands Präsident Putin inszeniert den Angriff auf die Ukraine als die Fortsetzung des Großen Vaterländischen Kriegs. Nach fünf Jahren Kriegsdauer wird dies immer fragwürdiger.

Der Siegesmythos soll das öffentliche Bewusstsein dominieren Foto: Mikhail Tereshchenko/imago

D er 9. Mai rückt näher – ein von Wladimir Putin annektierter Tag, einst der wichtigste Gedenk- und Trauertag für viele Menschen in Russland. Seit 1945 sind 81 Jahre vergangen, und so sehr Putin auch an die Veteranen appellieren möchte – die jüngsten von ihnen müssten heute mindestens 100 Jahre alt sein; der letzte Einberufungsjahrgang im Großen Vaterländischen Krieg war 1927. Die neben ihm auf der Tribüne sitzen könnten, sind ganz sicher keine echten Frontkämpfer.

Irina Scherbakowa

ist Vorsitzende der Organisation „Zukunft Memorial“.

Von Anfang an hat Putin seinen Angriff auf die Ukraine mit dem Großen Vaterländischen Krieg verknüpft und versucht, die russischen Bürger davon zu überzeugen, ihn als dessen faktische Fortsetzung zu betrachten. Bereits zehn Monate vor dem Angriff auf die Ukraine sprach er 2021 bei der Parade zum 9. Mai von „Haufen unbesiegter Henker und ihren Anhängern“, von „Versuchen, die Geschichte umzuschreiben, Verräter und Verbrecher zu rechtfertigen, an deren Händen das Blut Hunderttausender Zivilisten klebt“.

Zugleich erklärte er, Russland werde „entschlossen die nationalen Interessen verteidigen und die Sicherheit unseres Volkes gewährleisten … Es gibt weder Vergebung noch Rechtfertigung für jene, die erneut aggressive Pläne schmieden.“

Seit Beginn der Aggression beschwört Putin die Bevölkerung mit diesem längst vergangenen Sieg. Daher nimmt auch die Verherrlichung von Stalin zu – allein im letzten Jahr sind etwa 20 neue Denkmäler entstanden. Auf absurde Weise wird Wolgograd neunmal im Jahr zu Gedenktagen wieder in Stalingrad umbenannt. Der örtliche Flughafen heißt inzwischen dauerhaft „Stalingrad“.

Diese Verherrlichung trägt fast heidnische Züge – als könnten Denkmäler für ein früheres Idol bei der heutigen Aggression helfen. Denn der Krieg gegen die Ukraine dauert inzwischen länger als der Große Vaterländische Krieg; doch ist in diesem Angriffskrieg kein Ende und kein Sieg in Sicht.

Gefahren durch ukrainische Drohnen

Vor dem Hintergrund einer im fünften Kriegsjahr zunehmend erschöpften Bevölkerung, die die Folgen immer stärker spürt, kursierten sogar Gerüchte über eine mögliche Absage der Parade – die Gefahren durch ukrainische Drohnen sind zu offensichtlich. In jedem Fall fällt in diesem Jahr auf, dass die Moskauer Straßen nicht wie sonst zehn Tage vor der Parade vom Lärm endloser Proben schwerer Militärtechnik erschüttert werden.

Offenbar soll der Siegesmythos nun das öffentliche Bewusstsein dominieren – alles, was ihm widerspricht, wird entfernt: Die Organisation Memorial wurde als extremistisch eingestuft.

Das Gulag-Museum wurde in ein Museum über den „Genozid am sowjetischen Volk“ im Zweiten Weltkrieg umgewandelt, Denkmäler für die Opfer von Repressionen werden zerstört, und am Ort der Erschießung polnischer Offiziere in Katyn wurde eine Ausstellung über den angeblich jahrhundertelangen Hass der Polen auf Russland eröffnet. Es fehlt nur noch, den Solowezki-Stein vom Lubjanka-Platz zu entfernen und dort wieder ein Denkmal für Felix Dserschinski aufzustellen.

Es ist offensichtlich: Je schlechter die Lage im Krieg und in der Wirtschaft wird, desto stärker werden diese Tendenzen – das Regime versucht, die Erinnerung an den Massenterror wie mit einem Radiergummi aus dem nationalen Gedächtnis zu löschen. Alles soll sich in einem Teufelskreis wiederholen, in dem man dieses Gedächtnis selbst, die Erinnerungsorte und die eigene Geschichte zum „Extremismus“ erklärt.

Doch im fünften Kriegsjahr wird all dies zunehmend fragwürdig – der vergangene Sieg lässt sich nicht mehr an die Stelle der gegenwärtigen, zähen Katastrophe setzen. Deshalb wird die Parade zwar stattfinden – das wichtigste Fest Putins –, jedoch in deutlich bescheidenerer und verkürzter Form, scheinbar auch ohne Panzer und Raketen.

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