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Trainerinnendebüt im MännerfußballFrau Eta im Vergleich

Warum die Verpflichtung einer Männer-Cheftrainerin nur eine Etappe in einem wichtigen Kampf ist. Das lehrt schon die Geschichte des Sports.

Noch weit weg von der Normalität: Marie-Louise Eta zieht vor ihrer Premiere besonders große Aufmerksamkeit auf sich Foto: Andreas Gora/dpa

R eden wir doch einfach mal nicht darüber, ob eine qualifizierte Frau wirklich das machen kann, was ihre Qualifikation nahelegt: im Fall der ausgebildeten Fußballlehrerin Marie-Louise Eta also, das Profiteam des 1. FC Union Berlin zu leiten. Das kann sie nämlich.

Reden wir stattdessen darüber, dass es den Sport, dieses etwa 150-jährige gesellschaftliche Phänomen, charakterisiert, große und kleine soziale Gruppen systematisch auszuschließen: Im Fall von Marie-Louise Eta geht es darum, den völlig irrationalen Ausschluss von Frauen zu beenden.

Eine andere große gesellschaftliche Gruppe, die systematisch draußen bleiben musste, waren Afroamerikaner im US-Sport. Schaut man sich deren Integration ins Profigeschäft an, tun sich ein paar Parallelen zu Frau Eta auf.

Als erster Schwarzer Profi in der mächtigen Major League Baseball (MLB) gilt Jackie Robinson. Das ist zwar nur so halb richtig, weil es in den 1890er Jahren schon afroamerikanische Spitzenspieler gab, die schlicht hinausgedrängt wurden. Aus keinem anderen Grund denn Rassismus.

Das verhält sich mit Frauen im Fußball durchaus ähnlich: In den 1910er Jahren war die englische Frauenliga dabei, den Männern den Rang abzulaufen. Als sie zu erfolgreich agierte, wurde sie verboten. Im historischen Gedächtnis taucht sie kaum noch auf.

Hoffentlich dauert das Eta-Experiment nicht auch 80 Jahre

Als Jackie Robinson 1947 bei den Brooklyn Dodgers auflief, war er gar nicht der beste Schwarze Baseballprofi seiner Zeit. Bessere Spieler wie Satchel Paige brillierten in den sogenannten Negro Leagues. Robinson galt jedoch unter den guten Profis als derjenige, der mit dem zu erwartenden Druck am ehesten umgehen konnte. Auch hier gibt es eine Parallele zu Eta: Deutlich schwerer als das Projekt, den ja gar nicht wirklich abstiegsgefährdeten 1. FC Union in der Bundesliga zu halten, dürfte der auf ihr lastende Druck sein, dass künftig für jede Niederlage ihr Geschlecht als Ursache ausgemacht wird. Die Dodgers gaben übrigens 1947 eine sozialwissenschaftliche Studie in Auftrag, um herauszufinden, wie die (weiße Mehrheits-)Gesellschaft auf einen Schwarzen Baseballprofi reagiert. Wäre ja für Union auch eine Idee.

Treibende Kraft der Verpflichtung Robinsons war Dodgers-Manager Branch Rickey. Ihn als Menschenfreund zu beschreiben, ginge fehl. Nicht nur, dass er bestimmte Gruppen hasste, etwa Juden und Katholiken, auch für die Integration von Afroamerikanern hatte er vor allem ökonomische Motive. Rickey störte sich daran, dass es neben der weißen MLB die von Schwarzen Unternehmern betriebenen „Negro Leagues“ gab. An deren geschäftlichen Erfolg wollte er ran und warb deren Stars ab – letztlich mit Erfolg.

Vergleichbares lässt sich über den FC Union nicht behaupten, doch so ganz ist die Theorie vom PR-Coup nicht von der Hand zu weisen: Aus dem Köpenicker Verein, dessen Defensive schon 50 Gegentore zugelassen hat, wurde plötzlich der modernste und innovativste Fußballklub der Welt. Wenn sich der internationale Zuspruch auch ökonomisch ausdrücken wird, etwa in Form von Sponsoren, dürfte sich niemand wundern.

Der Historiker Jules Tygiel hat die gesellschaftliche Bedeutung Robinsons in dem Buch „Baseball’s Great Experiment“ analysiert. Sein resignativer Schluss etliche Jahrzehnte später lautet: „In Wirklichkeit läuft das Experiment bis in die Gegenwart.“

Robinson lief vor etwa 80 Jahren erstmals in einem weißen Team auf. Marie-Louise Eta betreut ihr Männerteam an diesem Wochenende erstmals. Hoffentlich dauert das Eta-Experiment nicht auch 80 Jahre.

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Martin Krauss
Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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