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Trainerin Eta bei Union BerlinKümmerlich kleine Auswahl

Vor ihrem historischen Debüt bei den Männern von Union Berlin wird Trainerin Eta wie eine Außerirdische beäugt. Dahinter steckt ein Strukturproblem.

Steht unter strengster Beobachtung: Marie-Louise Eta trainiert erstmals hauptverantwortlich die Männer vom 1. FC Union Berlin Foto: Annegret Hilse/reuters

Hätte sich Marie-Louise Eta diese Woche beim Training des 1. FC Union Berlin dreimal hinter dem Ohr gekratzt, wäre dies aller Wahrscheinlichkeit nach in irgendeiner Zeitung berichtet worden. Die 34-jährige Trainerin steht unter strengster Beobachtung, seitdem ihr Verein am Samstagabend verkündet hatte, dass sie als erste Frau in der Geschichte des deutschen Erstligafußballs ein Männerteam betreuen wird.

So wurde sie schon beim ersten Training wie eine Außerirdische bestaunt. Ihre ersten historischen Worte („Ey Jungs, kommt zusammen“) wurden für die Nachwelt festgehalten. „Klare Kommandos“ und eine „deutliche Ansprache“ wurden ihr anerkennend attestiert. Und die Worte „Vollgas“ und „Stopp!“ sollen gefallen sein. Das könnten gut 40 Vertreter der nationalen und internationalen Presse, die beim ersten Training vor Ort vermutlich für einen Rekordbesuch sorgten, bezeugen.

Eigentlich sollte die Einstellung von Eta im Jahre 2026 bei einem Männerbundesligisten keine Besonderheit sein, befand Nicole Kumpis. Dass dem nicht so ist, weiß die Präsidentin von Eintracht Braunschweig nur zu gut. Sie ist aktuell die einzige Präsidentin im deutschen Profifußball. Warum es so lange gedauert hat, bis eine Frau zumindest interimsweise für fünf Spiele ein Männerteam trainieren darf, kann sie ebenfalls erklären: „Es fehlt nicht an fachlicher Qualität, sondern an strukturellen Voraussetzungen und Chancen.“

Statt sich nun mit Argusaugen auf Marie-Louise Eta zu konzentrieren, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wie schwierig es Trainerinnen gemacht wird, nach oben zu kommen.

Der Pool an möglichen Trainerinnen ist kümmerlich klein

Vor zehn Jahren wurden selbst die zwölf Teams der Frauenfußball-Bundesliga noch ausschließlich von Männern trainiert. Der DFB verwies damals stolz darauf, dass 72 Frauen von ihrer Qualifikation her dazu berechtigt wären, eines dieser Teams zu trainieren – so viele wie in keinem anderen Land. Theoretisch sah man sich gut gerüstet, praktisch schlug sich das aber nicht nieder. Mit der zunehmenden Professionalisierung kamen jedoch auch mehr Frauen in die Verantwortung. Heute werden 6 der 14 Erstligisten von Frauen trainiert.

Der Pool an möglichen Trainerinnen, aus dem man auch für den Männerprofifußball schöpfen könnte, ist allerdings vergleichsweise kümmerlich klein. Unter den 50 Absolventen, die der DFB in den letzten drei Jahren mit einer Pro-Lizenz auszeichnete, waren nur zwei Frauen: Sabrina Wittmann von Drittligist Ingolstadt und Eva-Maria Virsinger, die Hoffenheims Bundesligaspielerinnen coacht.

In den letzten Jahren hat der Deutsche Fußball-Bund etliche wohlklingende Projekte und Workshops wie „DFB Female Brilliance“, „Goal Girl Akademie“, „Female Future Leaders in Football“, „Strategie Frauen im Fußball FF27“ ins Leben gerufen, um mehr Frauen in Verantwortungspositionen zu bringen. Die Zugänge zur hochwertigsten Trainerlizenz hat man indes kaum verbreitert. Im aktuellen 17-köpfigen „DFB Pro Lizenz-Lehrgang“ sind mit Clara Schöne und Jacqueline Dünker nur zwei Frauen.

Marie-Louise Eta hat ihr Können bei Union Berlin bereits seit 2023 unter Beweis gestellt. Erst betreute sie die männliche U19 als Assistenztrainerin, seit 2025 dann hauptverantwortlich. Ebenfalls assistierend hatte sie interimsweise auch schon das männliche Erstligateam von Union betreut. Am Samstag um 15.30 Uhr wird sie an der Alten Försterei erstmals als Cheftrainerin an der Seitenlinie stehen.

Imke Wübbenhorst, Trainerin der Fußballerinnen von Young Boys Bern, coachte einst den Männer-Viertligisten Sportfreunde Lotte. Sie ahnt, dass ihre Kollegin Eta nun an anderen Maßstäben gemessen werden könnte: „Ich wünsche ihr, dass sie auch die Punkte holt, weil sonst wird es halt immer wieder daran festgemacht werden, dass sie eine Frau ist.“(Mit Material von dpa)

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