Streit um Omri Boehm in Buchenwald: Der Kritiker stört
Der Philosoph Omri Boehm soll nicht in Buchenwald sprechen. Israelische Regierungsvertreter werfen ihm „Instrumentalisierung“ des Holocaust vor.

Am 11. April 1945 wurde das Konzentrationslager Buchenwald befreit. Panzerdivisionen der 3. US-Armee überrollten den Bereich der SS. Widerstandsgruppen des Internationalen Lagerkomitees besetzten das Lagertor. Am Sonntag wird der Befreiung gedacht, sprechen sollen unter anderem der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff, Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und Naftali Fürst, der das Lager überlebte. Der Philosoph Omri Boehm, der auf der zentralen Gedenkveranstaltung sprechen sollte, wird jedoch keine Rede halten, es kam zum Konflikt zwischen der Gedenkstätte und Vertretern der israelischen Regierung.
Sie werfen Boehm vor, den Holocaust mit der Nakba zu vergleichen. Er sei ein Wortführer jener, die das Gedenken an den Holocaust „instrumentalisierten“. Boehm einzuladen sei nicht nur empörend, sondern „eine eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer“.
Diese Vorwürfe sind so schwerwiegend wie unpräzise. Letzteres mag daran liegen, dass man Boehm – der sich auf den Humanismus und die Vernunft der Aufklärung beruft und sich mit einer Präzision, die man penibel nennen könnte, auszudrücken pflegt – derart platte Behauptungen und Absichten schwerlich wird nachweisen können.
Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, sagte dem RBB, er habe dem Druck nachgegeben, um zu verhindern, dass Überlebende in den Streit hineingezogen werden. „Einem Enkel einer Holocaust-Überlebenden das Wort zu versagen, das ist wirklich das Schlimmste, was ich in 25 Jahren Gedenkstättenarbeit erlebt habe.“ Hier werde Geschichtspolitik auf dem Rücken der Opfer betrieben.
Der Angriff auf Boehm folgt einem Muster
Boehm hat sich scharf gegen linke Apologeten des antisemitischen Hamas-Terrors gewandt und kritisiert die „postkolonial“ begründete Argumentation, Humanismus sei eine westliche Ideologie, die sich gegen Nichtweiße richte. Vor Kurzem plädierte er dafür, den Begriff des Genozids korrekt anzuwenden: „Benutzt Kategorien des Völkerrechts als juristische Begriffe, und zwar in scharfer Abgrenzung von einer moralischen und ideologischen Verwendung.“
Der Angriff auf die Reputation des Philosophen dürfte vielmehr mit dem Umstand zu tun haben, dass Boehm die Politik der derzeitigen israelischen Regierung kritisiert und den Vorwurf für plausibel hält, dass die israelischen Streitkräfte im Gazakrieg „schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begangen haben. Er besteht auf der Universalität der Menschenrechte.
Die Verurteilung Boehms folgt demselben Muster wie die vor Kurzem erfolgte Intervention des israelischen Bildungsministers, der die Verleihung des renommierten Israel-Preises an die Soziologin Eva Illouz untersagte, die seit dem 7. Oktober eine der eloquentesten Botschafterinnen der israelischen Demokratie ist. Deren Interessen scheinen jedoch in Regierungskreisen derzeit wenig Fürsprecher zu haben.
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