Dorothea Hahn über ein Urteil gegen Trump wegen sexueller Nötigung
: Das Rennen ist noch nicht vorbei

Eine Frau in New York, ein vielfach vom Täter beschimpftes und verunglimpftes Opfer, hat geschafft, woran zuvor reihenweise Männer sowie auch ein paar Frauen in den mächtigen Institutionen der USA gescheitert sind.

E. Jean Carroll hat Donald Trump vor Gericht gebracht und alle neun Geschworenen davon überzeugt, dass er haftbar ist. Nach der einstimmigen Entscheidung vom Dienstag muss der Ex-Präsident seinem Opfer 5 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen – 2 Millionen wegen sexueller Gewalt, drei wegen jahrelanger Diffamierungen.

Die 79-jährige Journalistin und Autorin Carroll verdient Respekt für ihren Mut und für ihre Hartnäckigkeit. Weil die zugrundeliegende Straftat verjährt ist, konnte sie Trump zwar nur zivilrechtlich belangen. Aber sie hat sich gegen einen durchgesetzt, der unverwundbar schien.

Die Entscheidung wird landesweit Frauen ermuntern, ihre Angreifer, mögen sie noch so einflussreich sein, vor Gericht zu bringen. Sie ist ein gerichtlicher Erfolg der MeToo-Bewegung gegen den obersten Verdächtigen in den USA.

Neue Erkenntnisse über Trumps Charakter hat der Prozess nicht gebracht. Schließlich gibt es mehr als zwei Dutzend weitere Frauen, die versucht haben, wegen sexueller Übergriffe gerichtlich gegen ihn vorzugehen. Er selbst hat damit geprahlt, dass er „Pussis grapscht“.

In den meisten Demokratien wäre einer wie er politisch tot. Aber in den USA sorgen mehrere Faktoren dafür, dass er weiter im Rennen für das höchste Amt bleibt. Da ist einerseits seine verblendete Basis, andererseits die Führungsriege seiner Partei, die bar jeden Rückgrats ist.

Die Republikaner verstehen sich als Verteidiger konservativer Familienwerte. Aber wenn es um Trump geht, der ihnen Steuersenkungen und die Abschaffungen von Umwelt- und Sozialregeln gegeben hat, kennen sie keine Moral. Sie sehen nur Umfragen. Und die stehen, wie oft, wenn er in die Enge gerät, mal wieder günstig für Trump.