Sportliches Missverhältnis: Meister werden nur die mit den anderen Bällen und Scheiben
Berlin ist jetzt Meister im Eishockey und Volleyball, Alba und die Füchse liegen auch gut – aber im Fußball ist schon der Nicht-Abstieg eine Meldung.
Z um 10. Mal nacheinander deutscher Volleyballmeister bei den Männern. Zum 5. Mal binnen der letzten sechs Jahre beste deutsche Eishockymannschaft. Wie um die Behauptung zu untermauern, die Berlins gerade viel diskutierte Olympiabewerbung begleitet – die Sportmetropole überhaupt zu sein –, haben die BR Volleys und die Eisbären just in time weitere Titel in die Stadt geholt. Das einzige Manko: Die jeweils entscheidenden Spiele gewannen sie auswärts und nicht in ihren Heimarenen – die Volleys Mittwochabend laut RBB-Übertragung vor gut 50 mitgereisten eigenen Fans in Lüneburg.
Die Kollegen vom Handball, die Füchse, hatten schon vorgelegt, wenn auch nicht in der Meisterschaft wie 2025: Sie holten sich vor kaum drei Wochen den Pokalsieg – und zogen Mittwochabend zudem zeitgleich zum BR-Volleys-Sieg ins Champions-League-Halbfinale ein. Und die Basketballer von Alba stehen kurz vor Beginn der Play-offs, der K.-o.-Phase um die Deutsche Meisterschaft, auf Platz 2 der Bundesliga.
Im Volleyball, Handball, Basketball, Eishockey also ganz vorne – aber im Fußball, der bundesweit populärsten Mannschaftssportart? Da war es dem RBB-Inforadio am Montagmorgen bereits eine Meldung wert, dass Erstbundesligist Union nicht mehr absteigen könne, weil Konkurrent Wolfsburg in Freiburg nur einen Punkt holte und die Berliner darum nicht mehr einholen kann. Wo die anderen Meisterschaften bejubeln, ist im Hauptstadtfußball bloß der Klassenerhalt zu bejubeln und ein Wiederaufstieg für Zweitligist Hertha BSC in weiter Ferne.
Wenn es andersherum wäre, ließe sich das nachvollziehen: Wo der Fußball dominiert, bleiben oft nur die Sponsorenkrümel für den restlichen Sport über. Nicht ohne Grund sind gerade im Handball erfolgreiche Teams in kleineren Städten zu Hause, in denen es keine Profiliga-Fußballkonkurrenz gibt – Gummersbach, Göppingen, Lemgo, Melsungen. Die Metropolen bleiben oder dem Fußball vorbehalten.
Zuletzt vor 95 Jahren Deutscher Fußballmeister
Die Fußball-Bundesliga aber ist unter Europas stärksten Ligen die einzige, in denen die Hauptstadt keine Rolle spielt, ganz anders als in England, Spanien, Frankreich und mit etwas Abstand Italien. In Rom liegt der jüngste Meistertitel zwar auch schon 25 Jahre zurück – aber eben nicht 95 und damit fast ein Jahrhundert wie in Berlin bei Herthas Titel 1931.
Als Gründe werden schon mal herangeführt, Berlin sei eine Stadt der Zugezogenen, Hertha habe eine zu geringe Bindung, es gebe zudem keine großen Konzernzentralen, die für die nötige Finanzkraft sorgen könnten. Und dass im weiten Olympiastadion zu wenig Atmosphäre aufkomme, anders als bei Union in seinem letztlich aber für große Ansprüche zu kleinen Stadion.
Das mag nicht wirklich zu überzeugen. Denn im Schnitt sind in jedem Hertha-Spiel selbst in der 2. Liga zwei von drei Plätzen belegt, mit aktuell durchschnittlich fast 50.000 Zuschauern wäre der Verein in der 1. Liga auf Platz 8. Und was das angeblich fehlende Geld angeht, von dem Bayern-München-Ikone Uli Hoeneß mal sagte, es schieße Tore: Wenn es einen Titel dafür gebe, in kürzester Zeit so viel Geld wie möglich für folgenlose Spielereinkäufe zu verbrennen, könnte sich Hertha, zwischenzeitlich selbsternannter Weltstadtklub, große Hoffnungen darauf machen.
Wenn es bei den anderen, meisterlichen Berliner Ballsportarten eine Gemeinsamkeit gibt, dann ist es Konstanz in Management und Geschäftsführung. Bei den BR Volley und bei Alba sind seit über 30 Jahren dieselben Männer im Amt, Kaweh Niroomand und Mario Baldi, bei den Füchsen ist das mit Bob Hanning immerhin auch schon seit zwei Jahrzehnten so.
Konstanz im Management
Bei Hertha ist man davon weit entfernt – der aktuelle Geschäftsführer kam 2025 ins Amt. Der sah im RBB-Interview die Zukunft seines Vereins so: „als soliden Bundesligisten, der auch immer wieder an europäische Wettbewerbe anklopft“. Die Eisbären, Volleys, Füchse & Co werden währenddessen mutmaßlich die nächsten Titel gewinnen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert